Informationsveranstaltung der Chronikgruppe Alt-Espelkamp stößt auf großes Interesse  Vom Hochzeitsbitten und Zigarrenrollen 

Altgemeinde Espelkamp (WB). Grün-rot-gelbes Krepp-Papier ziert das Fahrrad, mit dem Herbert Kummer – verkleidet als Hochzeitsbitter aus dem 20. Jahrhundert – in den großen Raum des Dorfgemeinschaftsraums fährt. Er schwingt dabei einen Stab, an dem bunte Tücher hängen. Der Zylinder auf seinem Kopf ist auch farblich akzentuiert.

Von Anna-Lena Wehbrink
Dieter Spreen hat sich intensiv mit der Geschichte der Zigarrenherstellung in Espelkamp auseinander gesetzt. Als Mitglied der Chronikgruppe der Dorfgemeinschaft Aktives Alt-Espelkamp informierte er die Besucher im Dorfgemeinschaftshaus.
Dieter Spreen hat sich intensiv mit der Geschichte der Zigarrenherstellung in Espelkamp auseinander gesetzt. Als Mitglied der Chronikgruppe der Dorfgemeinschaft Aktives Alt-Espelkamp informierte er die Besucher im Dorfgemeinschaftshaus.

 Brauch zur Heirat Diese kleine Schaueinlage ist Teil der Veranstaltung »Sitten und Bräuche – Was gibt’s Neues in Espelkamp?«, ausgerichtet von der Chronikgruppe Alt-Espelkamp im Dorfgemeinschaftshaus. Für diesen Auftritt hat Mitglied Herbert Kummer extra ein Gedicht auswendig gelernt, das Hochzeitsbitter früher stets zur Begrüßung aufgesagt haben: »Ich komm hierher geschritten, hätt' ich ein Pferd, käme ich geritten«, lautet der erste Teil des mehrstrophigen Werks.

 »Damals kamen Hochzeiten nicht immer aus Liebe zustande, sondern aufgrund von Ehearrangements der Eltern«, sagt der Chroniker. Wichtig sei vor allem die Mitgift gewesen, die der künftige Bräutigam vom Brautvater erhielt. »Das konnten zum Beispiel ein Bett oder Web-Utensilien sein. Auch ein Stück Land als Mitgift war möglich«, erklärt Kummer. Die Hochzeitsfeier sei meist auf der Diele veranstaltet worden. Nicht selten hätten die Hochzeitsgäste nach dem Essen eine Polonaise – angeführt vom Akkordeonspieler – zu benachbarten Höfen unternommen, um dort weiter zu feiern.

 Unter Kummers Zuhörern ist auch Christina Langhorst. Die ehemalige Alt-Espelkamperin und heutige Espelkamperin fühlt sich ein wenig an ihre eigene – aus echter Liebe entstandene – Hochzeit erinnert: »Auch wir hatten Hochzeitsbitter, denn ich mag Traditionen sehr. Ich fühle mich mit Alt-Espelkamp und dem Dorfgemeinschaftshaus, das früher meine Schule war, sehr verbunden.« Kein Wunder also, dass Christina Langhorst die Veranstaltung der Chronikgruppe gern besucht: »Vielleicht erkennt man noch bekannte Menschen auf alten Bildern oder in den Filmen.«

 Neben Langhorst sitzt Petra Rawitzki. Die Lübbeckerin ist zum ersten Mal bei der Chronikgruppe zu Gast und muss schmunzeln, als sie den verkleideten Herbert Kummer sieht: »Ich war auch schon einmal Hochzeitsbitter. Das war eine tolle Erfahrung. Auf dem Land ist diese Tradition verbreitet, in der Stadt gibt es sie kaum. Das finde ich schade.« Zigarrenrollen Wenige Meter neben der großen Leinwand, auf dem die Gäste verschiedene Bilder aus vergangener Zeit präsentiert bekommen, steht ein antiker Zigarrenrolltisch. Jürgen Heimsath, Sprecher der Chronikgruppe erklärt: »Die Tabakindustrie boomte in Deutschland förmlich. Sie hatte ihre Hochphase von 1863 bis etwa 1963. Auch für den Altkreis Lübbecke war die Branche von enormer Wichtigkeit.«

 Dieter Spreen, ebenfalls Mitglied der Chronikgruppe, hat sich mit der Thematik näher auseinander gesetzt und spricht über die Beschäftigungsverhältnisse im Altkreis Lübbecke: »Die heute nicht mehr existierende Zigarrenfabrik Blase aus Lübbecke beschäftigte in ihren Blütezeiten 500 bis 600 Mitarbeiter, etwa 100 davon waren Heimarbeiter (Anm. d. Red.: Lohnarbeit, die von Zuhause verrichtet wird.).«

 Viele Arbeiter seien auch aus Bünde gekommen. Die Stadt wird noch heute »Zigarrenstadt« genannt. Wer gelegentlich mit der Eurobahn in Richtung Bielefeld fährt, sieht ein entsprechendes Schild am Bünder Bahnhof hängen, das auf diese Tatsache hinweist. »Aufgrund der zurückgehenden Tabakindustrie gibt es seit den 80er/90er Jahren nur noch einen Zigarrenhersteller im Altkreis Lübbecke«, sagt Spreen.

 In der Chronikgruppe Alt-Espelkamp engagieren sich derzeit Jürgen Heimsath, Dieter Spreen, Herbert Kummer, Helmut Minkoley, Egon Meier und Willi Sander. Die Ehefrauen der Mitglieder übernahmen die Bewirtung der Besucher.

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