Tag 35 im »Horror-Haus«-Prozess: weitere Widersprüche um Prof. Dr. Wilfried Osterheider - mit Video Anwalt wirft Gutachter Betrug vor

Paderborn/Höxter (WB). Ausnahmsweise am Mittwoch geht der Prozess um das sogenannte »Horror-Haus« von Höxter-Bosseborn am Landgericht Paderborn weiter. Ein Psychologe wird angehört, der sich mit dem Angeklagten Wilfried W. unterhalten hat, und Mitarbeiter des in die Kritik geratenen Sachverständigen ist.

Von Ann-Christin Lüke
Psychologe Maximilian Wertz hat sich mehrfach mit Wilfried W. unterhalten. Er ist Mitarbeiter von Prof. Dr. Osterheider, der in der Kritik steht.
Psychologe Maximilian Wertz hat sich mehrfach mit Wilfried W. unterhalten. Er ist Mitarbeiter von Prof. Dr. Osterheider, der in der Kritik steht. Foto: Ann-Christin Like

Wie es mit dem psychologischen Gutachter Prof. Dr. Michael Osterheider selbst weitergeht, wird erst in der kommenden Woche entschieden. Er hatte zuletzt eine unglückliche Figur gemacht, ist aber nun aus gesundheitlichen Gründen nicht anwesend.

An diesem Prozesstag wird stattdessen Maximilian Wertz von der Uni Regensburg als Zeuge gehört. Der Psychologe ist vom Gericht bestellt worden, um gemeinsam mit Osterheider Wilfried W. zu explorieren. Neben Gesprächen zwischen Osterheider und dem Angeklagten, in denen er als Beisitzer und Protokollant fungiert habe, habe er sich auch alleine mit W. in der JVA unterhalten.

Am Gutachten von Osterheider selbst habe er aber nicht mitgearbeitet bzw. mitgeschrieben, so der Zeuge auf Nachfrage von Detlev Binder, Anwalt des Angeklagten. Binder hatte beantragt, den Gutachter vom Fall abzuberufen, da er an dessen Fähigkeiten zweifelt. Zudem wirft er ihm »grob schlampige Arbeit« vor.

In seinen Gesprächen mit W. sei es vor allem um die »kognitive Intelligenz« des Angeklagten gegangen, sowie psychosexuelle Komponente. Insgesamt 19 Stunden habe er den Angeklagten exploriert, gibt Maximilian Wertz an. 

Lieber mit Mädchen befreundet

Dabei spielte auch der Lebenslauf des Angeklagten eine Rolle: seine Zeit in der Grund- bzw. Sonderschule und schließlich der berufliche Werdegang. Über seine Schullaufbahn habe W. ihm berichtet, dass er Probleme mit seinen Mitschülern gehabt habe, da er diese auch an Lehrer »verpetzte«. Generell habe er sich besser mit Mädchen verstanden und diese auch vor anderen Jungen beschützt.

Nach der Schule habe es mehrere Anläufe für Ausbildungen gegeben, die aber abgebrochen wurden, darunter ein Praktikum in einer Kfz-Werkstatt.

»Sensibel, feinfühlig, ängstlich«

W. habe ihm erzählt, dass er massive Ängste vor den Gerichtsterminen gehabt habe. Dies zeigte sich in Schweißausbrüchen und Nägelkauen.

In der Selbstbeschreibung gab Wilfried W. an: Er nehme sich zu viel zu Herzen. Das hätten ihm auch seine Lehrer und ein Pastor bescheinigt. Sensibel, feinfühlig, ängstlich, so sah der Angeklagte sich im Gespräch mit Wertz. Ihm falle es schwer nein zu sagen. Er müsse erst »warm werden« mit Leuten und neige zu impulsiven Verhalten. Als Beispiel habe W. das »Hinterherwerfen von Flaschen« genannt.

