Syrische Flüchtlingsfamilie sorgt sich um ihr herzkrankes Mädchen – Hospizdienst hilft Hoffnung auf ein neues Leben

Paderborn (WB). Zusammen mit ihrem Vater und ihren beiden Geschwistern lächelt Fatema (16) in die Kamera. Ihr Strahlen lässt für einen Moment vergessen, dass das Mädchen an einer sehr, sehr schweren Herzkrankheit leidet.

Von Christian Althoff
Ghamgin Abdulkader mit seinen Töchtern Zahraa und Fatema im April im Herzzentrum.
Ghamgin Abdulkader mit seinen Töchtern Zahraa und Fatema im April im Herzzentrum. Foto: Oliver Schwabe

Ghamgin Abdulkader (52) lebt mit seinen drei Kindern in einer kleinen Wohnung am Stadtrand von Paderborn. Im Wohnzimmer steht ein künstlicher Weihnachtsbaum, an den Zweigen glänzen rote und goldene Kugeln. »Wir sind Muslime, aber wir hatten in Syrien viel Kontakt zu Christen. Da haben wir den Brauch mit dem Weihnachtsbaum kennengelernt«, erzählt der Vater auf syrisch, und Mathia Mazzek von der Caritas übersetzt.

2013 floh Ghamgin Abdulkader nach Deutschland und holte später seine Frau und die drei Kinder nach. Der Bauarbeiter erzählt, er habe bei einer Kundgebung gegen Assad auf der Schulter eines anderen Mannes gesessen und ein selbst geschriebenes Gedicht ge­gen die Regierung vorgetragen. »Da haben mich Sicherheitsleute mitgenommen.« In einem Gefängnis sei er gefoltert worden, sagt er. »Sie haben mir die Zehennägel ausgerissen.«

Asylanträge anerkannt

Die Asylanträge der Abdulkaders wurden anerkannt, und doch führen sie in Deutschland kein unbeschwertes Leben. Fatema (16), Mohammad (15) und Zahraa (9) gehen zur Schule, haben aber noch keine Kontakte zu Gleichaltrigen knüpfen können. Sie seien schüchtern und hätten auf der Flucht sehr viele schlimme Dinge gesehen, sagt der Vater. »Und die Sorge um Fatema belastet die Geschwister natürlich auch.«

Fatema kam mit einem komplexen Herzfehler zur Welt, der dazu führt, dass sie nicht genügend Sauerstoff bekommt. In westlichen Ländern operiert man solche Kinder in jungen Jahren mehrfach, doch das war bei Fatema nicht möglich. »Syrische Ärzte konnten das nicht, und für eine Operation im Libanon fehlte uns das Geld«, sagt der Vater.  Und so bestand die »Therapie« nach seinen Worten darin, dass Fatema jahrelang Aspirin nahm.

Ein Paderborner Kinderkardiologe überwies die lebensgefährlich erkrankte Schülerin schließlich ins Herzzentrum nach Bad Oeynhausen, wo Fatema im April operiert wurde. Doch aus ihrem fehlgebildeten Herzen konnte kein normales geformt werden. Wenn sich Fatemas Sauerstoffwerte weiter verschlechtern, kann sie nur noch auf eine Herztransplantation hoffen.

Schwierigkeiten mit dem Leben in Deutschland

Obwohl Fatema völlig entkräftet ist und trotz ihrer 16 Jahre nur 29 Kilogramm wiegt, bestand die Mutter angeblich darauf, dass sie im Ramadan fastete. Die streng gläubige Muslimin hatte offenbar Schwierigkeiten mit dem Leben in Deutschland und kehrte ihrem Ehemann und den Kindern vor einigen Monaten den Rücken. »Sie kümmert sich jetzt im Libanon um ihre kranke Mutter«, sagt der alleinerziehende Vater.

Über die Caritas bekam die Familie Kontakt zum Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst Paderborn-Höxter. Im Wechsel besuchen die ehrenamtlichen Helferinnen Gertrud Koke (68) und Erika Berkemeier (65) die drei Geschwister und verschaffen ihnen ein paar schöne Stunden. Gertrud Koke: »Die Kinder sind oft bedrückt. Ich bastele mit Fatema, oder ich gehe mit ihr spazieren. An manchen Tagen ist sie allerdings so schwach, dass sie ihre Füße nicht richtig heben kann und eine Ewigkeit braucht, um eine Kugel Eis zu essen.« Die 68-Jährige hilft dem Mädchen, Deutsch zu lernen, und Fatema bringt der Ehrenamtlichen Arabisch bei. »Ich habe mir extra ein Vokabelheft gekauft«, sagt Gertrud Koke und lacht.

Auf den Hospizdienst angesprochen, sagt Ghamgin Abdulkader: »Das Wort ›gut‹ ist ein viel zu kleines Wort für das, was diese Frauen für meine Kinder tun. In unserer Heimat hat niemand so mit Fatema mitgefühlt wie sie. Von diesen zwei Frauen haben wir den besten Eindruck von Deutschland.«

Gertrud Koke weiß, dass Fatemas Schicksal den Vater viel mehr umtreibt, als er zugeben möchte. »Ich habe von ihm gehört, dass er nachts weint. Richtig froh ist er nur, wenn er sieht, dass seine Kinder Freude haben.«

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