Landwirtschaftlicher Verbandstag: Vortrag von »Bauer Willi« – Landrat warnt vor AfD Harte Fakten mit trockenem Humor

Espelkamp (WB). Die Landwirtschaft ist einer der ältesten Berufszweige überhaupt. Doch auch dieser Beruf muss sich den neuen Herausforderungen im Bereich der Kommunikation stellen.

Von Felix Quebbemann
»Bauer Willi« hat im Vortrag kurz seinen Werdegang für die vielen Gäste im Saal des Bürgerhauses skizziert. Mit dem Verfassen seines kritischen Briefes »Lieber Verbraucher« wurde er in kürzester Zeit sehr bekannt.
»Bauer Willi« hat im Vortrag kurz seinen Werdegang für die vielen Gäste im Saal des Bürgerhauses skizziert. Mit dem Verfassen seines kritischen Briefes »Lieber Verbraucher« wurde er in kürzester Zeit sehr bekannt. Foto: Felix Quebbemann

Dies ist beim Kreisverbandstag des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Minden-Lübbecke deutlich geworden. »Bauer Willi« – alias Dr. Willi Kremer-Schillings – hat als Ehrengast den Besuchern im Saal des Bürgerhauses aus dem alltäglichen Leben eines Landwirtes einige praktische Beispiele gegeben.

Rückblick auf »Wetterkapriolen«

Zunächst begrüßte Rainer Meyer, stellvertretender Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes, die Besucher. Die Reihen waren nicht ganz gefüllt. Schuld daran, so Meyer, sei die Erkältungswelle, von der auch er heimgesucht worden sei. Er ließ es sich aber nicht nehmen, unter anderem die Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl, Landrat Ralf Niermann, CDU-Landtagsabgeordnete Bianca Winkelmann und Espelkamps Bürgermeister Heinrich Vieker als Ehrengäste zu begrüßen.

Meyer blickte kurz zurück auf die »Wetterkapriolen« des vergangenen Jahres. So hätten die schweren Nachtfröste im April und der nasse Winter die Landwirte »an die Grenzen unserer Belastbarkeit« gebracht. Vielerorts sei die Herbstbestellung ausgefallen. Dies drücke aufs Gemüt. Für die Veredelungsbetriebe, so Meyer weiter, lief das vergangene Jahr »mittelprächtig«. Die Betriebe bräuchten noch weitere solcher Jahre, um sich zu konsolidieren.

Landrat warnt vor weiterem Insektensterben

Landrat Ralf Niermann sagte zu den Landwirten, dass ihre Arbeit mit neuen Regelungen und Vorschriften nicht leichter werde. »Ich kann nur den zeitlichen Druck erahnen, unter dem Sie stehen.« Was eine mögliche Ausbreitung der afrikanischen Schweinepest anbetreffe, sehe er die Betriebe im Kreis gut aufgestellt. »Der beste Seuchenschutz ist ein gutes Frühwarnsystem in den Ställen.« Der Landrat warnte vor weiterem Insektensterben und lobte die regionale Artenvielfalt beim Obst. »Regionalisierung ist einfach ›in‹«. Ein kurzer Exkurs führte ihn zu den neuesten politischen Umfrageergebnissen und dem Erstarken der AfD als zweitstärkste Partei. Er sehe »dunkle Wolken aufziehen. Die AfD ist vielleicht eine demokratisch gewählte Partei. Ihr Ziel aber ist es, die Demokratie zu unterwandern und sie so, wie wir sie kennen, abzuschaffen. Wir sollten wachsam sein«, mahnte er.

Bürgermeister Heinrich Vieker sagte, dass der Vortrag von »Bauer Willi« sicherlich »wichtige Impulse« für die Landwirtschaft geben werde. Dass ein Blogger beim Kreisverbandstag spreche, sei auch auf das »Affentheater in Berlin« zurückzuführen. »Mir fällt nichts anderes zu dem Personalgeschacher ein«, so Vieker.

