Einsatzkräfte müssen bei Beleidigungen und Handgreiflichkeiten die Nerven bewahren Sanitäter, Seelsorger, Streitschlichter

Bad Oeynhausen (WB). Sie kommen, um Menschen in Not zu helfen und bringen sich für andere auch selbst in Gefahr. Dankbarkeit erfahren die Einsatzkräfte der Feuer- und Rettungswache Bad Oeynhausen aber nicht immer. Zur körperlichen Arbeit und Stress gehört im Alltag auch psychische Belastung.

Von Tilo Sommer
Christian Bäuml (von links), Marco Knefelkamp und Falk Ueckermann von der Feuer- und Rettungswache Bad Oeynhausen stoßen bei Einsätzen immer wieder auf Gegenwehr.
Christian Bäuml (von links), Marco Knefelkamp und Falk Ueckermann von der Feuer- und Rettungswache Bad Oeynhausen stoßen bei Einsätzen immer wieder auf Gegenwehr. Foto: Tilo Sommer

Viele der täglichen Anforderungen sind für Christian Bäuml und seinen Kollegen Marco Knefelkamp inzwischen zur Routine geworden. Seit 2001 ist Rettungssanitäter Bäuml im Job, Rettungsassistent Knefelkamp ist seit 2007 dabei. Ihre Arbeitszeiten wechseln zwischen acht bis 14 Stunden-Schichten. Es gibt für sie aber auch den 24-Stunden-Dienst.

24 Stunden-Dienste gehören zum Alltag

Dann übernehmen sie morgens um 8 Uhr den Rettungswagen von ihren Kollegen, ehe sie ihn am nächsten Tag um 8 Uhr an das nächste Gespann übergeben. 24 Stunden lang muss das Duo zusammen funktionieren, zu Einsätzen fahren und Menschen helfen, manchmal auch Leben retten. Das schlaucht – sowohl körperlich als auch geistig.

Was sie am Einsatzort erwartet, wissen sie nicht. Freudig begrüßt werden sie nicht immer. Übergriffe auf Einsatzkräfte, sei es auf Polizei, Feuerwehr oder Sanitäter, häufen sich vielerorts. »Ich hatte bis jetzt aber Glück«, sagt Christian Bäuml, der wie sein Kollege bislang von Angriffen verschont geblieben ist. Vereinzelt hätten ihre Kollegen der Feuer- und Rettungswache mal von solchen Situationen erzählt. Im ländlichen Kreis Minden-Lübbecke sind das glücklicherweise Ausnahmen.

Einsatzkräfte setzen auf Deeskalation

Herumplagen müssen sich die Einsatzkräfte eher mit Respektlosigkeiten. Von Beleidigungen dürfen sie sich bei ihrer Arbeit nicht ablenken lassen. »Ich nehme das nicht persönlich. Wir setzen immer erst auf Deeskalation und die sanfte Schiene. Über die Jahre entwickelt man ein Gespür dafür, wie man mit den Leuten umgehen muss«, meint Marco Knefelkamp.

Oft hat er auch Verständnis für derartiges Verhalten. Schließlich seien viele der Patienten nicht zurechnungsfähig. Sei es weil sie unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen, unterzuckert sind oder unter psychischen Erkrankungen leiden. Laut Knefelkamp kommt es hier auf Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis an.

Die Feuer- und Rettungswache will ihre Mitarbeiter auf solche Situationen vorbereiten und entsprechend schulen, sagt Leiter Falk Ueckermann: »Jährlich gibt es eine 30-stündige Pflicht-Fortbildung. Dabei geht es auch um Gesprächsführung und Deeskalation. Wichtiger sind aber natürlich die medizinischen Themen.«

Gaffer stören zunehmend am Einsatzort

Während die Einsatzkräfte über manche Beschimpfung nur noch müde lächeln können, verstehen sie an anderer Stelle überhaupt keinen Spaß. Nämlich dann, wenn ihre Arbeit behindert wird oder die Persönlichkeitsrechte verletzt werden. Im Einsatz erleben sie es immer wieder, dass sich Autofahrer oder Passanten nicht an Absperrungen halten. »Das ist der größte Wunsch unsererseits, dass wir ungestört arbeiten können«, sagt Ueckermann.

Beim Phänomen »Gaffer« erlebt Ueckermann eine latente Veränderung der Gesellschaft. Durch die sozialen Medien ist es jedem möglich, sofort und von überall Live-Bilder zu veröffentlichen. Ueckermann erinnert sich an einen schweren Unfall im vergangenen August auf der A2. Das Auto-Wrack lag kurz vor einer Brücke, auf der sich schnell viele Schaulustige versammelt hatten.

Im Oktober sorgte ein Unfall in Herford für Schlagzeilen, als Gaffer einen sterbenden Mann fotografierten. Ganz verhindern können wird man das nicht, weiß auch Marco Knefelkamp. Er appelliert: »Jeder sollte sich vorstellen, dass er auch selbst in so eine Situation kommen könnte. Dass dann ein Video davon bei Youtube auftaucht, möchte wohl keiner.«

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