60-jähriger Stemweder soll drei Jahre und vier Monate hinter Gitter – Anwalt will Berufung einlegen Gericht urteilt auf schweren Missbrauch

Stemwede/Minden (WB). Drei Jahre und vier Monate soll ein Stemweder im Gefängnis verbüßen. So lautet das Urteil des Mindener Schöffengerichtes gegen den 60-jährigen Familienvater. Ihm war vorgeworfen worden, vor zwölf Jahren die fünfjährige Tochter einer befreundeten Familie sexuell missbraucht zu haben (die STEMWEDER ZEITUNG berichtete).

Von Michael Nichau
Vor dem Schöffengericht Minden ist ein Urteil gegen einen 60-jährigen Stemweder gesprochen worden: Er muss drei Jahre und vier Monate hinter Gitter.
Vor dem Schöffengericht Minden ist ein Urteil gegen einen 60-jährigen Stemweder gesprochen worden: Er muss drei Jahre und vier Monate hinter Gitter. Foto: Michael Nichau

Zwei Vorfälle soll es in den Jahren 2002 und 2003 gegeben haben. Das heute 17-jährige Opfer brachte die Taten erst zur Anzeige, nachdem in der Schule ein Projekt zum Thema »Missbrauch« behandelt worden war. Sie hatte dabei einen Zusammenbruch erlitten und sich in psychologische Behandlung begeben.

Zu diesem Zeitpunkt erst habe sie auch die Eltern ins Vertrauen gezogen, wollte ihnen aber keine Details der Tat erzählen. Die Vernehmung des minderjährigen Opfers vor Gericht erfolgte unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Gestern wurde die Kriminalbeamtin aus Minden befragt, die die Anzeige der 17-Jährigen aufgenommen hatte. Auch ihre Aussage ließ – nach Ansicht des Gerichts – keine Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Anschuldigungen aufkommen.

Der Verteidiger des Angeklagten, Jürgen Föcking, erneuerte seinen Antrag, ein Glaubwürdigkeitsgutachten zu den Aussagen des Opfers anfertigen zu lassen, zumal die Tat sehr lange zurückliegt und das Mädchen damals fünf Jahre alt war. Er bat darum, zu berücksichtigen, dass sich das Opfer in psychiatrischer Behandlung befand, bevor die Anzeige gestellt wurde. Es sei nicht bekannt wie sich die Therapiegespräche ausgewirkt hätten.

Diesem Antrag entsprachen Richterin Freter und die beiden Schöffen nicht. »Das Gericht ist zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit einer Zeugin selbst in der Lage. Diese Beurteilung ist Sache des Richters. Nur dann, wenn die Umstände es erfordern muss ein Gutachter hinzugezogen werden«, begründete die Richterin die Ablehnung des Antrags. Es gebe außerdem keine Anhaltspunkte für derzeitige organische oder psychologische Schäden. »Die Zeugin ist zu einer differenzierten Darstellung der Umstände in der Lage.« Sicherlich gebe es Gedächtnislücken, die aber ihre Ursache in dem langen Zeitablauf hätten, meinte sie.

Weil das Opfer minderjährig ist, wurden – wie schon dessen Anhörung – die Plädoyers des Staatsanwaltes, der Anwältin des Mädchens und des Verteidigers unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehalten. Während Rechtsanwalt Föcking auf den Freispruch seines Mandanten pochte, forderte Staatsanwalt Büscher zwei Jahre und acht Monate Haft. Die Anwältin des Opfers plädierte auf drei Jahre und fünf Monate.

Das Gericht folgte mit dem Strafmaß für die zwei Vorfälle den Forderungen der Anklage: Der Stemweder soll im ersten Fall das fünfjährige Mädchen festgehalten und an der Brust sowie im Genitalbereich gestreichelt haben. Dies habe sich im Spielzimmer zugetragen. Ein weiterer ähnlich gearteter Missbrauch mit Gewaltanwendung soll sich in einem Schlafzimmer ereignet haben. Außerdem habe das Opfer einen weiteren versuchten Übergriff im Garten geschildert. Dieser sei aber durch unerwarteten Besuch verhindert worden. Das schilderte die Richterin in ihrer Begründung.

»Die junge Frau ist konstant bei den geschilderten Tat-Details geblieben, sowohl bei der Polizei, als auch hier. Teilweise wurden die Vorwürfe weiter konkretisiert. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass das Mädchen taktiert oder bewusst falsche Angaben macht«, schloss Richterin Freter ihre Urteilsbegründung.

Der Verteidiger des Angeklagten zeigte sich, nach der Ablehnung seines Antrags auf das Glubwürdigkeitsgutachten, unzufrieden mit dem Ausgang des Verfahrens: »An einer Stelle zitierte die Richterin zwar aus einem medizinischen Schreiben. Das hat sie nicht weiter berücksichtigt.« In dem Attest des Krankenhauses Damme wurde der Verdacht auf ein Borderline-Syndrom ausgesprochen. (Dabei handelt es sich um eine schwere Persönlichkeitsstörung.) »Da hätte die Richterin hellhörig werden müssen«, meinte Anwalt Föcking.

Er will Berufung gegen das Urteil einlegen. »Das wird nicht rechtskräftig werden.«

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