Im Uniklinikum Minden wird Darmpatienten Stuhl von Verwandten transplantiert Klingt ekelig, aber es hilft

Minden (WB). Patienten mit schwersten Darmerkrankungen wird im Universitätsklinikum Minden Stuhl von Gesunden transplantiert. »Die Erfolge sind enorm«, sagt Prof. Dr. Carsten Gartung. Er sieht die Medizin in diesem Bereich erst ganz am Anfang.

Von Christian Althoff
Prof. Dr. Carsten Gartung mit einem Endoskop.
Prof. Dr. Carsten Gartung mit einem Endoskop. Foto: Oliver Schwabe

Die Methode wird noch selten genutzt. Aus der Abrechnungsstatistik der Krankenkassen ergibt sich, dass 2016 bundesweit 313 Patienten damit behandelt wurden, etwa zur Hälfte Frauen. Sechs Kinder waren dabei, aber in der Mehrzahl der Fälle waren die Kranken 60 Jahre oder älter.

Antibiotika haben Darmflora zerstört

Alle Betroffenen hatten eines gemein: »Sie haben wegen irgendeiner Krankheit Antibiotika bekommen, und die haben die Darmflora zerstört«, sagt Prof. Gartung, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektionskrankheiten.

Jeder Erwachsene habe etwa zwei Kilogramm der unterschiedlichsten Bakterien im Darm, die lebenswichtig seien, sagt der Arzt. »Wir nennen dieses Milieu Mikrobiom.« Bei manchen Menschen passiere es, dass ein Antibiotikum alle Darmbakterien töte – bis auf das aggressive Bakterium Clostridium difficile. »Es bildet Gifte, und die Menschen bekommen schwere Durchfälle.« In der Regel werde das Bakterium dann mit einem speziellen Antibiotikum bekämpft, und die Darmflora erhole sich. »Vor allem bei älteren, geschwächten Menschen kann es aber passieren, dass die schweren Durchfälle wiederkommen.« Nach zwei, drei Rückfällen sei der Dickdarm so entzündet, dass die Darmwand keine zuverlässige Barriere mehr darstelle. »Bakterien können dann aus dem Darm in den Körper gelangen und eine Blutvergiftung auslösen. Und die kann tödlich sein.«

»Nach 48 Stunden sind 95 Prozent der Patienten beschwerdefrei«

Wenn Antibiotika nicht dauerhaft helfen, das Bakterium Clostridium difficile auszurotten und die Durchfälle zu stoppen, ziehen die Ärzte in Minden eine Stuhltransplantation in Erwägung. »Diesen Eingriff führen wir etwa ein halbes Dutzend Mal pro Jahr durch«, sagt Prof. Gartung. Die meisten Patienten hätten davon noch nichts gehört, aber ihr Leiden sei so groß, dass sie aufgeschlossen seien, alles zu versuchen.

Gewöhnlich komme der Stuhl von einem anderen Familienmitglied, erklärt der Mediziner. »Die Person wird gründlich untersucht, um sicherzustellen, dass sie gesund ist.« Der Verwandte gebe seinen Stuhl in der Klink ab, wo er zu eine wässrigen Substanz verarbeitet werde. »Im Zuge einer Darmspiegelung geben wir dem Patienten dann über einen Schlauch etwa 200 Milliliter in den Dickdarm.«

Der Erfolg sei verblüffend, sagt Prof. Gartung. »Nach 48 Stunden sind 95 Prozent der Patienten beschwerdefrei.« Diese Zahl werde durch internationale Studien bestätigt.  In den 48 Stunden hätten sich die fremden Bakterien so rasant vermehrt, dass sie eine neue, gesunde Darmflora geschaffen hätten. »Die ist so übermächtig, dass sie das Bakterium Clostridium difficile erdrückt.« Ein mögliches Risiko, über das Patienten aufgeklärt würden, sei, dass trotz der Untersuchung des Spenders eine Krankheit übertragen werde. »Das hatten wir aber noch nicht.«

Weitere Forschung auch für andere Erkrankungen wichtig

Der Gastroenterologe sagt, derzeit werde die Methode nur bei dem beschriebenen Krankheitsbild als »individueller Heilversuch« eingesetzt. »Aber natürlich steht die Frage im Raum, ob auch den vielen Menschen, die an entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa leiden, mit einer Stuhltransplantation geholfen werden kann.« Das werde seit einiger Zeit an internationalen Universitäten erforscht, sagt der Mediziner.

Langfristig werde man möglicherweise dazu kommen, Stuhltransplantate industriell herzustellen und in Form von Kapseln zu verabreichen. »Das dauert aber noch, denn dann handelt es sich um ein Medikament, das einen langen Zulassungsprozess durchlaufen muss.«

Die individuelle Zusammensetzung der Darmflora werde inzwischen mit vielen Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht, Osteoporose und Demenz in Verbindung gebracht, ohne dass irgendwelche Wirkmechanismen bewiesen seien, sagt Prof. Gartung. »Das ist ein gigantisches Forschungsgebiet, das uns hoffentlich in einigen Jahren neue Möglichkeiten eröffnet.« Eine Vision sei, dem Darm mittels einer Tablette ein bestimmtes Bakterium zuzuführen, um so Einfluss auf bestimmte Krankheiten zu nehmen.

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