Fragen und Kritik nach der Havarie einer neu gebauten Enercon E-115 Vorzeige-Windrad zerlegt

Borchen (WB). Einen Großeinsatz der Polizei löste die Havarie einer Windkraftanlage bei Etteln am Donnerstagabend aus. Teile der tonnenschweren Flügel einer Enercon E-115 flogen bis zu einige hundert Meter auf die Feldflur. Großräumig wurde im Umkreis der Anlage das Areal in einem Radius von 500 Metern abgesperrt.

Von Bernhard Liedmann
Bei einer Windgeschwindigkeit von etwa 43 Stundenkilometern am Donnerstag gegen 19 Uhr wurden die Blätter dieser Enercon E-115 regelrecht zerlegt.
Bei einer Windgeschwindigkeit von etwa 43 Stundenkilometern am Donnerstag gegen 19 Uhr wurden die Blätter dieser Enercon E-115 regelrecht zerlegt. Foto: Besim Mazhiqi

Als erste Reaktion fordert Borchens Bürgermeister Reiner Allerdissen einen Baustopp sowie einen Betriebsstopp für solche Anlagen. Der Kreis Paderborn sieht für eine Stilllegung keinen Anlass, da die Ursache noch nicht bekannt sei, die Anlage auch noch nicht abgenommen und in Betrieb gewesen sei. Derzeit sind im Kreis Paderborn 44 Anlagen dieses Typs in Betrieb, zwei E-115 hat jüngst auch der Kreis Paderborn auf der Deponie Alte Schanze in Betrieb genommen.

Personen kamen nicht zu Schaden

Gegen 19.30 Uhr erfolgte die Alarmierung der Polizei. Sie riegelte das Areal beim Höhen- und Talweg in Etteln großräumig ab. Die klare Order an die Einsatzkräfte war, dass aufgrund von herumfliegenden Flügelteilen eine Lebensgefahr bestehe. Personen kamen bei dem Unfall glücklicherweise nicht zu Schaden, ein Gutachter klärt mögliche Ursachen.

Die E-115 ist das aktuelle Flaggschiff von Enercon. Weltweit laufen derzeit 820 Anlagen des Typs mit einer Gesamthöhe von 206 Metern. Jeder Flügel hat eine Länge von 57 Metern. Allein das Gewicht der Maschine auf dem Turm beträgt etwa 270 Tonnen.

Die Anlage war von Enercon gerade gebaut worden und sollte am 31. März an die Westfalenwind Etteln übergeben werden, um in Betrieb zu gehen. Die Westfalenwind-Gruppe betreibt aktuell elf dieser Anlagen und baut insgesamt sieben E-115 bei Etteln.

Anlage sei in eine »Überdrehzahl geraten«

Enercon geht in einer Presseerklärung davon aus, dass die Anlage, die noch nicht in Betrieb gewesen sei, in eine »Überdrehzahl geraten« und es so zu Beschädigungen der Rotorblätter gekommen sei. Nach Auskunft von Enercon-Pressesprecher Felix Rehwald dreht sich eine solche Anlage mit drei bis zwölf Umdrehungen pro Minute. Bei kritischen Windgeschwindigkeiten würden die Rotorblätter aus dem Wind gedreht. Dies sei hier wohl nicht geschehen. Rehwald: »Nach Abschluss der Ermittlungen soll die beschädigte Anlage schnellstmöglich repariert und in Betrieb genommen werden.« Ähnliche Vorfälle habe es in der Vergangenheit zwar bei anderen Anlagen gegeben, bei einer E-115 jedoch noch nicht.

Gerade vor dem Hintergrund, dass es sich um eine neue Anlage handelt, die gerade erst aufgerichtet worden sei, fordert der Borchener Bürgermeister einen Baustopp »bis zur Klärung der Unfallursache und wegen der offensichtlichen Gefahr.« Allerdissen sprach am Freitag vor Ort von einem »großen Schadensbild«.

Konsequenzen gefordert

Unmittelbare Konsequenzen fordert auch die Borchener Bürgerinitiative Gegenwind. Nur durch viel Glück sei niemand zu Schaden gekommen. Kritisiert wird insbesondere, dass die Polizei erst durch einen Jagdpächter alarmiert worden sei und nicht durch den Betreiber. Borchener Bürger lehnten auch aus Gründen der Sicherheit Windkraftanlagen ab. Auch in diesem Fall seien Trümmer mehrere hundert Meter weit geschleudert worden. Die Initiative fordert eine vollständige und transparente Aufklärung der Bürger und wie es dazu kommen könne »dass sich ein neues Windrad zerlegt.« Auch der Gefahrenbereich rund um solche 200 Meter hohen Anlagen müsse neu geprüft werden, so Patrick Büker für die Initiative.

Westfalenwind verweist bei dieser Anlage darauf, dass sie wie auch die anderen Anlagen im Bereich Etteln noch im Eigentum von Enercon seien. Derzeit betreibt die Gruppe elf E-115-Räder, darunter zwei im Windpark Haaren-Leiberg, fünf im Windpark Huser Klee und vier im Windpark Kittelbusch. Sie liefen ohne Probleme. Den Schaden bei der Ettelner Anlage konnte Enercon noch nicht beziffern. Der durchschnittliche Neuwert eines solchen Rades liege bei etwa drei Millionen Euro, so das Unternehmen. Den letzten ähnlichen Vorfall hatte es im Mai 2016 bei Dörenhagen gegeben. Aufgrund eines Tornados waren Flügelteile einer älteren Tacke-Anlage abgerissen und weiträumig weggeschleudert worden.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.