Drei Entschärfer nehmen sich am Sonntag die Paderborner Riesenbombe vor 1000 Euro Gefahrenzulage

Paderborn (WB). Am Sonntag wird Karl-Heinz Clemens, 57 Jahre alt aus Paderborn, zum Kaffeetrinken nicht zu Hause sein. Er ist einer von drei Entschärfern des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Westfalen-Lippe, die den 1,8-Tonnen schweren Blindgänger bändigen sollen.

Von Christian Althoff
Gemeinsam mit zwei Kollegen wird Karl-Heinz Clemens aus Paderborn die mit 1494 Kilogramm Sprengstoff gefüllte Bombe entschärfen.
Gemeinsam mit zwei Kollegen wird Karl-Heinz Clemens aus Paderborn die mit 1494 Kilogramm Sprengstoff gefüllte Bombe entschärfen. Foto: Jörn Hannemann

»So wie andere auf dem Bau arbeiten ist es mein Job, Bomben unschädlich zu machen«, sagt Clemens, und vielleicht ist das die Einstellung, die man für diesen Beruf braucht. Denn Ruhe und Gelassenheit sind wichtig, wenn man an Zündern hantiert, die seit Jahrzehnten in der Erde korrodieren.

Routine gibt es nicht

Die Dimension der riesigen Bombe vom Typ »HC 4000« stellt den Krisenstab im

Entschärfer Rainer Woitschek (57) aus Marsberg.

Paderborner Rathaus vor die gewaltige Aufgabe, am Sonntag mehr als 26.000 Menschen in Sicherheit zu bringen . Für die Entschärfer spielt es dagegen keine Rolle, ob sie eine 50-Kilogramm-Granate oder eine »HC 4000« mit bis zu 1500 Kilogramm Sprengstoff vor sich haben. Rainer Woitschek (57) aus Marsberg-Westheim, der am Sonntag das dreiköpfige Entschärferteam leiten wird: »Wir sind ja direkt an der Bombe dran. Wenn bei der Entschärfung etwas schief geht, ist es letztlich egal, wieviel Sprengstoff da drin war. Dann gibt es für uns keine Hilfe mehr.«

Routine gebe es in diesem Beruf nicht, aber Erfahrung, sagt Gerd Matthee (61) aus Detmold, der dritte im Bunde. Und trotzdem gebe es Unwägbarkeiten. »Wir können nicht in die Bomben hineinsehen. Manchmal bilden sich innen am Zünder Ausblühungen, die im schlimmsten Fall zünden können.«

Die Gefahr ist real – auch wenn es sehr selten zum Schlimmsten kommt. Vor zehn Jahren wurde ein Entschärfer (49) getötet, als er im Kreis Wesel im landeseigenen Munitionszerlegungsbetrieb eine Granate vor sich hatte. Es war der erste Todesfall in diesem Betrieb überhaupt.

Druckwelle des Bombemtyps besonders gefährlich

Trotz des Risikos sind mit dem Entschärfen keine Reichtümer zu verdienen. Ein

Entschärfer Gerd Matthee (61) aus Detmold.

Berufseinsteiger, der einen Metallberuf gelernt haben sollte und fast zwei Jahre lang weitergebildet wird, fängt mit 2381 Euro brutto an. Zusätzlich zahlt das Land NRW als Dienstherr eine monatliche Gefahrenzulage von 1000 Euro. Die ist immerhin mehr als dreimal so hoch wie die der Polizisten, die in Spezial-Einsatz-Kommandos arbeiten. Eine private Lebensversicherung haben die meisten Entschärfer nicht. »Die wäre einfach viel zu teuer. Man stuft uns da wie Hochseilartisten ein«, sagt Karl-Heinz Clemens. Deshalb hat das Land eine Gruppenunfallversicherung abgeschlossen. Wie auch immer diese Summen berechnet wurden: Im Todesfall werden 56.497,57 Euro gezahlt, bei Invalidität 111.995,51 Euro.

Die »HC 4000« ist ein seltener Blindgänger. Rainer Woitschek ist der einzige in dem Dreier-Team, der schon mit diesem Typ zu tun hatte: »2013 und 2014 in Dortmund.« Drei Zünder haben die Hersteller in den Kopf gebaut, um die Chance einer Auslösung zu erhöhen. Möglicherweise gibt es deshalb so wenig Blindgänger.

Diese Bomben haben eine vergleichsweise dünne Stahlhülle, weshalb sie auch nicht tief in die Erde eindringen können – das Paderborner Exemplar liegt nur etwa 80 Zentimeter tief. Im Gegensatz zu anderen Bomben tötete und zerstörte die »HC 4000« nicht dadurch, dass Menschen und Gebäude von Bombensplittern getroffen wurden. Bei der »HC 4000« mit ihrem dünnen Mantel war es vor allem die gewaltige Druckwelle, die Tod und Verderben brachte – zum ersten Mal 1941 beim Angriff auf Emden. Insgesamt soll die Royal Air Force 68.000 dieser Bomben abgeworfen haben, die von Fachleuten als Luftminen bezeichnet werden.

Bürgermeister will mit Entschärfern im Anschluss ein Bier trinken

»Wir haben Glück, dass dieser Bombentyp mechanische Aufschlagzünder hat«, sagt Karl-Heinz Clemens. Gefährlicher seien chemische Zünder, bei denen Säure in einem Glasröhrchen eine Kettenreaktion auslöse. »Die sind unberechenbarer.« Bei solchen Bomben wurde der Zündmechanismus während des Abwurfs ausgelöst. Die Bombe schlug auf und explodierte je nach Zünder einige Stunden oder Tage später. So sollten Menschen getötet werden, die nach einem Bombenalarm wieder ins Freie gekommen waren.

Mehr als sieben Jahrzehnte bedrohte der Blindgänger am Peter-Hille-Weg die Stadt. Wenn er am Sonntagabend entschärft ist, will Paderborns Bürgermeister Michael Dreier mit den Entschärfern ein Bier trinken. Er schlug »Paderborner Gold« vor, aber da ist Rainer Woitschek eigen: »Ich komme aus Westheim, da haben wir eine eigene Brauerei...« Der Bürgermeister versprach, sein Bestes zu tun.

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