Elisa Klapheck ist Rabbinerin und Professorin an der Universität Paderborn Reformerin des jüdischen Lebens

Paderborn (WB). Die Universität Paderborn bezieht in der heutigen religiösen Vielfalt Position. Sie hat einen Lehrstuhl für Jüdische Studien geschaffen und dessen Leitung der streitbaren Wissenschaftlerin und Rabbinerin Elisa Klapheck übertragen.

Von Andrea Pistorius
Elisa Klapheck, Inhaberin des Lehrstuhls für Jüdische Studien, in ihrem Büro an der Universität Paderborn.
Elisa Klapheck, Inhaberin des Lehrstuhls für Jüdische Studien, in ihrem Büro an der Universität Paderborn. Foto: Jörn Hannemann

Die 55-Jährige gehört zur ersten Generation jener Juden in Deutschland, die nach der Shoa geboren sind und für ein neues Selbstbewusstsein ihrer Religionsgemeinschaft eintreten. »Ich möchte eine religiöse Erneuerung des Jüdischen«, sagt sie, »und weiß, dass ich dafür einen langen Atem benötige.« Elisa Klapheck möchte zudem einen Diskurs auf Augenhöhe mit den anderen Religionen, mit Politik und Gesellschaft. Sie sucht deshalb die Öffentlichkeit, vermeidet es aber, Stoff für Schlagzeilen zu liefern, und sie unterrichtet, ohne dogmatische Lehren zu verkünden. »Erneuerung findet innerhalb der Tradition und nicht in Opposition statt« sagt die Rabbinerin. »Dabei sehe ich mich nicht als Kritikerin des Judentums, sondern als Mitgestalterin.«

Ungewöhnliche Biographie

Dass dies einmal ihre Lebensaufgabe sein würde, wurde erst im Lauf ihrer ungewöhnlichen Biografie deutlich. Elisa Klapheck hat eine jüdische Mutter, deren Angehörige in Konzentrationslagern ermordet wurden, und einen Vater, der als Erwachsener zum Judentum übertrat. Sie wuchs in Düsseldorf auf und studierte Politik, Rechtswissenschaft und Judaistik. Nach ihrem Examen arbeitete sie als Journalistin unter anderem für den Berliner Tagesspiegel und die taz und konzen­trierte sich nach dem Fall der Berliner Mauer auf Themen aus Osteuropa.

Engagement in der jüdischen Erneuerungsbewegung

Zeitgleich engagierte sich Elisa Klapheck in der jüdischen Erneuerungsbewegung und begann eine Ausbildung zur Rabbinerin. 2004 wurde sie in den USA ordiniert, da das in Deutschland noch nicht möglich war, und übernahm im Anschluss die Leitung einer progressiven jüdischen Gemeinde in Amsterdam. Seit 2009 ist sie Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main, in der sie neben ihrer Teilzeit-Professur in Paderborn auch tätig bleibt.

»Meine Aufgabe sehe ich in erster Linie darin, eine heutige, die Juden ansprechende Version der jüdischen Religion zu entfalten. Da ist es wichtig zu überlegen, wie man die religiösen Auffassungen in die Gegenwart übersetzt, wobei es mir mehr um die Sichtweise als um die Zeremonie geht«, sagt die 55-Jährige. Die Verbindung von Gemeindearbeit und Wissenschaft sei für sie daher ideal.

Ein zeitgemäßes Judentum

Am Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften (ZeKK) der Universität Paderborn setzt Elisa Klapheck ihr Engagement für ein zeitgemäßes Judentum fort. »Ich habe hier kein ausschließlich jüdisch-judaistisches Umfeld, sondern Anregungen aus Ethik und Philosophie, aus Literatur- und Religionswissenschaften, die mir schon wichtige Impulse gegeben haben.«

Die enge Vernetzung der Kollegen am ZeKK ermöglicht der jüdischen Wissenschaftlerin auch, den Studenten besondere Veranstaltungen anzubieten. Darunter ist das in Deutschland einzigartige Seminar »Scharia meets Halacha: Muslimische und jüdische Rechtstraditionen im Dialog«, das Elisa Klapheck mit dem islamischen Theologen Dr. Idris Nassery leitet. »Interreligiöse Perspektiven der Wirtschaftsethik« untersucht sie gemeinsam mit dem Betriebswirtschaftler Prof. Dr. René Fahr und dem evangelischen Theologen Prof. Dr. Jochen Schmidt. »Die jüdische Sichtweise ist für die anderen Disziplinen hier ganz wichtig«, sagt die Rabbinerin, »denn Europa hat eine jüdisch-christliche Tradition.«

Klapheck: »Keine Lehrmeinung und daher auch keine Autorität«

Das Interesse der Studenten am neuen Angebot bezeichnet Elisa Klapheck als normal. »Verwirrend ist für sie, dass sie von mir nicht lernen, woraus die jüdische Religion genau besteht. Denn bei uns gibt es keine Lehrmeinung und daher auch keine Autorität, die eine solche vertritt.« Das Judentum akzeptiere mehrere Meinungen und erfordere die beständige Diskussion über religiöse Standpunkte. Doch gerade dieses Charakteristikum mache es spannend, sich mit der jüdischen Religion zu befassen. Elisa Klapheck selbst hat sich mit den Schriften jüdischer Philosophinnen und Rabbinerinnen auseinandergesetzt und darüber auch ihre Promotion verfasst.

Wichtig ist Elisa Klapheck bei ihrer akademischen Arbeit, »dass dabei auch etwas für die Juden herauskommt«. Deshalb bleibe sie in Frankfurt, um in ihrer Gemeinde zu sehen, welche Relevanz die Wissenschaft für das jüdische Leben habe. »Wir sind so wenige Juden durch die Shoa, da ist es ein Wunder, dass es diesen neuen Keim gibt, an dem auch ich mitwirke.«

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