Mehr Familien, Alte und Flüchtlinge gehen zur Tafel – Helfer gesucht Andrang bei Tafeln wird immer größer

Bielefeld/Espelkamp/Höxter (WB). Immer mehr Bedürftige bringen die Tafeln in NRW an ihre Belastungsgrenze. »Die Zahl derer, die kommen, ist im vergangenen Jahr drastisch nach oben gegangen«, sagt Christiane Dähn von der Lübbecker-Land-Tafel in Espelkamp.

Von Dietmar Kemper
Weil das Geld für genügend Lebensmittel nicht reicht, steuern die Bedürftigen, und hier nicht zuletzt ältere Männer, die Ausgabestellen der Tafeln an und werden dort von Helfern zum Beispiel mit Getränken, Brötchen oder Obst versorgt.
Weil das Geld für genügend Lebensmittel nicht reicht, steuern die Bedürftigen, und hier nicht zuletzt ältere Männer, die Ausgabestellen der Tafeln an und werden dort von Helfern zum Beispiel mit Getränken, Brötchen oder Obst versorgt. Foto: dpa

Schon 1700 Menschen versorgen sich in den sechs Ausgabestellen in Lübbecke, Rahden, Stemwede-Wehdem, Espelkamp, Preußisch Oldendorf und Hüllhorst-Schnathorst mit Lebensmitteln, die von Supermärkten, Bäckereien, Restaurants und Bürgern zur Verfügung gestellt werden. »Altersarmut und Einwanderung« nennt Dähn, die Lebensmittel sortiert und abpackt, als Gründe für die Rekordzahl der Bedürftigen.

Neben älteren Menschen, alleinerziehenden Müttern und der Familie mit fünf Kindern kämen verstärkt Flüchtlinge. Um auf Engpässe wie im Frühsommer, wenn weniger Lebensmittel gespendet werden, vorbereitet zu sein, nehmen die Tafeln besonders gern länger haltbare Waren wie Nudeln, Reis, Mehl und Gurken im Glas an und legen sie ins Lager.

Es fehlt an Ehrenamtlichen

»Wir haben im vergangenen Jahr rund ein Drittel mehr Bedürftige gehabt«, bilanziert der Landesvorsitzende der 170 Tafeln in NRW, Wolfgang Weilerswist. Fast ein Viertel seien mittlerweile Kinder und Jugendliche. Die Einrichtungen arbeiten verstärkt zusammen. Landesweit sollen große Lager und Verteilzentren entstehen. Einige Tafeln sind durch den Ansturm schlicht überfordert. Auf der Internetseite der Bielefelder Tafel heißt es, aufgrund »der starken Nachfrage« könnten seit dem 1. April 2016 keine weiteren Neukunden mehr aufgenommen werden.

»Lebensmittel haben wir genug, aber es fehlt an ehrenamtlichen Mitarbeitern, die bereit sind, regelmäßig zu helfen«, sagt der stellvertretende Vorsitzende, Jörg Steckel. Zusätzlich zu den 60 könne die Bielefelder Tafel 40 weitere gut gebrauchen. Die Zahl der Bedürftigen habe sich in den vergangenen drei Jahren von 4000 auf 7000 erhöht. »Die Armut als solches ist das Problem, früher kamen mehr Einzelpersonen, heute sind es überwiegend Familien«, hat Steckel beobachtet.

Der Bedarf an Lebensmitteln, die für einen symbolischen niedrigen Preis abgegeben werden, sei insgesamt gestiegen, und mit den Flüchtlingen sei eine weitere Gruppe hinzugekommen, die das Angebot nutzen wolle.

Versagen des Staates?

Wie wichtig Rückendeckung vor Ort ist, hat Roland Orgorzelski festgestellt. »Die Höxteraner Bevölkerung unterstützt uns wirklich hervorragend«, lobt der Vorsitzende des Vereins Höxter-Tisch. Er unterstützt mittlerweile 2000 Menschen. Als Orgorzelski im Juli 2007 den Vorsitz übernahm, waren es gerade einmal 30.

Michaela Hofmann vom Arbeitsausschuss Armut und Sozialberichterstattung der Freien Wohlfahrtspflege NRW wertet das enorme Engagement der Tafeln gleichzeitig als Versagen des Staates. Der müsse das Existenzminimum der Menschen sichern. Hofmann: »Und das wird nicht erfüllt. Wenn dem so wäre, bräuchte man in der Form und Masse die Tafeln nicht.« Christiane Dähn von der Lübbecker-Land-Tafel bringt es auf den Punkt: »Es ist gut, dass es die Tafeln gibt, aber schlimm, dass es sie geben muss.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.