Beziehungen mit 100 Frauen

In seinen Beziehungen habe er Kuschelsex bevorzugt. Zu härterem Sex sei es nur auf Nachfrage der Frauen gekommen. Über seine Ex-Frau und Mitangeklagte Angelika W. sagte er im Gespräch mit Wertz, diese habe bisexuelle Neigungen gehabt und sich auch an seine Partnerinnen »herangemacht«.

Insgesamt habe W. mit etwa 100 Frauen sexuellen Kontakt gehabt. Er habe nicht allein sein wollen.

Widersprüche des Gutachters

Der vorsitzende Richter Bernd Emminghaus möchte nun auf die Widersprüche eingehen, die am vorherigen Verhandlungstag entstanden sind. Zur Praktik »Decken-Alte« sagt Wertz: Dies sei explizit auf Angelika W. bezogen und auch nicht mit anderen Frauen praktiziert worden. Osterheider hatte in der Vorwoche ausgesagt, dass Wilfried W. die Strafe, bei der die Angeklagte in Decken eingewickelt wurde, bis ihr die Luft wegblieb, auch mit mindestens einer anderen Frau praktiziert habe. Dies aber an keiner Stelle im Gutachten erwähnt. Wertz beruft sich in seiner Aussage auf seine Erinnerungen von den Gesprächen.

Zum Tod des ersten Opfers Anika W haben die Angeklagten unterschiedliche Versionen geschildert. Angelika W. hatte ausgesagt, Anika W. sei auf dem Hof in Bosseborn schwer gestürzt und später verstorben. Im Gespräch mit dem Gutachter habe Wilfried W. aber erzählt, dass diese von Angelika W. erwürgt worden sei, berichtet Wertz nun.

Angelika W. habe Wilfried W. über die Todesursache selbst berichtet, ihr seien die Nerven durchgegangen, so der Angeklagte gegenüber Wertz und Osterheider.

Was geschah am 5. April?

Nun geht es speziell um einen Termin am 5. April 2017 in der JVA. In seinem Gutachten soll Osterheider geschrieben haben, bei W. in der JVA gewesen zu sein und dies auch als Explorationsgespräch abgerechnet haben.

Dies sei nicht der Fall gewesen sein, so Detlev Binder, der dies bei der Justizvollzugsanstalt erfragt habe. Lediglich Maximilian Wertz habe sich an diesem Tag zum Gespräch mit Wilfried W. getroffen. Der Vorwurf des Betrugs steht nun im Raum und, dass Osterheider bei seinen Abrechnungen falsche Angaben gemacht haben soll.

In dem Gespräch an besagtem Tag sei es um Zukunftswünsche des Angeklagten gegangen, wie Peter Wüller, Anwalt von Angelika W. mittels Gutachten des Sachverständigen festhält. W. sei gut gestimmt gewesen, heiße es, da er den vorgegangenen Prozesstag als positiv empfunden habe und die Zeugen die Wahrheit über ihn gesagt hätten.

Warum dieses Gespräch zwischen Wertz und dem Angeklagten in Osterheiders Gutachten aufgeführt werde, möchte Peter Wüller wissen. Wertz nimmt an, dass dieser sich auf seine Notizen stütze und diesen Umstand eventuell »vergessen habe zu erwähnen«.

Auf Wüllers Nachfrage, ob Osterheider an diesem Tag beim Gespräch anwesend gewesen sei, antwortet Wertz: »Dies kann ich ausschließen.«

Die Angaben Osterheiders sollen nun geprüft werden.

»Was dann sein wird, kann ich noch nicht sagen«, sagt Richter Emminghaus in der Verhandlung. Er wolle dem Sachverständigen die Möglichkeit geben, sich selbst dazu zu äußern. Eventuell könnte Gutachterin Dr. Nahlah Saimeh übernehmen,  die für Angelika W. im Prozess sitzt.

Der Prozess soll am kommenden Dienstag, 28. November, fortgesetzt werden. Allerdings wohl nur, wenn Osterheider dann vor Gericht erscheint und dazu Stellungnahmen kann. Denn Saimeh ist an diesem Tag nicht da. 

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