Expertenrunde diskutiert Möglichkeiten des Naturschutzes am Rahdener Gewässer Wird die Aue erneut umgestaltet?

Rahden/Preußisch Ströhen(WB). Mit der Zukunft der Großen Aue von Rahden bis nach Preußisch Ströhen hat sich eine Diskussionsrunde mit Experten im Gasthaus Buschendorf beschäftigt. Unzufrieden ist man mit der erfolgten »Renaturierung«. Jetzt soll der Aue-Bereich unter verstärkten Naturschutz gestellt werden. »Sind dann noch Nachbesserungen möglich?«, lautete die Hauptfrage.

Von Michael Nichau
Expertenrunde mit Wasser-Gutachter Dr. Andreas Hoffmann, Johannes Nüsse und Olaf Niepagenkemper (Fischereiverband NRW), den Ortsvorsteherinnen der betroffenen Ortschaften Anette Streich, Bianca Winkelmann und Ulla Thielemann, Wilhelm Kröger (Wasserverband), Beatrix Wallberg (Kreis-Umweltamt) und Fischreiberater Helmut Uphoff.
Expertenrunde mit Wasser-Gutachter Dr. Andreas Hoffmann, Johannes Nüsse und Olaf Niepagenkemper (Fischereiverband NRW), den Ortsvorsteherinnen der betroffenen Ortschaften Anette Streich, Bianca Winkelmann und Ulla Thielemann, Wilhelm Kröger (Wasserverband), Beatrix Wallberg (Kreis-Umweltamt) und Fischreiberater Helmut Uphoff. Foto: Michael Nichau

Landtagsabgeordnete Bianca Winkelmann eröffnete die von der Rahdener CDU ins Leben gerufene Info-Veranstaltung zu der mehrere Experten – jedoch kein Vertreter der Bezirksregierung – erschienen waren.

Einen Sachstandsbericht gaben die Vertreter des Fischereiverbands NRW. Präsident Johannes Nüsse bezeichnete die neue Große Aue nicht als Fluss, sondern als Landschaft. »Die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie sind dort nicht erfüllt«, machte er deutlich. Das sei aber kein Wunder, da die Umstrukturierung des Gewässers erst 2001 abgeschlossen war und die Wasserrahmenrichtlinie (WRR) erst später in Kraft trat.

Sperrwerke verhindern Durchgang für Fische

»Es gibt neben der gut ausgeführten Fischtreppe am Rohlfinger Stau fünf weiteren Sperrwerke. Alle Umgebungswasserläufe sind verlandet«, bilanzierte er. Die geforderte Durchgängigkeit für Fische sei nicht gewährleistet.

Zusätzlich wehrte sich Nüsse gegen die schon bei der Planung eines Naturschutzgebietes ausgesprochenen Angelverbote. »Das ist pauschal nicht immer notwendig, denn Angler erfüllen dort auch ihre Aufgaben.«

»Man entscheidet bei den Wasserrahmenrichtlinien klar gegen die Menschen«, spielte Olaf Niepagenkemper (ebenfalls Fischereiverband) auf die Verbote des Betretens, des Angelns oder Joggens in den Schutzgebieten an. »Wir möchten nicht einen Landschaftsplan auf den Tisch bekommen, in dem die Verbote schon drin stehen, obwohl die Natur mit dieser Nutzung harmoniert«, sagte er.

Polder verlanden zunehmend

Über die zunehmende Verlandung der Polder berichtete Helmut Uphoff, Fischereiberater des Kreises Minden-Lübbecke«. »Ich kann mich an das Gewässer erinnern, als es noch intakt war«, bemerkte er. Mit jeder Umgestaltung der Aue (Begradigung und später naturnahe Gestaltung) habe es eine biologische Verschlechterung gegeben. »Das mag daran liegen, dass die Aue teilweise nur 0,26 Promille Gefälle hat. Aus dieser Erkenntnis müssen wir etwas vernünftige Schlüsse ziehen«, sagte er.

