28-Jähriger bilanziert die Hinrunde des SC Paderborn Christian Strohdiek: »Wir haben als Team nicht funktioniert«

Paderborn(WB). Christian Strohdiek spielte seit der Jugend beim SC Paderborn und kehrte nach einem Jahr bei Fortuna Düsseldorf im Sommer zum SCP zurück. Über eine turbulente Hinrunde, den Trainerwechsel, die Rückkehr von Präsident Wilfried Finke und darüber, wie ein Verkehrsunfall sein Leben verändert hat, sprach Redakteur Peter Klute mit dem 28-Jährigen.

Christian Strohdiek in der Paderborner Innenstadt. Die Rückkehr im vergangenen Sommer zum SCP, nach einem Jahr in Düsseldorf, habe er zu keinem Zeitpunkt bereut.
Christian Strohdiek in der Paderborner Innenstadt. Die Rückkehr im vergangenen Sommer zum SCP, nach einem Jahr in Düsseldorf, habe er zu keinem Zeitpunkt bereut. Foto: Besim Mazhiqi

Herr Strohdiek, mit der Hinrundenbilanz kann niemand beim SC Paderborn zufrieden sein. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Christian Strohdiek: Wir haben eine sehr schwierige Halbserie gespielt, in die wir mit sehr viel Euphorie gestartet sind. Jeder Spieler hatte hohe Erwartungen, und ich denke, dass wir als Team die 3. Liga ein Stück weit unterschätzt haben. Dort geht es in erster Linie nicht ums Fußball spielen, sondern um einen Abnutzungskampf. Das war uns allen nicht so klar. So sind die Spiele dann auch verlaufen. Wir sind nicht in der Lage gewesen, den Plan, den wir uns vorgenommen haben, als Team über 90 Minuten umzusetzen. Es gab immer mal gute Phasen, aber keine Konstanz. Nach Gegentoren haben wir als Spieler vielleicht zu sehr an uns selbst gedacht und sind dann als Mannschaft, wie in Regensburg, Zwickau oder Lotte, in unsere Einzelteile zerfallen. Man muss sich ganz klar eingestehen, dass wir da als Team nicht funktioniert haben. Die wichtigste Erkenntnis der Hinrunde war, dass es nur über den Kampf geht.

Hat Ex-Trainer René Müller die Spieler zu lange in Schutz genommen?

Strohdiek: Es gibt Spieler, denen musst du jede Woche Zucker in den Hintern blasen, damit sie ihre besten Leistungen bringen. Und dann gibt es Spieler, denen musst du ständig auf die Füße treten, auch wenn sie gut gespielt haben. Sagen wir es mal so: Es hat uns gut getan, dass vom neuen Trainer Stefan Emmerling deutliche Ansprachen gekommen sind, wo der einzelne Spieler sich auch mal hinterfragt hat. Wir spielen ein neues System und alles steht und fällt mit den Zweikämpfen, Erst wenn wir die gewinnen, können wir unsere individuellen Qualitäten einbringen. Es geht darum, einfach zu spielen.

Muss ein Spieler sich nicht von alleine hinterfragen?

Strohdiek: Natürlich. Aber jeder Spieler ist unterschiedlich. Der eine nimmt seine Emotionen mit nach Hause, beschäftigt sich mit nichts anderem und bekommt den Kopf nicht mehr frei. Für andere ist ein Spiel nach der Analyse abgehakt und sie lenken sich zu Hause bei ihrer Familie ab. Natürlich waren die Ansprachen von Herrn Emmerling für uns nicht angenehm und für ihn war es sicher auch nicht einfach, neu irgendwo hinzukommen und zu sagen, hier ist vieles schlecht. Aber vielleicht hat das gefehlt, zumindest tragen die Worte Früchte.

Haben Sie es bereut, zum SCP zurückgekehrt zu sein?

Strohdiek: Nein, zu keinem Moment. Mir war klar, man kann nicht nach Paderborn zurückkommen, nach zwei Abstiegen, die der Verein mitgemacht hat und nach meiner Vergangenheit in Düsseldorf, und hier die Liga dominieren und alle an die Wand spielen. Ich wusste, dass es schwierig werden kann, ein erfolgreiches Team zu formen, das aus Spielern besteht, die überwiegend Abstiege und negative Erlebnisse hinter sich haben. Diese Mannschaft konnte gar nicht vor Selbstbewusstsein strotzen. Alle haben gedacht: Ich möchte nicht noch mal absteigen. Ich möchte nicht noch mal so eine Saison erleben. So sind wir in einen Trott gekommen, in dem jeder nur mit sich beschäftigt war.

