Mit Herbert Wiesner aus Minden endet in Westfalen eine Tradition Schifferdiakon geht von Bord

Minden (epd). Wenn Diakon Herbert Wiesner aus Minden zum Jahreswechsel in den Ruhestand geht, endet in der Evangelischen Kirche von Westfalen die fast 100-jährige Tradition der Binnenschiffermission. »Die Binnenschiffer in der Region verlieren eine wichtige Anlaufstelle«, sagt Wiesner.

Diakon Herbert Wiesner am Mittelkandkanal in Minden.
Diakon Herbert Wiesner am Mittelkandkanal in Minden. Foto: epd

Seit 1990 leitet der Seelsorger das Haus der Schiffergemeinde am Wasserstraßenkreuz von Mittellandkanal und Weser. Mit mehr als 600 Mitgliedern ist die Gemeinde nach seinen Angaben die größte ihrer Art in Deutschland.

2018 nur noch kirchlicher Binnenschifferdienst in Duisburg

Der 63-jährige Wiesner ist der letzte von ehemals drei hauptamtlichen Schiffermissionaren in Westfalen. Mit der Pensionierung der jeweiligen Amtsinhaber lasse die Landeskirche den Arbeitszweig auslaufen, erklärt Wiesner. Bereits 2008 geschah dies in Hörstel-Bevergern und 2016 in Datteln. In Nordrhein-Westfalen gibt es vom neuen Jahr an nur noch den kirchlichen Binnenschifferdienst am Binnen- und Seehafen Duisburg, der zur Deutschen Seemannsmission gehört. Bundesweit sind diesem Verein 16 Stationen zwischen Emden und Rostock angeschlossen.

Aufkleber an der Eingangstür der Schiffergemeinde in Minden.

Ausbildung in Bethel zum Seelsorger

Wiesner wurde in der Diakonischen Gemeinschaft Nazareth der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel als Seelsorger ausgebildet. In Minden bot er bis zuletzt zwei Mal im Monat einen Gottesdienst an, der regelmäßig von etwa 50 Menschen besucht wurde. In der Woche lud er mit seiner Ehefrau Heidrun zu Männerabenden, Frauennachmittagen, einem Kreativkreis und zum Shantychor der Gemeinde ein. »Das Haus wurde oft voll«, erinnert sich der Schifferpastor. Vor allem die Sommerfeste mit hunderten Gästen seien beliebt gewesen. Früher unterrichtete er zudem Konfirmanden im Mindener Schifferkinderheim, das vor mehr als 20 Jahren geschlossen wurde.

Seine Arbeit beschreibt Wiesner als Mischung aus Verkündigung, Sozialarbeit und Seelsorge. »Das Schwerste für die Binnenschiffer ist die soziale Isolation«, sagt der Diakon. An Bord seien die Schiffer-Ehepaare immer nur zu zweit: »Da entsteht großer Redebedarf, wenn Besuch kommt.«

Wirtschaftliche Sorgen und Nöte

In Minden sucht Wiesner sein Klientel mit Fahrrad und Auto auf. Früher habe er auch mal Einkäufe an Bord gebracht oder am Wochenende Kinder der Binnenschiffer in den Zug zu ihren Eltern gesetzt, sagt der Seelsorger. »Inzwischen haben die Schiffer ihr Auto an Bord und können das meiste selbst erledigen.«

Geblieben sind die wirtschaftlichen Sorgen und Nöte. Immer mehr Fahrten müssten die selbstständigen Partikuliere unternehmen, um über die Runden zu kommen, erzählt der Schifferpastor.

Durchschnittsalter: 75 Jahre

Das Durchschnittsalter der noch aktiven Binnenschiffer liege bei 57 Jahren. Mehr als zwei Drittel der Menschen in seiner Gemeinde seien im Ruhestand, sagt der Diakon. Wenn der Treffpunkt am Wasserstraßenkreuz nun wegfällt, könnten viele Mindener Binnenschiffer »kirchlich unterversorgt« bleiben, befürchtet Wiesner. Nur wenige von ihnen würden wohl ihre Kirchengemeinden am Wohnort aufsuchen. Bundesweit sieht der Diakon die Binnenschiffermission »allmählich austrocknen«. »Wir waren mal 29 hauptamtliche Diakone und Pfarrer«, berichtet Wiesner, der 14 Jahre lang den Verband der evangelischen Binnenschiffer-Gemeinden in Deutschland geleitet hat. Weil inzwischen nur noch wenige Stellen übrig sind, hat sich der 1922 gegründete Verband aufgelöst.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.