Immanuel-Kant-Gymnasium Bad Oeynhausen: Direktor Klaus Keßler geht in Pension »Ich lasse hier viel zurück«

Bad Oeynhausen (WB). Klaus Keßlers Tage als Direktor des Immanuel-Kant-Gymnasiums sind gezählt. Zum Monatsende verabschiedet sich der 65-Jährige in den Ruhestand. Vorab hat WESTFALEN-BLATT-Redakteur Malte Samtenschnieder mit ihm gesprochen.

Mit einem Kunstwerk, das den Namenspatron des Immanuel-Kant-Gymnasiums zeigt, lässt sich Klaus Keßler zum Ende seiner mehr als zehnjährigen Schulleitertätigkeit fotografieren. Die offizielle Verabschiedungsfeier ist für Dienstag, 30. Januar, angesetzt.
Mit einem Kunstwerk, das den Namenspatron des Immanuel-Kant-Gymnasiums zeigt, lässt sich Klaus Keßler zum Ende seiner mehr als zehnjährigen Schulleitertätigkeit fotografieren. Die offizielle Verabschiedungsfeier ist für Dienstag, 30. Januar, angesetzt. Foto: Malte Samtenschnieder

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrem ersten Schultag als fertig ausgebildeter Lehrer?

Klaus Keßler: Ich habe 1979 am Helmholtz-Gymnasium in Bielefeld angefangen. Ich meine, es war der 3. August. Ich übernahm damals eine 8. Klasse – mit 30 Jungen und vier Mädchen – als Klassenlehrer. Das war ganz schön turbulent. Auf die Frage, warum ich es denn gleich mit einem so schwierigen Jahrgang zu tun bekäme, antwortete man mir, das sei bei neuen Kollegen so üblich. Dank der Unterstützung der Eltern hat es am Ende aber dann ganz gut funktioniert.

Nun rückt Ihre Pensionierung immer näher. Mit welchen Gefühlen denken Sie an die offizielle Verabschiedung am 30. Januar?

Keßler: Lange Zeit war mir gar nicht so bewusst, dass das Datum immer näher rückt. Gedanken daran wurden von der Routine überdeckt. Seit dem Ende der Weihnachtsferien ist das anders. Alle Schränke in meinem Büro sind bereits aufgeräumt. Die Nachfolge ist vorbereitet. Ich habe im Moment ein bisschen das Gefühl, dass ich mich »abwickle«. Ich habe die Schulleitung immer gern ausgeübt und bin traurig, dass diese Zeit endet. Natürlich gibt es auch Dinge, auf die ich mich nach meiner Pensionierung freue. Ich lasse hier aber auch viel zurück.

Wie hat sich der Lehrerberuf seit ihrem ersten Tag vor nunmehr 38,5 Jahren verändert?

Keßler: Ich denke, dass sich das Verhältnis von Schülern und Lehrern – gerade an Gymnasien sehr stark gewandelt hat. Lehrer gehen heute viel respektvoller mit den Schülern um.

Und wie ist es andersherum?

Keßler: Ich denke, dass es im Umgang von Schülern mit den Lehrern keinen großen Unterschied gibt – auch wenn die Sprache bisweilen etwas rauer ist.

Und wie hat sich der Ton innerhalb des Lehrerkollegiums in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert?

Keßler: In den 1980er und auch noch in den 1990er Jahren habe ich vielfach beobachtet, dass ältere Kollegen einen Erfahrungsvorsprung für sich reklamiert haben und sich bisweilen herablassend gegenüber Berufseinsteigern verhalten haben. Das ist nicht mehr so. Die Älteren erkennen, dass die Jüngeren gut ausgebildet sind und dass man sogar das Eine oder Andere von ihnen lernen und übernehmen kann.

Sie sind im Sommer 2007 als Direktor an das Immanuel-Kant-Gymnasium (IKG) gekommen. Wie hat sich die Schule in den vergangenen 10,5 Jahren verändert?

