Revierförster findet geköpften Hirsch bei Lichtenau – 335 Verstöße in NRW registriert Wilderer gehen auf Trophäenjagd

Lichtenau/Kalletal (WB). »Vielleicht hilft ja Kommissar Zufall und der Wilderer verrät sich beim fünften Bier in der Kneipe«, hofft Christian Düll. Der Förster des Reviers Hardehausen bei Lichtenau (Kreis Paderborn) hat einen üblen Fall erlebt – und Wilderei gibt es in NRW immer wieder.

Von Dietmar Kemper
In diesem Teich bei Lichtenau im Kreis Paderborn entdeckte Revierförster Christian Düll den geköpften Hirsch.
In diesem Teich bei Lichtenau im Kreis Paderborn entdeckte Revierförster Christian Düll den geköpften Hirsch. Foto: Jörn Hannemann

Mitte Oktober entdeckte der 51-Jährige in einem Teich einen Hirschkadaver. Dem Tier war der Kopf samt Geweih abgetrennt worden. Mit der Polizei holte er den Torso aus dem Teich. In dem Fall sei professionell vorgegangen worden, sagte Düll dem WESTFALEN-BLATT: »Einen Kopf trennt man nicht mal eben mit einem Gartenmesser ab.«

Es stellte sich heraus, dass das Tier erschossen wurde, die Kugel ließ sich aber nicht finden. Der Hirsch war etwa sieben Jahre alt. Das ist deshalb wichtig, weil das Geweih mit dem Alter des Tieres größer und damit wertvoller wird. Wer sich ein mächtiges Geweih an die Wand hängen möchte, ist bisweilen bereit, dafür mehrere tausend Euro auszugeben. Dem Wilderer sei es offenbar um die Trophäe gegangen – und nicht um das Fleisch, denn das sei vergammelt, erzählt Düll. In mehr als 20 Jahren als Revierförster habe er einen derart drastischen Fall noch nie erlebt. Seine Hoffnung, den Täter zu finden, ist jedoch gering: »Bei der Suche wird wohl nichts herauskommen, bislang ging es immer wie das Hornberger Schießen aus.«

Geringe Aufklärungsquote

Für das Jahr 2013 listet das Landeskriminalamt in Düsseldorf für Nordrhein-Westfalen 335 Fälle von Wilderei auf, 216 Mal waren Fische das Ziel. So wurden beispielsweise Karpfen illegal aus einem Teich herausgeangelt. In 119 Fällen lag Jagdwilderei vor. Insgesamt konnten 210 Fälle aufgeklärt werden (62,7 Prozent). In den Vorjahren 2012 und 2011 tauchten jeweils 328 Wildereivergehen in der polizeilichen Kriminalitätsstatistik auf. Wenn es um Hirsche oder Rehe geht, ist die Aufklärungsquote mit knapp 25 Prozent vergleichsweise gering.

Hinzu komme eine Dunkelziffer, weil Fälle von Wilderei teilweise gar nicht bemerkt würden, sagt Michael Blaschke von Wald und Holz NRW in Münster. Die Wälder ließen sich ja schlecht flächendeckend durch Videokameras kontrollieren. Wer allerdings erwischt wird, muss mit einer empfindlichen Strafe rechnen. Wie Wilderei geahndet wird, ist in den Paragrafen 292 und 293 des Strafgesetzbuches geregelt. Demnach droht in besonders schweren Fällen wie dem im Kreis Paderborn eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren.

Motive für Wilderei haben sich verändert

Auch im Kalletal (Kreis Lippe) waren 2014 Wilderer am Werk: In mehreren Fällen wurde Rotwild angeschossen und gequält. Einen Rehbock fand man ohne Vorderläufe. Zeugen beobachteten Unbekannte mit Nachtsichtgeräten und Laserpointern. »Die Wilderei hat sich verändert«, erzählt Michael Blaschke: »Früher war sie ein Mittel, um etwas zu essen zu haben – heute stehen dahinter andere Motive.« Zum Beispiel das, mit einem Geweih Geld zu verdienen oder das Haus zu verzieren. Wer einen Hirsch legal schießen möchte, muss dafür ordentlich bezahlen. Denn er braucht einen Jagdschein und die Erlaubnis des Pächters, an der Jagd teilnehmen zu dürfen. Bis er das Tier ins Visier nehmen kann, hat er mehrere tausend Euro investiert.

Wilderei dagegen ist kostenlos. Und wer den Täter nicht bei seinem frevelhaften Tun beobachtet hat, kann ihn später schlecht drankriegen. Geweihe hängen in vielen Häusern, und der Besitzer kann sich leicht damit herausreden, er habe das Tier zum Beispiel in Polen geschossen.

Kurios an dem Fall in Lichtenau ist, dass dort früher einer der berühmtesten Wilderer unterwegs war. Wildschütz Hermann Klostermann war der Obrigkeit seit Juli 1862 allein und später mit seiner Bande unangenehm aufgefallen. Die preußische Regierung setzte eine Belohnung von 200 Talern aus. Mehrfach wurde Klostermann verhaftet und eingesperrt. Angeblich verteilte er Fleisch an die Bevölkerung und gilt deshalb als eine Art westfälischer Robin Hood. Alle zwei Jahre erinnert ein Fest, der Wildschütz-Klostermann-Markt in Lichtenau, an ihn.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.