Vater war bis 1949 in Gefangenschaft – Kinder schicken Postkarte nach Russland Papas Heimkehr ist schönstes Geschenk

Stemwede (WB). Ungetrübt fröhliche Weihnachten – dieses schöne Gefühl hat die ältere Generation in Stemwede in jungen Jahren vielfach nicht erleben dürfen. Krieg, gefallene Familienangehörige, Gefangenschaft und Nachkriegsjahre haben damals tiefe Spuren hinterlassen.

Von Dieter Wehbrink
Ein Foto aus dem Dezember 1948: Luise (9 J.) und Elfriede (7 J.) Meier. Sie schickten es ihrem Vater in die russische Gefangenschaft.
Ein Foto aus dem Dezember 1948: Luise (9 J.) und Elfriede (7 J.) Meier. Sie schickten es ihrem Vater in die russische Gefangenschaft.

Die Kinder jener Zeit, heute im Seniorenalter, sind immer noch tief bewegt, wenn sie aus jener Zeit erzählen. Helga Steckel, Vorsitzende der Bürgerstiftung Haldem-Arrenkamp, hat für diese Zeitung dankenswerter Weise die zu Herzen gehenden Erinnerungen der Haldemerin Elfriede Hassebrock festgehalten.

Kinder wurden in der Schule fotografiert

Elfriede Hassebrock erzählt: »Es war kurz vor Weihachten 1948. Alle Kinder der Volksschule in Oppendorf, die meine Schwester Luise und ich damals besuchten, wurden fotografiert. Das Bild schenkten wir unserer Mutter zu Weihnachten. Da es sich um eine Bildpostkarte handelte, kamen wir auf die Idee, diese unserem Vater zu schicken, der in russischer Gefangenschaft war.

Mit der Adresse des letzten Briefes, den wir von Vater erhalten hatten, ging das Bild als Postkarte (ohne Kuvert) auf die weite Reise nach Russland. Unser Opa brachte sie nach Wehdem zur Post. Als der Postbeamte das Foto sah, soll er gesagt haben: »Wenn diese Karte nicht ankommt, hat kein Russe ein Herz.«

Karte kommt in Russland an

Sie ist angekommen. Anfang März bekamen wir von Vater die Mitteilung, dass er bei der nächsten Lagerräumung wohl nach Hause käme. Von da an sind meine Schwester und ich jeden Tag zur Bushaltestelle gegangen, um Vater abzuholen – natürlich vergebens. Am 2. April hatte unser Großvater väterlicherseits Geburtstag und am Tag darauf, am 3. April, konnten wir Vater endlich in die Arme schließen. Dass am Montag für uns schulfrei war, versteht wohl jeder, der diese Zeilen gelesen hat.«

Mit dem Taxi zum Bahnhof Lemförde

Elfriede Hassebrock, die als Kind in Oppendorf Nr. 64 wohnte, ist jetzt 76 Jahre alt. Noch heute erinnert sie sich an jenen Tag, als ihr Vater zurückkehrte. »Wir feierten bei Opa, im Hause Oppendorf Nr. 82, als ein Telegramm eintraf. Papa sollte vom Bahnhof in Lemförde abgeholt werden, zusammen mit einem Kameraden, der ebenfalls aus Gefangenschaft entlassen worden war. Weil auch dessen Mutter mit zum Bahnhof wollte, konnten wir Mädchen im Auto des damaligen Wehdemer Taxi-Unternehmens Pieper nicht mitkommen.

Als Papa dann in Opas Haus kam, habe ich ihn gleich erkannt. Fünf Jahre lang hatte ich ihn nicht gesehen. Wir sind ihm in den Arm gefallen.« Dann wurde der Heimkehrer nach Hause gebracht. Auch dessen Vater, also Elfriedes Opa, ging mit. »Bliebet man nor’n bittken. Ich gor jetz mett«, sagte der Großvater zu seinen Gästen.

Alle Verwandten freuen sich

Auch bei Tiemanns auf der Sattlage, der mütterlichen Verwandtschaft von Elfriede, war zu diesen Zeitpunkt Besuch anwesend. Als sie von der Rückkehr Heinrich Meiers hörte, brach die Gästeschar ebenfalls zum Haus Nr. 64 auf. »Die ganze Stube bei uns war voll. Alle freuten sich, dass mein Vater wohlbehalten zurückgekehrt war«, erinnert sich Elfriede Hassebrock. Sein Ernährungszustand sei gut gewesen, sagt die Haldemerin. Über die Gefangenschaft selbst habe ihr Vater später nie gesprochen.

Leider schon mit 58 Jahren gestorben

Als junger Mann hatte sich Heinrich Meier – wie so viele Stemweder – 1934 zur Wehrmacht nach Minden gemeldet. 1938 begann der Krieg, und erst 1949 konnte er seine Kinder wieder in die Arme schließen. Alt ist Heinrich Meier nicht geworden. Mit 58 Jahren starb er an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

»Ich schließe nicht aus, dass seine Erkrankung in Zusammenhang mit Spätschäden aus dem Krieg zusammen hängt«, sagt Elfriede Hassebrock.

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