Sozialer Wohnungsbau: Zwei Expertinnen äußern sich zur Problematik »Schlüssiges Konzept« ist notwendig

Espelkamp (WB). Zwei Milliarden Euro sollen nach dem Willen der Parteien CDU, CSU und SPD in den nächsten Jahren in den sozialen Wohnungsbau fließen.

Von Felix Quebbemann
Elke Schmidt-Sawatzki und Ursula Büchsenschütz haben sich im Hexenhaus getroffen, um über die Problematik im sozialen Wohnungsbau zu sprechen. Sie nehmen dabei die Politik und die Wohnungsbaugesellschaften in die Pflicht.
Elke Schmidt-Sawatzki und Ursula Büchsenschütz haben sich im Hexenhaus getroffen, um über die Problematik im sozialen Wohnungsbau zu sprechen. Sie nehmen dabei die Politik und die Wohnungsbaugesellschaften in die Pflicht. Foto: Felix Quebbemann

Fachstelle

Dies jedenfalls sind erste Ergebnisse der Gespräche zur Großen Koalition. Diese Nachricht werden Ursula Büchsenschütz von der Wohnungs-Fachstelle »Wohin«, und Elke Schmidt-Sawatzki, Leiterin des Hexenhauses in Espelkamp, begrüßen. Das Hexenhaus ist Hauptträger der Fachstelle zur Unterstützung von Menschen in Wohnungsnotlagen. Weiterer »Wohin«-Initiator ist das »Regionale Netzwerk zur Vermeidung von Wohnungsnotlagen«.

Büchsenschütz bemängelt wie Elke Schmidt-Sawatzki, dass es im Kreis Minden-Lübbecke kaum öffentlich geförderten Wohnraum gebe. Es sei in der jüngeren Vergangenheit »nichts geschaffen worden«. Immer wieder gebe es Altbauten, die aber renoviert und dann teurer würden. »Wir benötigen ein schlüssiges Konzept«, sagte Büchsenschütz bei einem Besuch im Hexenhaus.

Mietrichtwert

Viele Menschen können sich frisch renovierte Wohnungen nicht leisten. Die öffentliche Hand, in diesem Fall die Kommunen, müssen einspringen um den Anspruch auf »angemessenen Wohnungsraum« zu gewährleisten. Der Trend heutzutage geht jedoch zu hochwertigen Wohnungen, häufig barrierefrei, die schnell den Mindestsatz einer Sozialwohnung übersteigen.

Der Mietrichtwert für eine Sozialwohnung in Espelkamp, Preußisch Oldendorf und Rahden für eine Person zum Beispiel beträgt 348 Euro. Dies beinhaltet die Nettokaltmiete sowie die »kalten Betriebskosten«. Wohnungen zu einem solchen Preis sind jedoch selten geworden.

Ein neues Zuhause

Verantwortlich für viele Wohnungen sind Wohnungsbaugesellschaften – wie die Aufbaugemeinschaft in Espelkamp. Mit der und der Mindener »Wohnhaus« hat die Fachstelle »Wohin« in der jüngeren Vergangenheit ein erfolgreiches Projekt – »Wohnenplus« – initiiert, das von Obdachlosigkeit bedrohten Menschen die Chance auf ein neues Zuhause bietet. Büchsenschütz betont, dass »wir von ›Wohin‹ dabei beratend tätig werden«. Die Betreuung der von Obdachlosigkeit bedrohten Menschen werde von entsprechenden Fachstellen übernommen.

Schmidt-Sawatzki fügt an: »Wir können in Espelkamp glücklich sein, dass wir die Aufbau haben.« Dennoch fehle es auch in Espelkamp an einem ausreichenden Bestand an Sozialwohnungen – wie beinahe im gesamten Kreis Minden-Lübbecke.

Erschreckende Prognose

Die beiden Frauen fordern, dass die Politik wieder verstärkt Plätze in Aufsichtsräten von Wohnungsbaugesellschaften besetzt. Denn nur so könne es eine Stimme für den sozialen Wohnungsbau geben. Die Politik habe sich nämlich aus diesem Bereich ziemlich zurückgezogen, kritisiert Büchsenschütz.

Sie macht wie Schmidt-Sawatzki auch auf die Aktivitäten der BAG Wohnungslosenhilfe aufmerksam. Der Verein hat für dieses Jahr eine erschreckende Prognose gegeben: »Bundesweit sollen in diesem Jahr nämlich 1,2 Millionen Menschen ohne Wohnung dastehen.« Die Fachstelle »Wohin« und das Hexenhaus wollen gegen diese Entwicklung etwas tun.

Menschenrecht auf Wohnen

Zum Wohnungsproblem für die sozial Schwachen kommen im ländlichen Bereich jedoch weitere Schwierigkeiten – zum Beispiel fehlende Mobilität. Büchsenschütz plädiert dafür, eine Wohnung, die leicht über dem Miet-Richtwert liegt, seitens der zuständigen Stellen auch mal zu akzeptieren. In vielen städtischen Kommunen sei dies kein Thema mehr. Sie nimmt die Gemeinden in die Pflicht. »Es ist ein Stück weit kommunale Aufgabe dafür zu sorgen, dass Menschen auch menschenwürdig wohnen können.« Schmidt-Sawatzki verweist erneut auf das Projekt »Wohnenplus«. »Es gibt ein Menschenrecht auf Wohnen«, sagt sie. Und um dieses zu gewährleisten, müsse man Hilfen geben. Mit »Wohnenplus« haben Menschen »wieder eine Chance, in den Normalwohnraum zu kommen.«

Die Hexenhaus-Leiterin fordert: »Politik muss wieder mehr Verantwortung übernehmen.« Es dürfe nicht immer darum gehen, Rendite zu erzielen. Sie appelliert an die »soziale Verantwortung«. Denn, so Büchsenschütz weiter: »Es gibt fast nirgendwo mehr geförderten Wohnraum.«

»Call-Center«

Die beiden Expertinnen nehmen auch die Konzerne in die Pflicht. So kritisieren sie den Trend zum »Call-Center« bei der Betreuung von Mietern. »Es ist wichtig, einen Ansprechpartner vor Ort zu haben.«

Mit den Flüchtlingen habe die Situation der Obdachlosen übrigens nur wenig zu tun, machte Büchsenschütz deutlich. »Das ist nur oben drauf gekommen.«

Hilfen verbessern

Schmidt-Sawatzki, die auch in der Politik für Die Grünen aktiv ist, wünscht sich, dass das Thema Wohnungslosigkeit auch mal im Sozialausschuss behandelt wird. Büchsenschütz fordert: »Kreisweit müssen wir uns dafür einsetzen, die Hilfen zu verbessern.«

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