Tobias Lindemann sieht Megaprojekte am Golf als Inspiration für Konzepte in Region Architekt fordert Städtebau mit Visionen

Bad Oeynhausen (WB). Mit Städtebau und Architektur in den Golfstaaten hat Tobias Lindemann langjährige Erfahrung. Nahe der heiligen Moschee von Mekka entsteht nach Plänen seines Teams ein neuer Stadtteil von der Größe Potsdams. Wie sich einzelne Teile davon auch in seiner Heimat realisieren ließen, beschreibt der Bad Oeynhausener im Gespräch mit Redakteur Malte Samtenschnieder.

Bis 2030 will der Architekt Tobias Lindemann das Mekka-Projekt abschließen. Die geschätzten Baukosten liegen bei etwa 35 Milliarden Euro.
Bis 2030 will der Architekt Tobias Lindemann das Mekka-Projekt abschließen. Die geschätzten Baukosten liegen bei etwa 35 Milliarden Euro. Foto: Lindemann – Gewers Pudewill

Ihr Unternehmen Lindemann Architects ist inzwischen weltweit aktiv...

Tobias Lindemann: Weltweit? Das wäre schön. Wir sind international tätig, das ist richtig. In den vergangenen Jahren habe ich mich auf einige dynamische Wachstumsmärkte im Ausland spezialisiert. Architektur ist – wie Musik – eine Weltsprache und wird weltweit verstanden. Sprachbarrieren gibt es nicht. Und gute Architektur macht glücklich.

Was sind derzeit die wichtigsten Projekte?

Lindemann: Drei Projekte liegen mir besonders am Herzen: das JKM Megaprojekt in Saudi Arabien bis 2030, mein T1-Hochhausprojekt in Dubai bis 2020 und meine L1-Edition einer Plusenergie-Fertighaus-Version für den deutschen Markt, die hoffentlich bald starten kann. 2017 wird hier ein entscheidendes Jahr.

Sie haben vor vier Jahren mit Ihren Partnern eine internationale Ausschreibung für den Bau eines neuen Stadtteils von Mekka gewonnen. In welchem Stadium ist das Projekt?

Lindemann: Das Mekka-Projekt startete bereits 2010. Mit einem Anruf kurz vor Weihnachten fing alles an. Ich erhielt die offizielle Beauftragungseinladung zu diesem Projekt von dem Vertreter des Bauherren aus Saudi-Arabien. Das Städtebauprojekt liegt 700 Meter von der Heiligen Moschee in Mekka entfernt, mit einer geplanten Einwohnerzahl in der Größenordnung von Potsdam und Umgebung. Das bahnbrechende Projekt gilt als Meilenstein.

In welcher Hinsicht? Können Sie ein paar Eckdaten benennen?

Lindemann: Inzwischen liegen die geschätzten Baukosten bei etwa 35 Milliarden Euro und die geplante Fertigstellung wohl erst im Jahr 2030. Den Masterplan für die gesamte Stadt mit sechs Millionen Quadratmetern Bruttogeschossfläche haben wir 2014 finalisiert. 2015 und 2016 erfolgte die Ausarbeitung im Bereich Verkehrsführung mit Elektromobilität und die Qualifizierung im Rahmen der Mekka 2030 Vision als Smart City mit der erforderlichen technischen Infrastruktur.

Was ist die Kernidee?

Lindemann: Dieses Smart-City-Projekt auf 91 Hektar Fläche umfasst eine moderne Infrastruktur auf der Basis bekannter arabischer Stadtplanung, facettenreiche Landschaftsplanung, Lichtarchitektur und innovative Mobilitätslösungen bei Nutzung aller regenerativen Energien. Aber der Kern des Projekts ist Nachhaltigkeit und Innovation. Es repräsentiert damit das Zukunftspotenzial des Königreichs Saudi-Arabien als Leuchtturm der Golfstaaten und die Ambition seiner jungen Bevölkerung mit einem Durchschnittsalter von 25 Jahren.

In den vergangenen Jahren haben Sie sich intensiv mit arabischen Mega-Citys befasst. Was unterscheidet diese von europäischen Großstädten?

Lindemann: Europäische Städte sind organisch über Jahrhunderte gewachsen, wurden dabei aber gleichzeitig über Generationen durch Städtebauer und Baumeister geprägt. Die Kapazität an Fläche ist naturgemäß begrenzt. Es gibt heute weniger Möglichkeiten einer nachhaltigen Planung, gleichzeitig eine gewachsene Urbanität. Arabische Megaprojekte sind aus der Notwendigkeit des rasanten Bevölkerungswachstums entstanden. Derzeit haben wir 7,4 Milliarden Menschen auf der Erde, 2050 sollen es bereits fast zehn Milliarden sein. Davon etwa ein Drittel im Alter unter 20 Jahren. Wir erwarten weltweit etwa 50 Mega-Citys nach 2030, also urbane Regionen mit jeweils mehr als zehn Millionen Einwohnern.