Keßler: Damals hatte das IKG etwa 1600 Schüler. Seit dem Wegfall eines kompletten Jahrgangs durch die Einführung von G8 sind es noch knapp 1200. Die frei gewordenen Räume werden alle genutzt. Denn das IKG übernimmt immer mehr Aufgaben, etwa bei der Berufsorientierung. Aber auch für Schulsozialarbeiter oder Beratungslehrer werden Büros und Sprechzimmer benötigt.

Jetzt stehen wir an der Schwelle zur Wiedereinführung von G9. Oder gehen Sie davon aus, dass das Immanuel-Kant-Gymnasium per Beschluss der Schulkonferenz bei G8 bleibt?

Keßler: Das glaube ich nicht. Die derzeitigen Pläne der neuen Landesregierung sehen vor, dass G9 automatisch kommt, sofern die Schulkonferenz nicht mit zwei Dritteln der Stimmen plus einer Stimme etwas anderes beschließt. Dafür sehe ich derzeit am IKG keine Mehrheit. Mit weiteren Informationen aus Düsseldorf zum weiteren Verfahren rechne ich im Januar, Februar oder März.

Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen für das Immanuel-Kant-Gymnasium?

Keßler: Ein wichtiges Thema sind die Bereiche »Inklusion, Gemeinsames Lernen« und »Zuwanderer«. In den Jahren 2015 und 2016 ging es darum Strukturen zu schaffen, insbesondere um Zuwanderer an unseren Schulbetrieb heranzuführen. Nun geht es darum, ihnen langfristig Perspektiven zu geben. Wie kann der Übergang in die Ausbildung gelingen? Unter welchen Bedingungen ist ein Übergang in die Sekundarstufe II möglich? Was passiert mit Zuwanderern, die langfristig sprachlich nicht in der Lage sind, dem Fachunterricht am Gymnasium zu folgen? Das sind nur einige Fragen, die geklärt werden müssen.

Ist das IKG für alle diese Aufgaben gut aufgestellt?

Keßler: Die Anzahl der Unterrichtsräume ist sicherlich ausreichend. Viele Räume – insbesondere in den älteren Gebäudeteilen – sind aber zu klein. Auf lange Sicht wird deshalb aus meiner Sicht kein Weg an einer weiteren Sanierung oder sogar einem zusätzlichen Neubau vorbeiführen. Es fehlen insbesondere Freizeitbereiche, Besprechungs- und Gruppenräume sowie eine Mensa. Bei den Überlegungen für einen Zusatzbau sollte man aber nicht nur an das IKG, sondern auch an die benachbarte Realschule denken.

Sie haben jetzt die Raumsituation geschildert. Wie ist das IKG denn personell aufgestellt?

Keßler: Wenn im Jahr 2024 durch die Einführung des neuen G9 ein weiterer Jahrgang dazukommt, bedeutet das für das IKG fünf neue Klassen und den Bedarf an sieben neuen Lehrerstellen. Diese müssen rechtzeitig geschaffen werden. Derzeit ist die Personalsituation aber zufriedenstellend. Durch Pensionierungen im Sommer 2017 ist vorübergehend ein Engpass im Fach Geschichte entstanden. In Physik ist die Situation inzwischen wieder entspannter, wird sich aber nach weiteren Pensionierungen im Sommer 2018 erneut zuspitzen. Anders sieht es in Informatik aus. Hier sind wir – im Vergleich zu vielen anderen Schulen – dauerhaft gut aufgestellt.

Haben Sie alle Ziele, die Sie sich im Sommer 2007 für Ihrer Tätigkeit am IKG gesteckt haben, erreicht?

