Doppelmord in Paderborn: Familie des Opfers widerspricht dem Täter Hinterbliebene: »Helmut war kein streitsüchtiger Nachbar«

Paderborn (WB). Nach dem Doppelmord in Paderborn-Neuenbeken  kämpfen die Hinterbliebenen des erschossenen Rentners Helmut H. (76) jetzt um den Ruf des Mannes. »Er war nicht der streitsüchtige Nachbar,  als den ihn der Täter darstellt«, sagt Rechtsanwalt André Iske, der die Opferfamilie vertritt.

Von Christian Althoff
An der Haustür des rotverklinkerten Hauses wurde Helmut H. am 12. Mai erschossen. Der Täter hat ausgesagt, er habe die Waffe zunächst hinter seinem Rücken versteckt. Deshalb ahnte der Rentner möglicherweise nichts von der tödlichen Gefahr.
An der Haustür des rotverklinkerten Hauses wurde Helmut H. am 12. Mai erschossen. Der Täter hat ausgesagt, er habe die Waffe zunächst hinter seinem Rücken versteckt. Deshalb ahnte der Rentner möglicherweise nichts von der tödlichen Gefahr. Foto: Besim Mazhiqi

Am 12. Mai richtete Heizungsbauer Dimitri S. (45), der aus Kasachstan stammt, nach Mitternacht seinen Nachbarn Helmut H. an dessen Haustür mit einem Kopfschuss hin. Zurück in seinem eigenen Haus erschoss er wenig später auch seine Frau Olena (35), die aus der Ukraine stammt, während nebenan die drei Kinder schliefen. Seine Frau habe ihm Vorwürfe gemacht und einfach keine Ruhe gegeben, sagte  Dimitri S. der Kripo.

Zum Motiv für den Schuss auf  den Nachbarn sagte der Täter,  Helmut  H. habe ihn seit Jahren   drangsaliert und als »Scheiß Russen« beschimpft. Mal sei es um ein neues Dachfenster gegangen, mal um einen Komposthaufen. Noch am Abend vor der Tat sei man an der Grundstücksgrenze aneinandergeraten. Da habe er Helmut H. gedroht, er werde den Tag nicht überleben, wenn er nicht endlich Ruhe gebe. Dimitri S. stand an jenem Tag nach eigenen Angaben neben sich, weil er erfahren hatte, dass eines seiner Kinder Autist ist und lebenslang gepflegt werden muss. Außerdem habe seine Frau ihm schon lange  Vorwürfe gemacht, er sei ein Waschlappen, weil er sich gegen den Nachbarn nicht durchsetze.

Rechtsanwalt vermutet Schutzbehauptung

»Dieser angebliche Nachbarschaftsstreit ist  für uns eine Schutzbehauptung«, sagt Rechtsanwalt Iske. Er lernte Helmut H. vor Jahren kennen, als der wegen einer Vorsorgevollmacht Beratung suchte. »Er war ein karitativer und hilfsbereiter Mensch. Er war sehr gläubig und ist jeden Sonntag zur Kirche gegangen. Das passt nicht zu dem, was der Täter behauptet.« Auch im Ort sei Helmut H., der früher eine Tankstelle gehabt habe, als hilfsbereiter Mensch bekanntgewesen.  »Der war  zur Stelle,  wenn man ihn brauchte.« Der Anwalt stützt seine Einschätzung nicht nur  auf seine Treffen mit dem alten Mann, sondern auch auf Schilderungen der Ehefrau und des Sohnes. Die Ehefrau hatte sich vor etwa 30 Jahren in Freundschaft von Helmut H. getrennt und war zu ihrem neuen Lebensgefährten in einen Nachbarort gezogen. Trotzdem besuchte sie ihren Mann jeden Tag, machte die Wäsche und kümmerte sich um den Haushalt. »Die beiden haben sich bewusst nicht scheiden lassen. Sie hatten  ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Deshalb wäre ein Nachbarschaftskrieg, wie ihn der Täter darstellt, der Ehefrau mit Sicherheit bekanntgeworden«, sagt Anwalt André Iske. Die Ehefrau habe ihm versichert, dass Helmut H. nie etwas in dieser Richtung erwähnt habe. »Die Frau war auch  am Tag vor der Tat  lange bei ihrem Mann.  Von der angeblichen Auseinandersetzung an der Grundstücksgrenze und der Morddrohung hätte sie doch etwas mitbekommen müssen!« Auch dem Sohn sei nie etwas von einer  zerrütteten Nachbarschaft bekanntgeworden.

Waffen vor 15 Jahren illegal gekauft

Sollte sich Dimitri S. den Nachbarschaftsstreit nur ausgedacht haben – was war dann sein Motiv? »Das ist ja gerade die Frage, die die Angehörigen so mitnimmt. Sie finden  einfach keine Erklärung für diese schreckliche Tat«, sagt André  Iske.
Auch gegenüber der Polizei haben die Hinterbliebenen angegeben,  von einem Streit nichts zu wissen. Markus Mertens, Leiter der Mordkommission, sagte am Freitag:  »Unsere Ermittlungen sind  beendet,  die Akte ist bei der Staatsanwaltschaft Paderborn.  Der Prozess wird zeigen, ob sich das Motiv klären lässt.«

Klarheit scheint inzwischen hinsichtlich der Herkunft der Waffen und der Munition zu bestehen, die bei Dimitri S. gefunden wurden. Ein Maschinengewehr »Kalaschnikow AK 47« sowie die Tatwaffe, einen Revoler »Arminius .38«, hat der Täter nach eigenen Angaben vor etwa 15 Jahren illegal von zwei Männern in Schwerte gekauft. Einer der Verkäufer soll Sportschütze gewesen sein.  Dimitri S. war  von 1988 bis 1990 in der sowjetischen Armee. Er habe Menschen erschießen müssen, sagte er.

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