Was ist bei der Planung von Mega-Citys zu berücksichtigen?

Lindemann: Diese neue Dimension im Städtebau eröffnet neue Möglichkeiten, verlangt allerdings auch eine sehr sensible Masterplanung. Dubai, als Beispiel einer zukünftigen arabischen Megastadt, ist erst 50 Jahre alt. Als ich vor 20 Jahren das erste Mal in Dubai war, standen dort eine Handvoll Hochhäuser an der Sheikh Zayed Road. Inzwischen sind es Hunderte, inklusive dem Burj Khalifa als derzeitig höchstem Gebäude der Welt mit 828 Metern. Der saudische Jeddah Tower mit einer geplanten Höhe von mehr als einem Kilometer ist aber bereits im Bau. Durch die vor Jahrzehnten fehlende Masterplanung in Dubai stellen sich heute Fehlentwicklungen ein. Trotzdem geht es insgesamt überraschend geordnet zu. Nachhaltigkeit hat in Dubai und auch Abu Dhabi inzwischen Investitionsvorrang.

Sie legen sehr viel wert auf das Thema »Klimaschutz«. Wie weit ist Ihre Entwicklung eines Zero-Energy-Houses fortgeschritten?

Lindemann: Das L1 steht als Plusenergiehaus-Konzept mit Mobilität für eine neue Generation von Fertighäusern, in mehreren Editionen und Varianten. Diese erfrischend andere Art von Fertighäusern braucht in allen Ländern eine Zulassung. Forschung und Entwicklung einzelner Komponenten sind immer noch nicht ganz abgeschlossen. Ich hoffe, wir können nächstes Jahr auch in Deutschland loslegen. Am liebsten wäre ich längst in der Produktion. Aber auch der Markt muss bereit sein. Es verhält sich wie beim Elektroauto. Unser Ziel ist das Plusenergiehaus, das mehr Energie erzeugt als verbraucht. Die zusätzlich gewonnene Energie soll dann etwa im Elektroauto gespeichert werden. Nur dann macht auch das Elektroauto Sinn. Denn Elektroautos setzen sich nur dann durch, wenn der Energiekreislauf geschlossen ist. Und nur mit dieser neuen Mobilität setzt sich auch das Plusenergiehaus durch.

Welche Modifikationen wären erforderlich, um das Zero-Energy-House auch in Europa nutzen zu können?

Lindemann: Wir werten hier die ersten Daten aus. Die sogenannten Null-Energie-Häuser gibt es hier ja längst, aber halt in herkömmlicher Bauweise. Die Zukunft erfordert aber vor allem bautechnische Innovationen, um die Erde für unsere Kinder dauerhaft zu erhalten.

Wenn Sie aus den Millionenmetropolen in der Golfregion in ihre ostwestfälische Heimat nach Bad Oeynhausen zurückkehren, ist das sicherlich ein ziemlicher Kulturschock. Was sind die größten Unterschiede?

Lindemann: Der Kulturschock liegt vielleicht eher in der unterschiedlichen Mentalität. Hier in Ostwestfalen herrscht die Überzeugung, das alles gut ist, wie es ist. Aber auch diese Region hier wird zunehmend internationaler. Was fehlt, ist eine klare Vision. Schauen Sie sich einfach mal den Städtebau an. Wie soll die Stadt im Jahr 2020 oder 2030 aussehen? Welche Visionen gibt es? Wie und wo wollen die Bürger leben?

Können Sie ein konkretes Beispiel benennen?

Lindemann: Der Kurpark als zentraler Punkt in Bad Oeynhausen wurde zwischen 1851 und 1853 nach Lennés Plänen als romantischer, englischer Landschaftspark angelegt und beständig erweitert – und gilt als Anziehungspunkt in der Region. Er ist das Herz der Stadt. Aber ich frage Sie: Was ist seitdem passiert? Wir befinden uns im Jahr 2017.

Unter welchen Bedingungen wären Großprojekte, wie Sie sie in der Golfregion realisieren, auch in Europa möglich?

