Leony (10) erleidet auf dem Spielplatz einen Schlaganfall Ihr Traum vom Profifußball bleibt

Bremen (WB). Sie war ein Fußball-Ass. Leony spielte in der Kreisauswahl und stand ganz oben auf der Bewerberliste für ein Fußballinternat in den Niederlanden. Jetzt steht die Zehnjährige wieder ganz am Anfang: Sie muss das Laufen wieder lernen.

Von Christian Althoff
Training in der Rehaklinik Friedehorst: Physiotherapeutin Maria Hackstedt hält Leony fest, während die Zehnjährige versucht, zu laufen. Das Mädchen aus Filsum in Ostfriesland hatte im September beim Spielen einen Schlaganfall erlitten.
Training in der Rehaklinik Friedehorst: Physiotherapeutin Maria Hackstedt hält Leony fest, während die Zehnjährige versucht, zu laufen. Das Mädchen aus Filsum in Ostfriesland hatte im September beim Spielen einen Schlaganfall erlitten. Foto: Oliver Schwabe

Bremen, Diakonische Stiftung Friedehorst. Hier beginnt für viele Menschen mit schweren neurologischen Schäden die Rehabilitation. Die Patienten kommen aus dem In- und Ausland. Babys, Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Manche bleiben drei Wochen, andere ein Jahr. Sie sind ohne Helm mit dem Fahrrad gestürzt, hatten einen Schlaganfall, haben Badeunfälle überlebt oder eine Hirnhautentzündung hinter sich. Im Rehazentrum Friedehorst stehen ihnen Ärzte, Psychologen, Lehrer und Therapeuten zur Seite – wie Marco Vollers, der hier seit fast 20 Jahren als Musiktherapeut, Fallmanager und Leiter des sozialpädagogischen Dienstes arbeitet. Seit 2012 ist er außerdem Deutschlands erster Kinder-Schlaganfall-Lotse, finanziert von der Gütersloher Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.

»Marco hat mir viele Ängste genommen«, sagt Leonys Mutter Tina Heyken. Seit drei Monaten lebt die Verkäuferin aus Filsum mit ihrer Tochter in der Rehaklinik. Wenn sie sich schlecht fühlt oder Fragen hat, spricht sie den Schlaganfall-Lotsen an. »Ich bin in dieser Funktion aber nicht nur für unsere Patienten da«, sagt Vollers. Bundesweit betreut er am Telefon und per E-Mail inzwischen fast 200 Eltern, deren Kinder einen Schlaganfall hatte. »Ich helfe ihnen beim Beantragen von Hilfsmitteln, informiere sie über Behandlungen und vermittele Adressen von Therapeuten.« Und er baut Eltern auf, die oft wie vom Schlag getroffen sind, wenn sie die Diagnose hören.
 Auch Tina Heyken ging es so. »Leony hatte immer nur Fußball im Kopf«, erzählt die Mutter, die zu Zweitligazeiten in der Frauenmannschaft des VFL Wolfsburg spielte. »Wenn Leony aus der Schule kam, warf sie ihre Tasche in die Ecke und rief: ›Ich bin weg!‹«

Dann kam der erste Schultag nach den Sommerferien. Leony tobte mit ihrem Bruder Pascal (15) auf dem Spielplatz, als sie einen Stich im Kopf spürte und umfiel. »Sie hatte Schaum vor dem Mund. Pascal hat sie in die Stabile Seitenlage gedreht und den Notarzt gerufen«, erzählt die Mutter. Im Krankenhaus Leer habe eine Ärztin von einem Migräneanfall gesprochen, sagt Tina Heyken. Das überrascht den Schlaganfall-Lotsen Marco Vollers nicht: »Bei Kindern denken Ärzte oft an alles Mögliche, aber eben nicht an einen Schlaganfall.«

Bei Leony stand diese Diagnose erst am nächsten Tag fest, als die Zehnjährige für eine MRT ins Krankenhaus nach Oldenburg verlegt wurde. Das Mädchen kam sofort auf die Intensivstation.

Der Schaden ist groß. Zum Beispiel ist Leonys Kurzzeitgedächtnis weg. »Als ich letztens mit ihr Plätzchen gebacken habe, habe ich Fotos davon gemacht, um ihr die abends noch mal zu zeigen«, sagt die Mutter. Leony kann nicht mehr lesen, kann nicht mehr schreiben, und ihre linke Seite ist gelähmt. Drei Stunden Schulunterricht bestimmen ihren Vormittag in der Klinik Friedehorst, nach dem Mittagessen geht es auf Krücken zur Physiotherapie. Auf einem Laufband soll das Mädchen lernen, sein linkes Bein wieder zu gebrauchen »Ich will wieder Fußball spielen!«, sagt die Zehnjährige kämpferisch.

»Leonys großer Vorteil ist, dass sie den Sport so liebt«, sagt Schlaganfall-Lotse Marco Vollers. Denn nur mit intensivem Training könnten Körperfunktionen aktiviert werden. Leonys Mutter ist immer dabei, seit zwölf Wochen. Es gab Tage, an denen sie vor Sorgen an ihre Grenzen kam. Der Tag, an dem sie in der Klinik erfuhr, dass ihr Sohn nicht mehr zur Schule ging, war so einer. »Es kam raus, dass Pascal wegen seiner behinderten Schwester von Mitschülern gehänselt wurde und er deshalb zu Hause blieb«, erzählt Tina Heyken. »Es macht mich natürlich fertig, wenn ich hier am Krankenbett sitze und mich nicht um meinen Sohn kümmern kann.«

Über Weihnachten dürfen Mutter und Tochter nach Hause, dann ist die Familie für ein paar Tage vereint. Tina Heyken und ihr Verlobter André Terveer wollen dann ihren Plan vorantreiben, das Badezimmer behindertengerecht umzubauen.

Video der Stiftung »Deutsche Schlaganfall-Hillfe«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.