Dr. Nahlah Saimeh übergibt Gericht Gutachten im »Horror-Haus«-Fall »Wilfried W. gehört in die Psychiatrie«

Paderborn (WB). Im »Horror-Haus«-Prozess liegt dem Gericht das lange erwartete Gutachten über Wilfried W. (48) vor. Dr. Nahlah Saimeh empfiehlt, ihn in der Psychiatrie unterzubringen und ihm später ein Leben in Freiheit nur in einer beaufsichtigten Wohngruppe zu ermöglichen.

Von Christian Althoff
Dr. Nahlah Saimeh.
Dr. Nahlah Saimeh.

Wilfried W. soll einen IQ von 59 haben.

Die fast 400 Seiten starke Expertise stellt das Gutachten auf den Kopf, das der inzwischen entpflichtete Gutachter Prof. Michael Osterheider erstellt hatte und auf dem die Anklage fußte. Während Osterheider gesagt hatte, Wilfried W. sei voll schuldfähig, neige zu sexuellem Sadismus, sei die treibende Kraft gewesen und gehöre nach der Haft in Sicherungsverwahrung, kommt Dr. Nahlah Saimeh in allen Punkten zu gegensätzlichen Ergebnissen.

Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika stehen seit Oktober 2016 wegen Mordes in Paderborn vor Gericht. Sie sollen in ihrem Haus in Höxter-Bosseborn Frauen eingesperrt und gequält haben. Zwei überlebten ihr Martyrium nicht.

Ermittelt wurde ein IQ von 59

Nachdem Prof. Osterheider aus dem Verfahren raus ist (er hatte unter anderem behauptet, Wilfried W. an einem bestimmten Tag untersucht zu haben, was aber nicht stimmte), hatte Dr. Nahlah Saimeh die Begutachtung von Wilfried W. übernommen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass bei ihm eine »erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit« vorliegt, aus der eine eingeschränkte Schuldfähigkeit resultiert.

Begründet sieht die Gutachterin das in einer erheblichen Intelligenzminderung (ermittelt wurde ein IQ von 59) und in einer Persönlichkeitsstörung, die sich in seiner Abhängigkeit von Angelika W. zeige. Als Beispiel für sein begrenztes Denken führt sie an, dass Wilfried W. eine angekettete Frau nicht etwa losgemacht hatte, damit sie zur Toilette konnte, sondern eine Plane unter sie gelegt hatte. Wilfried W. sei kein Sadist und habe auch keine entsprechenden sexuellen Neigungen, schreibt Dr. Nahlah Saimeh.

Nach Ansicht der Expertin ist Wilfried W. naiv, ohne jede moralische Urteilsfähigkeit, selbstunsicher und von Angelika W. abhängig. Er treffe kaum Entscheidungen und sei froh, wenn er jemanden habe, der den Ton angebe, schreibt die Gutachterin. Der schwachbegabte Wilfried W. sei quasi aus der Obhut seiner Mutter in die von Angelika W. gewechselt. Dem sei entgegengekommen, dass Angelika W. das Bedürfnis habe, dominant zu sein und die Kontrolle zu übernehmen. Insofern hätten sich beide ergänzt.

Wie Kinder eines Spielzeugs überdrüssig

Die Darstellung der Mitangeklagten, sie sei, obwohl sie von ihm misshandelt worden sei, aus Pflichtbewusstsein und Loyalität bei Wilfried W. geblieben, hält die Gutachterin für eine Strategie, um das eigene Tun zu rechtfertigen.

Wie Kinder eines Spielzeugs überdrüssig würden sei Wilfried W. schnell von Frauen gelangweilt gewesen. Das »Zerstören des Spielzeugs« sei zunehmend von Angelika W. übernommen worden. Sie habe Freude daran gehabt, den geistig völlig unterlegenen Wilfried W. und seine zum Teil ebenfalls minderbegabten Freundinnen zu manipulieren. Auch in dem Fall von 1994, als Wilfried W. seine erste Ehefrau misshandelt hatte, hält die Gutachterin es für möglich, dass die treibende Kraft seine damalige Geliebte war.

Saimeh sieht Wiederholungsgefahr

Generell sieht Dr. Nahlah Saimeh bei Wilfried W. eine Wiederholungsgefahr. Seine Suche nach einer Traumfrau werde wohl wieder gewalttätig enden. Deshalb müsse versucht werden, seine Persönlichkeit in der Psychiatrie »nachzureifen«. Ein eigenverantwortliches Leben in einer eigenen Wohnung sei nicht möglich. Auf lange Sicht komme für Wilfried W. aber betreutes Wohnen mit hoher Sozialkontrolle in Frage. Den Wunsch nach einer festen Freundin solle Wilfried W. besser aufgeben, schreibt die Ärztin.

Dr. Detlev Binder, der Verteidiger von Wilfried W., wollte sich am Freitag noch nicht detailliert zu dem Gutachten äußern. »Ich konnte es noch nicht durcharbeiten. Es hat fast 400 Seiten.« Er sagte, das Ergebnis des Gutachtens freue ihn zwar. Es sei aber erschreckend, wenn es in einem Mordprozess zwei absolut gegensätzliche Expertisen gebe. Binder: »Wenn das möglich ist, ist es auch möglich, dass irgendwo Menschen zu Unrecht in der Sicherungsverwahrung sitzen.«

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