Adrian Jotter (27) schreibt Track über »Gabelhorst 33« – Tausende Klicks auf Youtube - mit Video Eine Straßen-Hymne für Espelkamp

Espelkamp (WB). »Meinen Block kennt jeder in dieser Stadt – Logo. Der Anstrich hat die selben Farben wie das Stadtlogo.« So beginnt ein Rap-Song, der im November auf Youtube veröffentlicht worden und inzwischen mehr als 4000 Mal angeklickt worden ist. Das Thema? Erraten! Das Hochhaus Gabelhorst 33 in Espelkamp.

Von Mareile Mattlage
»Hier leben Junkies, Dealer und Omas. Iraner mit Deutschen – wo findet man so was?« Der Espelkamper Adrian Jotter (27) hat einen Track über das Hochhaus Gabelhorst 33 geschrieben und ihn inklusive Musikvideo erfolgreich auf Youtube veröffentlicht. Darin geht es auch um den Sinn seines Lebens: seine Beziehung zu Gott und den Glauben an Jesus Christus.
»Hier leben Junkies, Dealer und Omas. Iraner mit Deutschen – wo findet man so was?« Der Espelkamper Adrian Jotter (27) hat einen Track über das Hochhaus Gabelhorst 33 geschrieben und ihn inklusive Musikvideo erfolgreich auf Youtube veröffentlicht. Darin geht es auch um den Sinn seines Lebens: seine Beziehung zu Gott und den Glauben an Jesus Christus. Foto: Mareile Mattlage

Geschrieben hat ihn der lokale Rapper »MC AdiDasKind«. Ein Künstlername, hinter dem sich der 27-jährige Espelkamper Adrian Tobias Jotter verbirgt. Zusammen mit seiner Frau hat er selbst 20 Monate lang in dem Hochhaus gewohnt.

Im September ging es für ein Theologiestudium an die Ostküste Englands, der Track »Mein Block« sollte ein Abschiedslied an das berühmt-berüchtigte Gebäude sein, das Adrian Jotter durchaus ans Herz gewachsen ist: »Wenn man sich auf das Leben und die Menschen hier einlässt, kann es sehr schön sein. Wie eine eigene kleine Welt«, erklärt er. Das Multi-Kulti-Flair, die Offenheit und Hilfsbereitschaft der Leute hätten ihm besonders gefallen.

Rap erzählt von den Gegensätzen in der Gabelhorst 33

Für Adrian Jotter ist das Hochhaus so etwas wie ein Schmelztiegel der Gegensätze. »Unsere Wohnung war top renoviert und die schönste und beste, die wir in ganz Espelkamp gefunden haben«, berichtet der Vater einer kleinen Tochter einerseits. Andererseits sei es genau so vorgekommen, dass Erbrochenes im Flur eine Woche lang einfach liegen blieb. »Es gab eine syrische Familie, die hat mich sofort zum Tee eingeladen. Daneben gab es einen Junkie, den habe ich nach 20 Monaten das erste Mal gesehen«, nennt Adrian Jotter weitere Beispiele.

Auch sein Rap erzählt von den Gegensätzen in der Gabelhorst 33: »Hier leben Junkies, Dealer und Omas. Iraner mit Deutschen – wo findet man so was?«, lautet eine Textpassage. In einer anderen heißt es: »Hier wird stündlich international gekocht. Lamm und Bock, Rind und Zwiebel riecht die Liebe in meinem Block.«

Track ist eine Hommage an die frühere Hip-Hop-Band Blumentopf

Der Track ist eine Hommage an die frühere Hip-Hop-Band Blumentopf (löste sich 2015 auf) und an die Berliner Straßen-Hymne »Mein Block« von Sido aus dem Jahr 2004. Sido zählte seinerzeit zu den ersten Rappern, die öffentlich über Ghettos in Deutschland sprachen. Im Vergleich zum Berliner Vorbild ist der Text von Adrian Jotter brav. Wenngleich es auch hier Zeilen gibt, die einen zusammen zucken lassen: »Die Sonne im Osten geht auf und sie scheint auf den Platz vor dem Haus wo sich alles vereint. Polnisch und deutsch, Leben und Tod, denn alle paar Jahre springt einer in’ Hof« ist eine davon.

Hintergrund: 2000 war Adrian Jotter mit seiner Familie von Worms nach Espelkamp gezogen. Seitdem hat er innerhalb dieser 17 Jahre von sechs Suiziden gehört, einen davon erlebte er als Bewohner des Hochhauses selbst mit: »Als ich nach Hause kam, waren noch Blutspuren im Hof. Die waren mit Sand bestreut worden«, erinnert er sich. Es seien aber nicht alle Selbstmörder gleichzeitig auch Hausbewohner gewesen, erklärt Jotter. Das Gebäude sei mit seinen 13 Stockwerken das höchste im ganzen Kreis Minden-Lübbecke und so kämen Leute auch von woanders »zum Springen« dorthin.

Spirituelle Texte und »Conscious Rap« sind im Trend

Was diese Erlebnisse mit ihm gemacht haben? »Sie haben mich noch intensiver über Leben und Tod nachdenken lassen«, beschreibt Adrian Jotter. Seine Beziehung zu Gott, sein Glaube an Jesus Christus – das sei der Sinn seines Lebens. Jugendlichen möchte der Künstler, der bei Gottesdiensten auch schon in Kirchen gerappt hat, mit seinen Tracks gute Werte vermitteln. Damit ist er nicht allein: In der Szene ist zunehmend die Verbreitung von spirituellen Texten und dem sogenannten Conscious Rap (»Bewusstseins-Rap«) zu beobachten, der einen Gegenpol zum bekannten Gangster-Rap darstellt. Ein weiteres regionales Beispiel hierfür ist der Stemweder Rapper »Ramdee«, der mit seinen Youtube-Videos kürzlich die Tausender-Klick-Marke geknackt hat (»Narayana Healing TV«).

Die Arbeit mit Jugendlichen findet Adrian Jotter enorm wichtig. Die Espelkamper Einrichtung »Real Life«, in der er selbst tätig war, hält er für eine tolle Sache. Seine Liebe zur Rap-Musik habe er während des Abiturs entdeckt, blickt er zurück. »Mir hat das Nüchterne gefallen und dass man über die Texte nachdenken konnte«, sagt Adrian Jotter. 90 Prozent seiner eigenen Lieder seien aber erst in den letzten beiden Jahren entstanden. »Mein Block« ist der erste Track, der in einem professionellen Tonstudio aufgenommen worden ist. Das Musikvideo filmten – mit offizieller Genehmigung – zwei Kumpel mit Kamera und Drohne.

Adrian Jotter: »Die Leute waren alle super nett«

»Das Hochhaus hat schon immer einen so schlechten Ruf gehabt, dass ich gedacht habe: da musst du mal hin! So wie Jesus, der ist ja auch immer zu den Outsidern gegangen«, erklärt Adrian Jotter mit einem Augenzwinkern. »Alle haben mich gewarnt: da musst du vorsichtig sein! Aber die Leute waren alle super nett.«

Kurz vor Weihnachten hat Adrian Jotter zum ersten Mal auf englisch gerappt – und zwar aus dem Alten Testament. Wie es mit seiner musikalischen Karriere wohl weitergeht? Die Youtuber werden es sicher bald erfahren.

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