Lindemann: Es zählt letztlich politischer Wille, Nachfrage und eine gemeinsame Vision. Gibt es diese drei Parameter, sind auch nachhaltige Großprojekte hier in Europa möglich und durchsetzbar. Diese Projekte stellen natürlich eine Herausforderung in allen Leistungsphasen dar und benötigen ein enorm belastbares und hoch qualifiziertes Expertenteam von Fachingenieuren und Architekten und ausführenden Baufirmen. In Deutschland fällt ja bereits die politische Abstimmung und meistens auch die anfängliche Bürgerbeteiligung schwer. Die Elbphilharmonie in Hamburg ist ein gutes Beispiel. Bei dem gesamten Projekt wurde vorwiegend gegeneinander gearbeitet, nicht als Team miteinander. Aus diesem Grund ergaben sich Verzögerungen und Fehler beim Bau, das trieb die Kosten in die Höhe. Und trotz der öffentlichen Kritik – ist die Elbphilharmonie nicht ein wundervolles Gebäude?

Was sind aus Ihrer Sicht die größten städtebaulichen Defizite in Bad Oeynhausen und Löhne?

Lindemann: Beide Standorte haben durchaus Potential, es fehlt aber ein visionärer Masterplan. Wenn ich mit Bürgern in Bad Oeynhausen oder Löhne spreche, beschweren sich viele über die klar erkennbaren städtebaulichen und landschaftlichen Defizite, sagen aber direkt im Anschluss: »Da kann man ja doch nichts ändern.« Und da sage ich: Doch! Man kann. Und man muss es sogar! Denn unsere Kinder spielen hier und gehen hier zu Schule. Es liegt in unserer Verantwortung, die Umgebung schöner und sicherer zu gestalten.

Wo würden Sie ansetzen?

Lindemann: Wenn man sich hier Bahnhöfe anschaut, veraltete Verkehrsführungen, triste Wege, lieblose Spielplätze, Fassaden und Gartenanlagen, wähnt man sich in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Das es anders geht und sogar Geld für Planung und Umsetzung vorhanden ist, zeigt sich an vielen anderen Stellen und in anderen Städten ähnlicher Größe.

Wie könnten Städte wie Bad Oeynhausen und Löhne von Konzepten, wie Sie sie in der Golfregion nutzen, profitieren?

Lindemann: In Terminen mit Bürgermeistern und Vertretern von Bau- und Planungsbehörden weise ich gerne darauf hin, dass es in den ersten Leistungsphasen oder beim Entwurf eines Masterplans keinen Unterscheid macht, ob man 300 Quadratmeter, 150.000 Quadratmeter oder sechs Millionen Quadratmeter plant. Die Vorgaben sind weitgehend gleich. Nur die Wunschliste wird länger. Städte konkurrieren untereinander um die Gunst der Bewohner und Bürger. Aus diesem Grund müssen Städte Pläne für ihre eigene Zukunft entwickeln. Die Bürger wollen sich mit der Attraktivität und den Leistungen ihrer eigenen Stadt identifizieren. Nur dann entstehen langfristige Bindungen. Das funktioniert selbst bei Bauwerken. Einzigartige Architektur bietet Identifikation: in London das London Eye, in Bilbao das Guggenheim, Paris hat den Eiffelturm, Herford das Marta. Bad Oeynhausen hat sogar gleich zwei Bauwerke von Frank Gehry. Letztlich zählt Qualität, auch der Baubehörden, im Entwurf und in der Planung. Dann folgt die Nachhaltigkeit und Professionalität in der Ausführung.

Um welche weiteren Innovationen wollen Sie das Portfolio von Lindemann Architects mittelfristig erweitern?

Lindemann: Ein Zukunftsfokus liegt im Rahmen der Digitalisierung der Baubranche in BIM-Lösungen. BIM – oder Building Information Modeling – bezeichnet digitale Modelle, bei denen durchgängig durch alle Bearbeitungs- und Leistungsphasen 3D Objekte mit Objektinformationen verbunden werden. Für die Planungsbeteiligten ergeben sich dabei weitreichende Vorteile im Projektmanagement durch automatisierte Kollisionsprüfungen, Mengenermittlungen, Qualitätschecks und Simulationen. In Singapur und den Vereinigten Arabischen Emiraten werden sogar schon Baugenehmigungen auf BIM-Basis erteilt. Innerhalb weniger Tage. In einigen deutschen Städten wird die BIM-Kompatibilität sicher Jahre brauchen. Denn da braucht die Baugenehmigung für einen Bauzaun bereits Monate und für eine Umgehungsstraße genau die 50 Jahre, in denen ganz Dubai gebaut wurde.

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