Dada und Gaga im Rathaus: Lautgedichte, Wortspiele, Ausdruckstanz und eine Textcollage Nachtgesang aus stummem Fischmaul

Paderborn (WB). Dass im Rathaus viel palavert wird und dabei Manches unverständlich und rätselhaft bleibt, ist man ja gewohnt. Genussvoll auf die Spitze getrieben haben dies am Samstag aber nicht die gewählten Politiker, sondern zu den Paderborner Literaturtagen eingeladene Wortakrobaten. Von sechs bis zehn Uhr gab es am Abend »Literatur und drumherum«.

Von Manfred Stienecke
Die Gruppe »Quantensprünge« des Tanzbaus Paderborn deutet Lautgedichte von Ernst Jandl aus.
Die Gruppe »Quantensprünge« des Tanzbaus Paderborn deutet Lautgedichte von Ernst Jandl aus. Foto: Manfred Stienecke

Im Mittelpunkt des abwechslungsreichen Programms im freilich nur zur Hälfte besetzten Großen Saal standen Autoren des Dadaismus und der Konkreten Poesie, die köstlich mit Wort und Sinn zu spielen verstehen. Zum Auftakt des vergnüglich-hintersinnigen Gedankenfluges interpretierten die Mitglieder der von Tanzbau-Chefin Bettina Broer geleiteten Gruppe »Quantensprünge« mit einer ausdrucksstarken Choreografie Lautgedichte des österreichischen Experimentalpoeten Ernst Jandl.

Hörens- und sehenswert ist »Das große Lalula«. Schauspieler Max Rohland spricht abgedrehte Texte unterschiedlicher Autoren. Foto: Stienecke

Dessen witzig-verspielten Texte (»Ottos Mops«, »Etüde in F«) verstand auch Schauspieler Max Rohland dem Publikum nahe zu bringen. Einfach köstlich, wie er »Fisches Nachtgesang« von Christian Morgenstern zelebrierte – ein stummes, bestenfalls glucksendes Unterwasserlied aus stimmlosem Fischmaul, dem zuzuschauen allgemeinen Spaß bereitete. Mit vollem sprachlichen und mimischen Einsatz verdeutlichte Rohland, warum Dada-Künstler Kurt Schwitters so verzückt von »Anna Blume« ist und wie Georgi Kratochwil »Besuch aus dem All« bekommt. Für sein Programm »Das große Lalula« verdiente er sich ausgiebigen Schlussapplaus.

Satirische Texte unter anderem von Erich Fried, Robert Gernhardt und Friederike Roth verknüpfte Ann-Britta Dohle zu einer Bühnencollage unter dem Titel »Schneller, höher, weiter«. Unterstützt von René Madrid am Akkordeon und an der Gitarre sowie von Schauspielerin und Sängerin Birgit Noll präsentierte sie dem Publikum eine verkorkste Festveranstaltung der »Gesellschaft zur Rettung der abendländischen Kultur«, in der die Moderatorin Fingerspitzengefühl vermissen und die Festrednerin auf sich warten lassen – ironischer Kommentar auf so manche Jubiläumsfeier.

Eingebettet in den satirischen Abend waren Lyrik und Kurzprosa der von Antje Telgenbüscher geleiteten Paderborner Autorengruppe »Zeilensprung«, die aus der früheren »Sprachwerkstatt« der Volkshochschule hervorgegangen ist. Neun Autoren stellten in einer kurzweiligen Mischung ihre Texte vor.

Im Erdgeschoss des Rathauses konnte man mit der Paderborner Rollenspielergilde in fiktive Spielwelten eintauchen. Etwas zu hören gab es auch im HNF von den Paderborner Kneipenlesern und in der Buchhandlung Linnemann, in der das Krimi-Duo Jürgen Reitemeier und Wolfram Tewes las.

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