Gelungene Theaterpremiere im Wittekind-Gymnasium wirft Frage nach Gerechtigkeit auf  Ein unmoralisches Angebot 

Lübbecke (WB). Gerechtigkeit ist nicht käuflich. Nein. Nein?! Oder vielleicht doch? Mit dieser Frage setzen sich die Schüler der Theater AG des Wittekind-Gymnasiums auseinander. Sie haben Friedrich Dürrenmatts »Besuch der al-ten Dame« auf die Bühne gebracht.

Von Julia Kleinschmidt
Abgestimmt: Bei der Gemeindeversammlung wird Alfreds (Christoph Köster) Schicksal besiegelt.
Abgestimmt: Bei der Gemeindeversammlung wird Alfreds (Christoph Köster) Schicksal besiegelt.

 Claire Zachanassian lässt bei ihrer Ankunft in Güllen keinen Zweifel aufkommen, wer hier das Geld und das Sagen hat. »Hier, nimm‘ 1000.« Lapidar drückt sie dem Bahnbediensteten ein paar Scheine in die Hand. So flugs lässt sich rechtfertigen, dass sie – die alte Dame – mal eben die Notbremse des ICE zieht, um unmittelbar an ihrem Reiseziel aussteigen zu können.

 Mit Ehemann Nummer sieben und einem ganzen Tross spleeniger Bediensteter im Schlepptau hält Claire (wunderbar kühl und überheblich gespielt von Melinda Piewitt) an ihrem früheren Wohnort Einzug. Die Erwartungen der Einwohner des kleinen Ortes sind hoch. Schließlich erhoffen sich die Verantwortlichen um den Bürgermeister (Vanessa Riemers) viel von der Rückkehr der jetzigen Milliardärin. Denn Güllen ist komplett pleite, Vorzeigeobjekte wie die Platz-an-der-Sonne-Hütte liegen brach. Eine ordentliche Finanzspritze käme da gerade recht. So wird nach Kräften geschleimt.

 Was die Güllener nicht ahnen: Claire – oder »Kläri« – steht kurz davor, ihren von langer Hand geplanten Rachefeldzug gegen ihren früheren Geliebten Alfred Ill (Christoph Köster) zu vollenden. Der hatte sie als junges Mädchen schmachvoll hängen lassen, nachdem er sie erst schwängerte und danach die Vaterschaftsklage mit Hilfe geschmierter Zeugen abschmetterte. Mit rundem Bauch und voller Rachegedanken verließ »Kläri« damals Güllen.

Dann platzt die Bombe

 Nicht einmal die Bahre im Reisegepäck kann die Güllener heute stutzig machen. »… vielleicht kann ich sie ja noch gebrauchen«, erklärt Claire knapp. Dann lässt sie die Bombe platzen: Eine Milliarde für Güllen – wenn jemand Alfred Ill tötet. Der Schock sitzt tief: »Lieber leben wir arm, als mit der Schuld zu leben, jemanden umgebracht zu haben«, empört sich der Bürgermeister. »Ich kann warten…«, entgegnet Claire ungerührt.

 Die Stimmung in Güllen kippt zunehmend. Wäre es nicht doch einfach nur gerecht, wenn Alfred für seine frühere Tat büßen müsste? Alfred schwant Böses ... Als er nach der Gemeindeversammlung tot am Boden liegt, erklärt die Ärztin nur: »Herzversagen.« Und alle sind sich einig: »Nicht des Geldes, sondern der Gerechtigkeit wegen.«

 Mit jeder Menge schwarzem Humor, Ironie und witzigen Details lassen sich die Darsteller der Theater AG auf Dürrenmatts tragische Komödie ein. Zu nennen sei hier nur die Power-Point-Präsentation mit unverkennbar Lübbecker Lokalkolorit, die Milliardärin »Kläri« die Vision von Güllens Aufschwung schmackhaft machen soll.

 Unter der Leitung von Edda Solinski und Mareike Sauerländer haben die Schüler hier ein sehr beachtenswertes Projekt auf die Beine gestellt. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich die weiteren Aufführungen am 6. und 7. März keinesfalls entgehen lassen.

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