Beide Mädchen nach Wochen des Hoffens und Bangens wohlauf Zwillingsschwester bleibt 38 Tage länger im Mutterleib

Paderborn (WB). Dass Sophia Smith (27) das St.-Vincenz-Krankenhaus Paderborn am Mittwoch mit zwei gesunden Zwillingsmädchen verlassen kann, nennt Oberarzt Dr. Björn Beckers »ein Wunder«.

Von Christian Althoff
Erleichterte Eltern: Nach Wochen des Hoffens und Bangens dürfen Sophia Smith und Pierre Reinhardt ihre Zwillinge morgen mit nach Hause nehmen.
Erleichterte Eltern: Nach Wochen des Hoffens und Bangens dürfen Sophia Smith und Pierre Reinhardt ihre Zwillinge morgen mit nach Hause nehmen. Foto: Jörn Hannemann

Die junge Mutter, Arzthelferin in der Paderborner Frauenarztpraxis Müller-Allroggen, Liebrand und Wegener, hatte eine »super Zwillingsschwangerschaft«, wie sie lachend erzählt. Bis sie am 2. März glaubte, die Fruchtblase sei geplatzt. »Ich bin sofort in die Praxis gefahren. Der Verdacht hat sich bestätigt, und ich kam mit  einem Rettungswagen ins Krankenhaus.«

40 Wochen dauert  es gewöhnlich bis zur Geburt, aber Sophia Smith war erst in der 23. Woche. Eine Infektion hatte offenbar einen Riss in der Fruchtblase verursacht. Oberarzt Dr. Björn Beckers: »Wir waren darauf eingestellt, zwei extreme Frühchen zu versorgen, und wir wussten nicht, ob die Kinder überleben würden.«

Zwei Entbindungsteams standen bereit, als die Geburt am 6. März nicht mehr aufzuhalten war. Christine Schmücker, die Leitende Oberärztin, half dem ersten Mädchen auf die Welt. »June wog nur 490 Gramm.« Dann wartete die Ärztin auf das Schwesterchen, doch der Muttermund schloss sich wieder.

2800 Gramm wieden die Zwillinge Liv und June mittlerweile.

»Es kann in Einzelfällen schon Mal drei Stunden dauern, bis der zweite  Zwilling kommt, aber dieses Mädchen machte überhaupt  keine Anstalten. Das war  auch gut so, denn jeder Tag mehr im Mutterleib hilft einem so unreifen Kind«, sagt Dr. Beckers. Das Glück des zweiten Mädchens sei  gewesen, dass es eine eigene Fruchtblase gehabt habe. »Die Kinder hätten auch gemeinsam in einer Fruchtblase stecken können. Dann wären beide zusammen zur Welt gekommen.«

June habe trotz ihrer 490 Gramm einen starken Lebenswillen gezeigt, sagt Dr. Beckers. »Sie atmete anfangs sogar selbst.« Während das Mädchen auf die Intensivstation kam,  wo es  rund um die Uhr betreut wurde, bekam die Mutter für kurze Zeit einen leichten Wehenhemmer, um das Zwillingsmädchen  Liv weiter heranreifen zu lassen. »Dass wir mehr als fünf Wochen gewinnen würden, hätte  aber niemand gedacht«, sagt die Leitende Oberärztin. Dr. Beckers spricht sogar von einer medizinischen Sensation.

Während Liv im Mutterleib wuchs, besprachen Ärzte und  Eltern  jeden Tag  das Für  und Wider eines weiteren Geburtsaufschubs. Denn die Infektion der Mutter war natürlich auch eine Bedrohung für das Ungeborene. Und als wären die Sorgen um das Mädchen im Mutterleib nicht schon genug gewesen, verschlechterte sich auch noch Junes Zustand nach der dritten Woche ganz dramatisch. »Sie wollte nicht mehr alleine atmen. Irgendwann standen wir mit dem Rücken zur Wand und haben mit dem Schlimmsten gerechnet«, sagt Mediengestalter Pierre Reinhardt (35), der Vater der Zwillinge. »Unsere Gefühle sind an vielen Tagen Achterbahn gefahren.« Heute können Pierre Reinhardt und seine Frau wieder lachen, denn alles ist gutgegangen. June erholte sich, und am 13. April kam Zwillingsschwester Liv zur Welt – immer noch elf Wochen zu früh, aber immerhin 900 Gramm schwer. Auch sie kam auf die Intensivstation.

Nach mehr als drei Monaten im Krankenhaus freut sich Sophia Smith, morgen mit den Kindern nach Hause zu dürfen. June und Liv wiegen inzwischen 2800 Gramm und halten ihre Eltern ganz schön auf Trab. »Ich mache mich aber nicht bange«, sagt die Mutter, die beide Mädchen stillt.

Pierre Reinhardt: »Unsere Mädchen sind im Perinatalzentrum des Vincenz-Krankenhauses ganz toll versorgt worden. Viele verbinden Paderborn vor allem mit Fußball und ahnen nicht, dass wir hier eine der besten und größten Frauen- und Kinderkliniken Nordrhein-Westfalens haben.« Das Lob gibt die Leitende Oberärztin Christine Schmücker zurück: »Wären die Eltern nicht so gut informiert und so entscheidungsstark, hätten wir den Mädchen nicht so gut helfen können.«

Die Paderborner Klinik kümmert sich pro Jahr um 2000 Neugeborene, darunter etwa 200 Frühchen.

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