Im Krankenhaus Rahden lernen Eltern, Großeltern und Erzieher, was sie im Notfall tun können Wie rette ich mein Baby?

Rahden (WB). Wie rettet man ein Kind, das nicht mehr atmet? Das blau wird? In Rahden lernen Laien, was sie tun können. »Die Nachfrage nach unseren Kursen ist enorm«, sagt Michael Nagel, Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin.

Von Christian Althoff
»Halten Sie den Kopf und beatmen Sie – aber nur so viel, wie in ein Schnapsglas passt.« Michael Nagel zeigt Laien, wie ein Kind wiederbelebt wird.
»Halten Sie den Kopf und beatmen Sie – aber nur so viel, wie in ein Schnapsglas passt.« Michael Nagel zeigt Laien, wie ein Kind wiederbelebt wird. Foto: Moritz Winde

Auch an diesem Abend sind alle Plätze im Fortbildungsraum des Rahdener Krankenhauses besetzt. Ganz vorne sitzt Jana Walter (22) aus Stemwede. »Vor einem Jahr wurde unser Kind ohnmächtig. Ich wusste überhaupt nicht, was ich tun sollte.« Die 22-Jährige hat nicht nur ihren Mann mitgebracht, sondern auch ihren Vater. »Wir wohnen zusammen in einem Haus. Wenn mein Vater mal auf unser Kind aufpasst, sollte er wissen, was man im Notfall tut«, sagt die junge Mutter, die im Juni ihr zweites Kind erwartet.

»Schläft mein Kind, oder ist es bewusstlos? Rufen Sie, klatschen Sie und kneifen Sie Ihr Kind in den Oberarm«, rät Michael Nagel, Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin.

Mütter, Kindergärtnerinnen, Großeltern, Schwangere – das ist das Publikum, das Michael Nagel und seine Kollegin Marion Neddermann seit fast zwei Jahren zu ihren Abendkursen begrüßen. »Viele Menschen halten Babys für zerbrechlich und trauen sich nicht, zu helfen. Wir nehmen ihnen die Angst«, sagt Michael Nagel. In der letzten Reihe sitzen Jessica von Behren (24) und Ann-Christin Riechmann (23). Als Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr sind sie fit in Erster Hilfe, aber die Wiederbelebung eines Säuglings haben sie nicht gelernt. »Was tut man, wenn sich so ein kleiner Wurm nicht mehr bewegt?«, fragt Ann-Christin Riechmann. Mit der Babypuppe, die vor ihr auf dem Tisch liegt, wird sie es heute Abend lernen. Gleich zu Anfang erfahren die Zuhörer, dass es keine Alternative zu Sofortmaßnahmen gibt: »Drei bis fünf Minuten nach einem Atemstillstand kommt es zu Gehirnschäden. In dieser Zeit wird niemals ein Notarzt bei Ihnen sein«, sagt Michael Nagel.

Zunächst einmal könnten Eltern durch Vorsorge die Gefahr eines Atemstillstands reduzieren, sagt der Fachkrankenpfleger. »Stillen Sie Ihr Baby, rauchen Sie nicht, machen Sie das Kinderzimmer nicht wärmer als 18 Grad, legen Sie Ihr Kind zum Schlafen in einem Schlafsack auf den Rücken, und verzichten Sie auf Decken und Kopfkissen.« Diese Dinge haben dazu beigetragen, dass der sogenannte Plötzliche Kindstod zur Ausnahme geworden ist. Erlag 1990 noch jedes 400. Baby dem Plötzlichen Kindstod, ist es heute nur noch jedes 3000.

Schütteln kann tödliche Gehirnblutungen auslösen

Regt sich ein Kind nicht mehr, sollte es auf keinen Fall geschüttelt werden. »Das kann tödliche Gehirnblutungen verursachen«, warnt Michael Nagel. »Klatschen Sie stattdessen, rufen Sie, kneifen Sie das Kind in den Oberarm.« Regt sich das Baby nicht, ist es bewusstlos – vielleicht durch einen Fieberkrampf, einen Sturz oder Unterzuckerung. Wer jetzt sein Ohr über das Gesicht des Babys hält, Richtung Brustkorb blickt und weder einen Luftzug, ein Geräusch noch eine Bewegung wahrnimmt, weiß: Das Kind atmet nicht mehr. Michael Nagel: »Legen Sie das Kind mit dem Rücken auf eine harte Unterlage wie einen Tisch. Fassen Sie den Kopf am Kiefer und bewegen sie ihn soweit nach hinten, dass die Ohren parallel zur Unterlage verlaufen. So kommt die Zunge in eine ungefährliche Position. Keinesfalls darf der Kopf überstreckt werden, wie man es bei Erwachsenen tun würde. Sonst schnürt man die Atemwege ab.« Während der Körper eines Erwachsenen recht viel Sauerstoff speichert und deshalb sofort mit der Herzmassage begonnen werden kann, sollte ein Baby zunächst beatmet werden. Nagel: »Stülpen Sie ihren Mund über Nase und Mund des Babys und pusten Sie fünfmal die Luftmenge, die in ein Schnapsglas passt, in den Körper.« Mehr Luft sei schlecht, sagt der Intensivpfleger. »Sie pumpt den Magen auf und drückt im schlimmsten Fall Magensäure in die Lunge.«

Wiederbelebung fortsetzen, bis Helfer eintreffen

Jetzt folgt die Herzmassage, bei der durch Drücken Blut aus dem Herzen gepresst wird, das sich beim Nachlassen des Drucks wieder mit Blut füllt. Nagel: »Drücken Sie in Höhe der Brustwarzen mit Mittel- und Zeigefinger aufs Brustbein, und zwar richtig tief.« Die Rippen von Babys bestünden noch weitgehend aus Knorpel und brächen deshalb nicht, sagt der Experte. Wichtig sei, den Brustkorb nach jedem Drücken vollständig zu entlasten. Pro Minute solle etwa 100 Mal gedrückt werden. »Das entspricht dem Beat der Songs ›Stayin' alive‹ oder ›Yellow Submarine‹.« Nach 30-maligem Drücken soll das Kind zwei Atemstöße bekommen, dann wird weiter gedrückt. »Erst nach einer Minute Wiederbelebung ruft man den Notarzt unter 112, sofern das nicht jemand anderes schon vorher machen konnte.« Auch wenn das Kind keine Reaktion zeige: Die Wiederbelebung müsse bis zum Eintreffen der Helfer fortgesetzt werden.

Nach zwei Stunden und etlichen Übungen an Babypuppen sind alle schlauer. »Ich habe jetzt keine Angst mehr, meinem Kind wehzutun«, sagt Jana Walter. Und auch die Profihelferinnen von der Feuerwehr haben etwas gelernt. Jessica von Behren: »Ohne diesen Kurs hätten wir den Kopf eines Babys überstreckt, wie wir es bei Erwachsenen tun würden.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.