Verspielt, ernst, skurril: Katharina Thalbach inszeniert »Raub der Sabinerinnen« Eine Liebeserklärung an das Theater

Espelkamp (WB). Der große Theaterkritiker Alfred Kerr soll sich über den »Raub der Sabinerinnen« Berichten zufolge halb totgelacht haben. Dem Espelkamper Publikum erging es ähnlich.

Von Cornelia Müller
Luise Striese (Katharina Thalbach) studiert mit dem Theaterneuling Sterneck (Ronny Miersch) seine Rolle ein. Thalbach ist zugleich Regisseurin und Hauptdarstellerin und lockte die Zuschauer mit ihrer Präsenz in Scharen ins Neue Theater.
Luise Striese (Katharina Thalbach) studiert mit dem Theaterneuling Sterneck (Ronny Miersch) seine Rolle ein. Thalbach ist zugleich Regisseurin und Hauptdarstellerin und lockte die Zuschauer mit ihrer Präsenz in Scharen ins Neue Theater. Foto: Cornelia Müller

Auch im Neuen Theater Espelkamp schlug der Schwank von Franz und Paul von Schönthan (in der Bearbeitung von Curt Goetz) so ein, wie es der sächselnde Theaterdirektor Striese im Stück prophezeit: »Der Raub der Sabinscherinnen. Das ist was fürs Publikum. Da kommen die Leute gelaufen.«

Ein Fiasko droht

Er behielt Recht – wenngleich die Leute diesmal weniger wegen der Handlung gelaufen kamen. Vielmehr war es die Regisseurin und Hauptdarstellerin Katharina Thalbach, die die Zuschauer in Scharen ins Neue Theater lockte, und mit ihr ihre Tochter Anna und ihre Enkelin Nellie.

Die Komödie spielt gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Als Student hatte Martin Gollwitz (Markus Völlenklee), inzwischen ein angesehener Gymnasialprofessor, die Tragödie »Der Raub der Sabinerinnen« verfasst. Zufällig erhält Emanuel Striese, der Direktor eines Schmierentheaters, Kenntnis von dieser »Jugendsünde«. Er möchte das Stück herausbringen und Gollwitz stimmt unter der Bedingung zu, dass niemand erfährt, wer der Verfasser ist – vor allem nicht seine Frau, die gerade mit der jüngsten Tochter (Nellie Thalbach) verreist ist. Prompt geht alles schief. Frau und Tochter kehren überraschend von ihrer Reise zurück, bei der älteren Tochter (Anna Thalbach) und dem Schwiegersohn bahnt sich eine handfeste Ehekrise an und die Theateraufführung droht zum Fiasko zu werden. Nur die Geistesgegenwart von Strieses Ehefrau Luise kann die Situation noch retten.

Dreh- und Angelpunkt

Die Regisseurin hat aus dem Schwank ein grandioses Bekenntnis ihrer eigenen Theaterleidenschaft gemacht: verspielt, komisch, aber auch doppelbödig und mit einem sehr ernsthaften Grundton. Selten dürfte Strieses Monolog so überzeugend und aus tiefstem Herzen vorgetragen worden sein wie von Thalbachs knarzender Stimme. Sobald Katharina Thalbach die Bühne betrat – ob nun in der Rolle des kugelrunden Theaterdirektors Emanuel Striese oder als dessen »süße kleine Frau« Luise –, zog sie alle Blicke auf sich und gab diese bis zu ihrem Abgang nicht wieder frei. Selbst die eigentlich sehenswerten Leistungen der übrigen Darsteller konnten an diese Präsenz nicht heranreichen. Striese/Thalbach war Dreh- und Angelpunkt der Aufführung.

Die Regisseurin Thalbach schöpfte ebenso aus dem Vollen wie die Schauspielerin und deshalb hatten die Zuschauer allen Grund zum Lachen: über Hasenfüße und Hasenpfoten, über vorlaute Vögel und schadhafte Sitzmöbel, über kichernde Schwiegersöhne und kommandierende Töchter. Die Inszenierung wimmelte nur so von skurrilen Einfällen und Überzeichnungen. Gegen Ende des Stücks wurde es dann aber doch ein bisschen zu viel des Guten. Die gutbürgerliche Professorenfamilie präsentierte sich völlig enthemmt und Striese erschien als einzig Standhafter unter lauter Ver-Rückten. Sollte etwa das »ganz normale Leben« vom Schmierentheater nur einen Vorhang weit entfernt sein?

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