In Minden sollen Besucher künftig über kämpfende Zinnsoldaten schreiten Preußenmuseum nimmt Gestalt an

Minden (WB). Unter den Füßen der Besucher kämpfen preußische Zinnsoldaten. Der in rotes Licht getauchte Militärraum mit Glasboden und von der Decke hängenden Ferngläsern, die nähere Blicke auf die Schlacht ermöglichen, soll eine Attraktion des neuen Preußenmuseums in Minden werden.

Von Dietmar Kemper
Anne Kummetz, Lukas Kesler und Jakob Blazejczak (von links) haben den Beirat mit ihrem Modell überzeugt.
Anne Kummetz, Lukas Kesler und Jakob Blazejczak (von links) haben den Beirat mit ihrem Modell überzeugt. Foto: Oliver Schwabe

Der 16-köpfige Wissenschaftliche Beirat hat sich unter den Modellen, die Studenten des Fachbereichs Bühnenbild der Technischen Universität Berlin entworfen haben, für eines entschieden und will es dem Kulturausschuss des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in der Sitzung am 25. Februar vorstellen.

Das seit vier Jahren geschlossene Preußenmuseum in der 1829 errichteten Defensionskaserne gehört seit zwei Jahren dem LWL in Münster. Nun soll es aus seinem Dornröschenschlaf geweckt werden und die Geschichte Preußens in Westfalen zeitgemäß erzählen.

Halbwertszeit von Dauerausstellungen gesunken

Die Halbwertszeit von Dauerausstellungen sei deutlich gesunken, sagte Museumsleiter Carsten Reuß am Montagabend. Es kämen kaum noch homogene Besuchergruppen mit entsprechender Vorbildung, viele Menschen könnten mit Preußen nichts mehr verbinden. »Besucher wollen heute Informationen spielerisch gewinnen, und der Bezug zur Gegenwart ist ihnen wichtig«, sagte Reuß.

Im Klartext: Nur Exponate in Vitrinen auszustellen, zieht nicht mehr. Mit szenischen Räumen wie dem über die prägende Rolle des Militärs im Staat Friedrichs des Großen möchten die Studenten Interesse am sperrigen Thema Preußen wecken.

Die Räume sollen Gefühle auslösen, sagte Lukas Kesler dem WESTFALEN-BLATT: »Im Militärraum fühlt sich der Besucher in der Masse der Soldaten klein. Wir machen deutlich, dass Krieg sowohl Leid als auch Innovationen auslöste. Militärgeschichte wird aber nicht den Schwerpunkt des Museums bilden.«

Apropos Innovationen: Ihnen soll ein eigener Raum gewidmet sein, mit Exponaten wie Porzellanwaren und dem Zündnadelgewehr, mit dem Preußens Soldaten öfter schießen konnten als die gegnerischen Armeen mit ihren rückständigen Waffen.

17 verschiedene Räume

Lukas Kesler, Anne Kummetz und Jakob Blazejczak überzeugten den Beirat mit ihrem Entwurf, der 17 Räume vorsieht. Gleich zu Beginn sollen die künftigen Besucher mit einer Blitzinstallation spektakulär empfangen werden: Eine Dampfmaschine treibt eine Lichtmaschine an, die einen Blitz auf eine Pickelhaube wirft, und das Ganze wird dann an eine Wand projiziert.

Die Pickelhaube steht als Sinnbild für preußischen Militarismus, und die Blitzinstallation lehnt sich an ein Gedicht Heinrich Heines an, in dem es heißt: »Nur fürchte ich, wenn ein Gewitter entsteht, zieht leicht so eine Spitze herab auf euer romantisches Haupt des Himmels modernste Blitze!«

Das Konzept sieht vor, dass sich der zweite Raum des Museums mit preußischen Symbolen wie dem Eisernen Kreuz befasst und den Nachwirkungen bis heute. Nicht weit von Minden entfernt heißt ein traditionsreicher Fußballverein Preußen Münster. Im Symbolraum soll der Blick auf ein raumhohes Gemälde Friedrichs des Großen fallen.

Videoporträts zeitgenössischer Preußen

Neben dem Militär, der preußischen Gesellschaft und dem Schulwesen wird das Thema Mi­gration eine wichtige Rolle spielen. Die Preußen holten im 17. und 18. Jahrhundert die in Frankreich verfolgten Hugenotten ins Land, um die »Streusandbüchse der Nation« zu besiedeln und das Gewerbe in den Städten anzukurbeln.

Mit Erfolg: Preußen blühte dank der Ausländer wirtschaftlich auf. Diese Geschichte soll im Museum mit der Migration der Gegenwart verknüpft werden. Geplant ist eine Art Flughafenwartezone, in der auf Monitoren live Nachrichten aus der ganzen Welt zu sehen sind. »Viele politische Entscheidungen haben mit Flucht und Migration zu tun«, erläuterte Student Kesler das Konzept.

Ein begehbarer Kleiderschrank soll zeigen, was Frauen und Männer in Preußen trugen. Foto: Oliver Schwabe

Zu diesem Konzept gehören ferner ein Raum mit Videoporträts zeitgenössischer Preußen, einer mit glorifizierenden, karikierenden und dokumentarischen Preußenbildern und einer mit einem begehbaren Kleiderschrank, in dem Besucher die damalige Mode anfassen können.

»Riesenschritt nach vorne«

Barbara Rüschoff-Parzinger, die Kulturdezernentin des LWL, sprach von einem »Riesenschritt nach vorne«. Das Museum müsse dem Internet etwas voraushaben. »Die szenischen Räume erzeugen Stimmungen – das kann das Internet nicht.

Wir wollen das sehr komplexe Thema Preußen einfach vermitteln, dabei aber sachlich absolut korrekt sein.« Noch ist alles Zukunftsmusik. Wenn der Kulturausschuss dem favorisierten Modell seinen Segen gibt, soll bis zur Sommerpause ein »Zeit- und Aktivitätenplan« vorgelegt werden.

Mit der Neueröffnung des Preußenmuseums in Minden – es gibt auch noch eines in Wesel – rechnet Rüschoff-Parzinger nicht vor 2019. Heike Döll-König, Geschäftsführerin von Tourismus NRW, zitierte eine Statistik, nach der 60 Prozent der deutschen Touristen in NRW Urlaub mit Kultur verknüpfen. Das neu gestaltete Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta Westfalica und das neue Preußenmuseum in Minden ergeben nach Döll-Königs Überzeugung einen attraktiven Gesamtkomplex.

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