Ähnlich äußerte sich Experte Dr. Andreas Hoffmann aus Bielefeld (selbstständiger Gutachter). »Ich arbeite jetzt seit 26 Jahren an der Aue und habe mittlerweile 15 Untersuchungen hinter mich gebracht«, sagt er. »Was man nicht machen darf, ist, die erfolgte Renaturierung als schlecht oder misslungen zu bezeichnen«, meinte der Experte. Denn: Man habe an diesem Pionierstandort versucht, aus einem begradigten Flusslauf ein neues Gewässer zu schaffen. »Es hat sich jedoch nicht so entwickelt, wie es für die Fischfauna günstig wäre.«

Das Potenzial an der Großen Aue sei der Platz, den man für das Projekt gehabt habe. Die früher erworbenen Polderbereiche könnten auch weiterhin genutzt werden. »Das Gewässer altert und dies muss schnell aufgehalten werden. Die Dynamik fehlt in der Aue«, beschreibt er die Mankos.

Der Fluss altert rapide

»Egal wie: Eine Entscheidung zur erneuten Umgestaltung muss getroffen werden«, mahnt der Fachmann. Doch über eines müsse man sich bei den Verantwortlichen im Klaren sein: »Rücken die Bagger an, muss die Tierwelt geschützt werden und das ist nicht zum Nulltarif zu haben.«

Dass sich tatsächlich etwas tun wird, bestätigte Dr. Beatrix Wallberg, Leiterin des Kreis-Umweltamtes. Sie berichtete von einem Gespräch mit der Bezirksregierung. Darin wurde deutlich, dass an der Durchgängigkeit der Aue gearbeitet werden müsse. »Aber wie geht man da ran, mit wenig Geld?« Und so gebe es bei der Bezirksregierung auch noch keine konkrete Planung für eine Umgestaltung – gleich welcher Art, gleich welchen Umfanges, sagte Wallberg. Tenor sei jedoch gewesen, einen Haupt-Flusslauf zu schaffen. »Es soll künftig nur noch eine Große Aue geben, durch die das ganze Wasser fließen wird.« Dazu möchte man gern die anderen Umweltverbände ins Boot holen, sicherte Wallberg zu. »Diese Veranstaltung ist ein erster Schritt dazu«, meinte sie. »Wie eine Umgestaltung exakt zu verwirklichen ist, müssen die Ingenieure sagen.«

Auch Hochwasserschutz bedenken

Fischgewässer, Naturschutz und Hochwasserschutz – diesen Ansprüchen müsse die Aue gerecht werden, bemerkte Lutz Dettmann vom Wasserverband Große Aue. Er machte deutlich, dass der Verband nur für den Hochwasserschutz der »alten Aue« zuständig sei, nicht für die neu gestalteten Polder. Er warnte vor Eingriffen in den Wasserhaushalt des Stauwehr-Systems. »Letztlich entwässern die Felder in diesen Fluss. Der Pegel spielt eine entscheidende Rolle für Trockenheit oder Überschwemmung der angrenzenden Felder der Landwirte«, sagte er.

Die große und kleine Aue seien »mit viel Aufwand hergestellte künstliche Wasserläufe«. »Wer die zurückbauen will, muss enormes Geld aufbringen, denn auch Pipelines und Versorgungsleitungen verlaufen neben oder unterhalb der Flussläufe. Diese Gewässer gehören zu einem Drainagesystem und es ist nicht realistisch, dies zurückzubauen, nicht einmal bis zum Jahr 2027, wie angestrebt«, sagte Lutz Dettmann.

Ein Kommentar von Michael Nichau

Es ist ein Pilotprojekt gewesen, die Aue seinerzeit umzugestalten. Wie Zeitzeuge Friedrich Schepsmeier (damals Kreistagsmitglied) erklärte: Man habe lediglich das Ziel gehabt, »eine Auenlandschaft zu schaffen« – mit allen Kompromissen. Klar, dass dabei Fehler gemacht worden sind. Die Bezirksregierung hat jetzt offensichtlich signalisiert, dass diese – trotz erneuerten Naturschutzes – korrigiert werden könnten. Persönlich wurde dies nicht erklärt. Jetzt bleibt abzuwarten, wie man allein den Anspruch der Durchlässigkeit für Fische in der Aue angesichts der sechs Sperrwerke verwirklichen will. Weitere Fischtreppen? Ein einziger Wasserlauf? Und das alles mit minimalem Finanzaufwand, denn die Stadt Rahden kann das nicht stemmen.

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