Sie gingen als Erstligaspieler und konnten der Mannschaft am Anfang nicht mal in der 3. Liga helfen, wirkten verunsichert. Welche Erklärung haben Sie?

Strohdiek: Vielleicht hatte ich die Zeit in Düsseldorf im Hinterkopf und habe mir selbst einen zu großen Rucksack auf die Schultern gepackt, wollte alles zu sehr in die Hand nehmen und es besonders gut machen. Das ist in die Hose gegangen und ich musste mir eingestehen, dass man die eigenen Erwartungen zurückschrauben und erst mal ankommen muss.

Wie ist bei Ihnen die Rückkehr von Wilfried Finke als Präsident angekommen?

Strohdiek: Was Wilfried Finke für diesen Verein bedeutet, kann man nicht in Worte fassen. Ich weiß, welche Ausstrahlung er hat. Wenn er den Raum betritt, ist eine andere Präsenz da, auch ohne dass er etwas sagt. Als er vor seinem Amtsantritt in der Kabine war, hat es schon einen gewissen Eindruck auf die Spieler gemacht, denn die meisten kannten ihn ja gar nicht. Das kann ein Baustein gewesen sein, warum es seit zwei Spielen besser läuft.

In der 1. Liga haben Sie auswärts vor bis zu 80 000 Zuschauern gespielt, die Benteler-Arena war immer ausverkauft. Was denken Sie, wenn jetzt nur noch 3000 Fans kommen?

Strohdiek: Dass das ein Spiegelbild unserer Arbeit ist. Es ist ein komisches Gefühl, in die eigene Arena zu kommen und es sind mehr Sitzschalen frei als besetzt. Wie jetzt gegen Osnabrück macht es uns Spielern natürlich mehr Spaß, wenn das Stadion gut gefüllt ist und die Zuschauer euphorisiert sind. Aber wie soll das sein, wenn die Leistung nicht stimmt. Da kann man es keinem verdenken, wenn er nicht ins Stadion geht. Wir sind keine Entertainer, aber wir müssen unserem Publikum bedingungslose Leidenschaft bieten. Unabhängig vom Ergebnis.

Wie lautet Ihr Ziel für die Rückrunde?

Strohdiek: Ich möchte das nicht an Punkten und einem Tabellenplatz festmachen, und wir sollten jetzt auch nicht in zu große Euphorie verfallen, nur weil wir zwei Spiele in Folge gewonnen haben. Wir sollten die Hinrunde nicht vergessen und diese als Mahnmal vor Augen haben, dass es so nicht geht. Wir dürfen nicht den Fehler machen und sagen, jetzt funktioniert alles. Wir wollen uns stabilisieren, das ist mein Wunsch zu Weihnachten. Was am Ende rauskommt, kann keiner sagen.

Im Februar 2015 hatten Sie einen schweren Verkehrsunfall. Hat Sie das verändert?

Strohdiek: Natürlich bleibt da etwas. Die Einstellung hat sich verändert, weil ich weiß, dass das Leben schnell vorbei sein kann. Ich habe zu dem Zeitpunkt in der 1. Liga gespielt und meinen Traum gelebt. Ich war mit meiner Mama auf dem Weg zur Oma und dann passiert so etwas. Das war die schlimmste Nacht meines Lebens, im Krankenhaus zu liegen, nicht zu wissen, was die Mama macht und der Unfall läuft immer wieder vor dir ab. Man fragt sich, was hätte man anders machen können und findet keine Antworten. Was ich aber nie verarbeiten werde, ist, dass der Unfallverursacher sich bis heute nicht gemeldet hat. Ich verurteile diesen Menschen nicht und bin ihm auch nicht böse, aber er hat uns einfach zurückgelassen. Wie man so etwas mit seinem Gewissen vereinbaren und mit so einer Schuld leben kann, ist mir ein Rätsel. Fehler passieren, aber man sollte dazu stehen. Ich bin froh, dass ich in einem Auto mit einem hohen Sicherheitsstandard gesessen habe. Als ich meine Mutter aus dem Krankenhaus geholt habe, sind wir sofort auf die Autobahn und an der Unfallstelle vorbeigefahren. So haben wir uns quasi therapiert. Aber die Bilder werde ich nie vergessen.

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