Werdegang vom promovierten Landwirt hin zum Blogger

Marianne Thomann-Stahl bezeichnete die Landwirtschaft als »prägendes Element dieser Region«. Die Bezirksregierung fühle sich mit der Landwirtschaft sehr verbunden. Pfarrer Dr. Roland Mettenbrink hob in seiner Rede die lange gemeinsame Geschichte von Kirche und Landwirtschaft hervor. Holger Topp, Geschäftsführer des landwirtschaftlichen Kreisverbandes, trug den Geschäftsbericht vor, ehe »Bauer Willi« an das Rednerpult trat.

Er skizzierte seinen Werdegang vom promovierten Landwirt hin zum Blogger mit Auftritten bei TV-Moderator Günter Jauch. Als Blogger habe er bereits 1500 Artikel veröffentlicht. »Wir erreichen pro Woche 100.000 bis 200.000 Menschen.« Und er machte in seiner ruhigen Vortragsweise, die immer wieder mit trockenem Humor garniert wurde, deutlich, dass die Landwirte auch selbst einiges dafür tun müssten, um in der Gesellschaft wieder mehr Akzeptanz zu erreichen. Sein Vortrag stand unter dem Titel »Das Dilemma der Essenmacher – mehr Mut zu kreativer Kommunikation«.

»Bauer Willi« ruft zu Öffentlichkeitsarbeit auf

»Die Hälfte der Menschen lebt heute in den Städten. Alles was sie über die Landwirtschaft wissen, kommt aus den Medien. Denn sie wissen ja, dass man mit Twitter auch ein ganzes Land regieren kann.« Dies habe ihnen der amerikanische Präsident gezeigt. »Wir sind aber nicht bei Twitter. Wir finden nicht statt«, skizzierte »Bauer Willi« das Dilemma der Landwirtschaft.

Des Weiteren sagte er, dass der Meinung mache, der auch den Mund aufmache. Dies aber sei nicht unbedingt die Sache der Landwirte – mit Ausnahme der Landfrauen, die kommunikativer seien. Er rief dazu, Öffentlichkeitsarbeit für den Beruf des Landwirtes zu betreiben. Und keiner könne dies »so authentisch, wie der Landwirt selbst. Wenn wir wollen, dass sich etwas ändert, dann müssen wir selbst aktiv werden.« So einfach sei das Prinzip Öffentlichkeitsarbeit. Der Bauer betreibe in dem Moment Öffentlichkeitsarbeit, wenn er mit seinem Traktor den Hof verlasse.

Lustige Geschichten und harte Fakten

Seit Jahrzehnten werde negativ über die Landwirtschaft berichtet. Es seien aber nur 0,1 Prozent der Bevölkerung, die Stimmung gegen die Landwirtschaft machten, sagte »Bauer Willi«: »Die meisten Menschen haben mit uns kein Problem.«

Die harten Fakten verfeinerte »Bauer Willi« immer wieder mit lustigen Geschichten aus seinem landwirtschaftlichen Alltagsleben. So manch ein Besucher aus dem Bereich der Landwirtschaft dürfte sich wieder erkannt haben, wenn »Bauer Willi« darüber sprach, wie die Nachbarn gerne mal rüber kommen und fragen würden, ob »der Willi« nicht mal eben mit seinem Frontlader aushelfen könne, nur um dann von den gleichen Nachbarn wenig später zu hören, wie sie auf die Landwirtschaft schimpften.

Ansätze müssen her: Tag der offenen Höfe oder Besuche des Kindergartens sind Formen der Öffentlichkeitsarbeit. »Bauer Willi« plädierte für einen kreativen Dialog. Landwirte müssten nicht nur ihre Sicht der Dinge darlegen. Durch Fragen und Nachfragen müsse man beim Gesprächspartner die Problemlage heraushören.

Nach einer Diskussionsrunde mit dem Publikum wurde »Bauer Willi« mit viel Applaus und einem Präsentkorb verabschiedet.

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