Paderborn feiert Jelineks »Schweigendes Mädchen« über den NSU Dichtung und Wahrheit

Paderborn (WB). Sechs Jahre, nachdem das rechtsradikale Terrortrio »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) aufflog, sind die mutmaßlich von ihm verübten zehn Morde noch nicht aufgeklärt. Einer der Gründe ist das beharrliche Schweigen der Beate Zschäpe.

Von Manfred Stienecke
Nancy Pönitz ist das gar nicht so schweigsame Mädchen, das die Ungereimtheiten in der Berichterstattung wie in der Täterfahndung eindrucksvoll zur Sprache bringt.
Nancy Pönitz ist das gar nicht so schweigsame Mädchen, das die Ungereimtheiten in der Berichterstattung wie in der Täterfahndung eindrucksvoll zur Sprache bringt. Foto: Theater Paderborn

Der Angeklagten und der politischen wie gesellschaftlichen Aufarbeitung des NSU-Terrors hat die streitbare österreichische Autorin Elfriede Jelinek (71) ihren 2014 veröffentlichten Dramentext »Das schweigende Mädchen« gewidmet, das in gekürzter und auf nur eine Person reduzierter Fassung im Paderborner Theater gespielt wird.

Raffinierte Collage der öffentlichen und veröffentlichten Erregung

Nancy Pönitz gibt der öffentlichen Reaktion auf den zwischen 1999 und 2011 verübten NSU-Verbrechen Stimme. In Jogginghose und T-Shirt mit dem Aufdruck »Keine Ahnung« bewegt sie sich auf der Tatortskizze des neunten und letzten Mordes – das zehnte Todesopfer der Verbrechensserie war eine deutsche Polizistin – an dem Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat in Kassel, der am 6. April 2006 mit einer Ceska-Pistole erschossen wurde.

Ihr Monolog ist eine raffinierte Collage der öffentlichen und veröffentlichten Erregung, der spekulativen Vermutungen und kolportierten »Wahrheiten«, der bewussten Vertuschungen und populistischen Rückschlüsse. Dass die Täter bei den Ermittlungen lange in den Reihen der »türkischen Drogen-Mafia« vermutet und ein rechtsradikaler Hintergrund zunächst ausgeschlossen wurde, liefert Jelinek die Munition für ihre Wutrede. Sie hat sich besonders auf die Berichterstattung in den deutschen Ankermedien eingeschossen, deren Pole ihrer Ansicht nach der »Spiegel« und die »Bild«-Zeitung sind. In ihren Augen kommen beide der Wahrheit nicht näher.

Regisseurin Marie-Sophie Dudzic und Bühnenbildner Tobias Kreft geben dem ohne Pause eingerichteten Stück klare Struktur. Die Protagonistin bewegt sich durch die auf dem Bühnenboden aufgemalte Tatortszenerie, die bei ihr immer wieder konkrete Nachfragen über die Schlüssigkeit der Ermittlungs- und Beweisketten auslöst. Tatsächlich bleibt bis heute dubios, welche Rolle ein zur Tatzeit anwesender V-Mann des Verfassungsschutzes gespielt hat. Auf die hintere Bühnenwand projizierte Fotos des NSU-Trios auf Campingfahrt, aber auch Szenen von den Tatorten und von Demonstrationen gegen den rechten Terror, halten das Geschehen optisch präsent.

»Das ganze Land ist eine Terrorzelle«

Nancy Pönitz bewältigt ihre Mammutaufgabe in bewundernswerter Leichtigkeit. Aus wechselnden Perspektiven und Wahrnehmungssituationen geknüpfte fiktive Meinungsäußerungen bündelt sie zu einer komplexen Anklage gegen die staatlichen Ermittlungsbehörden, die Medien und den gesellschaftlichen Diskurs. Sie hält den Spannungsbogen über 60 Minuten aufrecht und hilft dem Publikum durch moderates Sprechtempo, klare Artikulation sowie unterstützende Körpersprache, sich in der Kakophonie der Ansichten zurechtzufinden. Jelinek spielt virtuos mit der Sprache und bedient sich geschickt bekannter Zitate aus Bibel, Literatur und Volksgut, um Stereotype zu entlarven.

Auf welcher Seite die Autorin bei der Aufarbeitung der Morde steht, daran lässt Elfriede Jelinek nie Zweifel. »Das Land schweigt, wie diese Jungfrau. Das ganze Land ist eine Terrorzelle«, sagt sie, den deutschen Ermittlungsbehörden ein vernichtendes Zeugnis ausstellend. Im Schlussbild schaut Beate Zschäpe mit zugeklebtem Mund auf einem Foto ins Publikum. Das Schweigen hält unvermindert an.

Das Premierenpublikum bedachte die Aufführung mit minutenlangem, begeistertem Applaus.

Die nächsten Aufführungen: 3., 16. 24. Februar, 3., 10., 25. März.

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