Keßler: Mir ging es darum, den Prozess zu einer eigenverantwortlichen, modernen Schule zu fördern. Das ist gelungen. Es ist aber noch Luft nach oben. Einige, dem untergeordnete Ziele konnte ich nicht realisieren. Etwa den Schritt hin zu einer bilingualen Schule. Dafür war anfangs nicht genug Personal da. Später hatten die in Frage kommenden Englisch-Lehrer nicht die passenden Zweitfächer. Von anderen Konzepten wie Schwimm-, Tischtennis- oder Bläserklassen halte ich wenig. Für das einzige Gymnasium in einer Stadt sind solche Unterscheidungen nicht hilfreich, und sie zerreißen die gemeinsame Nachbarschaften der Fünftklässler.

Wie ist das IKG in Sachen Digitalisierung aufgestellt? Sehen Sie hier Nachholbedarf?

Keßler: Es ist wichtig, die Möglichkeiten des Internets pädagogisch sinnvoll im Unterricht zu nutzen. Dazu ist die wichtige Voraussetzung geschaffen worden, dass wir in allen Klassenräumen Internetzugang haben – mit Zugriff auf unsere interne Lernplattform. Das eröffnet viele neue Möglichkeiten für die Unterrichtsgestaltung. Die Smartphones der Schüler sollen normalerweise im Unterricht ausgeschaltet sein. Es kommt aber schon mal vor, dass sie auf Anweisung der Lehrkraft gezielt für Recherchen genutzt werden. Etwa, wenn man spontan im Politik-Unterricht das Ergebnis der letzten Bundestagswahl braucht. Es gibt aber auch noch ganz andere Ansätze. So haben sich Eltern, Lehrer und Schüler bei einer Klassenfahrt darauf verständigt, die Smartphones zu Hause zu lassen. Nachträglich haben alle Beteiligten das Experiment gelobt. Verabredungen halte ich für besser als Verbote.

Wie sehen Sie die Rolle des Immanuel-Kant-Gymnasiums im Hinblick auf den drohenden Fachkräftemangel?

Keßler: Das Gymnasium soll in erster Linie auf das Abitur und somit auf das Studium vorbereiten. Einen Fachkräftemangel sehe ich vorwiegend im Handwerk und bei Facharbeitern in der Industrie. In diesem Zusammenhang ist das Gymnasium aber nicht der erste Ansprechpartner. Hier sind eher Gesamt- und Realschulen gefragt. Wo das Abitur benötigt wird, tun wir als Schule das Mögliche.

Welche Tipps geben Sie Berufsanfängern im Lehrerberuf aus Ihrer eigenen Erfahrung mit auf den Weg?

Keßler: Der Alltag wird viel leichter, wenn man die Schüler mag und sie nicht als Last empfindet. Darauf muss man seinen Alltag abstellen. Durch das veränderte Studium sind junge Kollegen fachlich vielleicht nicht mehr so breit ausgebildet, stattdessen sind sie pädagogisch besser vorbereitet. In diesem Zusammenhang wird Teamarbeit immer wichtiger.

Wie geht es für Sie nach Ihrer Pensionierung weiter?

Keßler: Für dieses Jahr sind bereits zwei schöne Urlaubsreisen – eine sogar außerhalb der Schulferien – geplant. Außerdem werde ich viel lesen. Da ich ein großer Shakespeare-Fan bin, hoffe ich entsprechende Tagungen und Aufführungen besuchen zu können. Das war bislang terminlich nicht möglich. So ganz lasse ich den Beruf auch noch nicht hinter mir. Ich werde weiter an der Prüfung neuer Schulleiter in Soest mitwirken. Das ist auch nach der Pensionierung möglich.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Keßler: Dass er sich im Alltag eine gewissen Gelassenheit bewahrt und gewisse Dinge nicht zu nah an sich heran lässt. Außerdem ist es wichtig, jemanden als Stellvertreter oder Stellvertreterin zu finden, mit dem man vertrauensvoll und offen zusammenarbeiten kann. Beides war mir in der Vergangenheit mit Tom van de Loo sehr gut möglich.

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