Im Garten von Familie Werth in Paderborn liegt die 1800-Kilo-Bombe Wohnen auf dem Pulverfass

Paderborn (WB). Aufregende Tage liegen hinter Familie Werth aus Paderborn. Und wohl auch noch vor ihr. In ihrem Garten ist am Mittwoch eine 1800-Kilo-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt worden. Sie ist der Grund für die größte Evakuierung in der Paderborner Nachkriegsgeschichte am nächsten Sonntag.

Von Jürgen Vahle
Im Garten von Katja und Stefan Werth (mit Tochter Mira) ist eine britische 1800-Kilo-Bombe entdeckt worden. Der Blindgänger soll am Sonntag entschärft werden. 26.300 Paderborner müssen ihre Häuser, Wohnungen oder Krankenzimmer verlassen.
Im Garten von Katja und Stefan Werth (mit Tochter Mira) ist eine britische 1800-Kilo-Bombe entdeckt worden. Der Blindgänger soll am Sonntag entschärft werden. 26.300 Paderborner müssen ihre Häuser, Wohnungen oder Krankenzimmer verlassen. Foto: Jürgen Vahle

Wie am Freitag berichtet, müssen 26.300 Paderborner am 8. April ihre Häuser und Wohnungen verlassen. Drei Krankenhäuser werden geräumt, etliche Pflegeheime ebenfalls. Für die Dauer der Entschärfung gilt ein 1,5 Kilometer großer Sicherheitsradius um den Fundort am Peter-Hille-Weg.

Familie Werth lässt gerade in ihrem Garten Terrassen anlegen. Da dies mit Schaufel und Spitzhacke kaum zu machen ist, haben Stefan (40) und Katja Werth (31) einen Gartenbaubetrieb beauftragt. Stefan Werth arbeitet als Lehrer am Ludwig-Erhard-Berufskolleg, seine Frau Katja am Berufskolleg Schloß Neuhaus. Da waren die Osterferien gerade der richtige Zeitpunkt, um mit den Arbeiten zu beginnen.

Mit dem Vorschlaghammer auf den Metallkörper

Dass die Bombe kein alter Öltank war, fand Stefan Werth im Internet heraus.

Außerdem sollte der Garten fertig sein, wenn in sechs Wochen das zweite Kind der Familie auf die Welt kommt. Einige Tage waren die Gartenbauer bereits mit den Erdarbeiten beschäftigt, als am Mittwochnachmittag der Bagger still stand. Der Fahrer war auf einen größeren Metallgegenstand gestoßen. Die Arbeiter dachten zuerst an einen alten Boiler oder Öltank. Doch irgendwie kam Stefan Werth die Angelegenheit seltsam vor – besonders als der Gartenbauer mit einem Vorschlaghammer auf den Metallkörper schlug und es ein dumpfes Geräusch gab.

Der 40-Jährige tat das einzig richtige. Er stoppte die Arbeiten – und rettete mit seinem Bauchgefühl vielleicht sich, seiner Frau, seiner kleinen Tochter Mira-Marleen (2) und vielen Hundert weiteren Paderbornern das Leben.

Der Pädagoge schaltete den Computer ein und kurze Zeit später spuckte die Internet-Suchmaschine Bilder einer Bombenentschärfung aus Frankfurt aus. Der Metallkörper ähnelte dem in seinem Garten verblüffend. Stefan Werth informierte das Ordnungsamt, das den Kampfmittelräumdienst einschaltete.

»HC 4000 – Blockbuster«

90 Minuten später standen die Experten in seinem Garten am Peter-Hille-Weg. Schnell war klar, dass es sich um eine britische Bombe des Typs »HC 4000 – Blockbuster« handelt, zwei Tonnen schwer, groß wie ein amerikanischer Kühlschrank und gefüllt mit 1650 Kilo Sprengstoff. »Wäre die in die Luft gegangen, hätte im Umkreis von 100 Metern kein Haus mehr gestanden«, hat Stefan Werth erfahren.

Alles noch mal gut gegangen – bislang jedenfalls. Erst am Sonntagabend steht fest, ob die Entschärfung geklappt hat und 26.300 Paderborner wieder zurück in ihre Häuser und Wohnungen oder in ihre Krankenzimmer dürfen. Familie Werth wohnt derweil im wahrsten Sinne des Wortes auf einem Pulverfass – und nimmt es gelassen: »Schon von unserem Naturell her verfallen wir nicht so leicht in Panik«, berichtet Stefan Werth. Allerdings: »Ein bisschen schlecht schlafe ich schon«, sagt Katja Werth dann aber doch.

Sensationstourismus ist belastend

Einfach die Stadt zu verlassen, können die Werths allerdings auch nicht. Das lässt der Gesundheitszustand der hochschwangeren Hausbesitzerin nicht mehr zu: »Meine Ärztin hat mir absolute Ruhe verordnet. Das klappt aber irgendwie derzeit nicht.«

Noch belastender ist für die Familie jedoch der Sensationstourismus. Wenn die Werths von jedem Schaulustigen auch nur zwei Euro kassiert hätten, wäre der nächste Urlaub bereits locker bezahlt. Auch anonyme Anrufer hat es schon gegeben, die etwas über die Bombe und die Entschärfung erfahren wollten. »Aber wir wissen auch nicht mehr, als in der Presse steht«, sagt Stefan Werth. Jetzt fährt die Polizei regelmäßig Streife und die Bombe ist bis zur Entschärfung wieder mit Erde bedeckt worden.

Lesen Sie auch

So soll die Evakuierung in Paderborn ablaufen

»Pro Kilogramm Sprengstoff einen Meter Abstand«

Wollen Sie helfen?

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.