Immanuel-Kant-Gymnasium nimmt Schüler mit Förderschwerpunkt »Lernen« auf Bereit für Inklusion

Bad Oeynhausen  (WB). Vom Schuljahr 2016/2017 an stellt sich das Immanuel-Kant-Gymnasium (IKG) dem Thema »Inklusion«. Unter dem Oberbegriff »Schule des Gemeinsamen Lernens« nimmt die Einrichtung fünf Fünftklässler mit dem Förderschwerpunkt »Lernen« auf.

Von Malte Samtenschnieder
Schulleiter Klaus Keßler zeigt einen der beiden Klassenräume, die für das Gemeinsame Lernen umgestaltet wurden. Haupt- und Nebenraum sind durch eine Glasfront getrennt. So hat der Lehrer während des Unterrichts in Differenzierungsphasen beide Lerngruppen im Blick.
Schulleiter Klaus Keßler zeigt einen der beiden Klassenräume, die für das Gemeinsame Lernen umgestaltet wurden. Haupt- und Nebenraum sind durch eine Glasfront getrennt. So hat der Lehrer während des Unterrichts in Differenzierungsphasen beide Lerngruppen im Blick. Foto: Malte Samtenschnieder

Alles ist vorbereitet

Ausgangspunkt der Entwicklung ist laut Schulleiter Klaus Keßler die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die seit 2009 auch in Deutschland Gültigkeit besitzt. Danach dürfen Kinder mit Beeinträchtigungen nicht vom Besuch der allgemeinen Schulen ausgeschlossen sein. »Wir sind im Sommer 2015 von unserem Schulträger, der Stadt Bad Oeynhausen, gebeten worden, ab August 2016 ein ›Ort des Gemeinsamen Lernens‹ zu werden«, sagte Klaus Keßler im Gespräch mit dieser Zeitung.

Mittlerweile seien die umfangreichen Vorbereitungen abgeschlossen. »Das Neue für uns ist, künftig Kinder in unseren Klassen zu haben, die von ihren kognitiven Fähigkeiten her dem fachlichen Niveau des traditionellen Gymnasialunterrichts nicht folgen können und somit von vornherein nicht das Abitur anstreben«, betonte der Schulleiter. Um dieser Herausforderung zu begegnen, müssten zusätzliche Sonderpädagogen eingestellt werden. Zudem müssten die vorhandenen Lehrer speziell geschult werden. Und auch bauliche Voraussetzungen seien erforderlich.

Raum für Differenzierung

»Wir haben zunächst für zwei Klassenräume spezielle Nebenräume geschaffen«, sagte Klaus Keßler. Dazu sei ein dritter, dazwischen liegender Klassenraum durch eine Mittelwand getrennt worden. In den Nebenräumen ständen eigens angeschaffte Lern- und Bastelmaterialien für differenzierten Unterricht in den Klassen des Gemeinsamen Lernens bereit. So sei es beispielsweise möglich, unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten zu berücksichtigen. »Förderschulen leisten hervorragende Arbeit«, betonte der Leiter des Immanuel-Kant-Gymnasiums.

Ein Kritikpunkt aber sei, dass Kinder mit Beeinträchtigungen dort unter sich seien. Klaus Keßler: »Kinder erfahren dort in der Zeit ihres Schulbesuchs keine differenzierte kognitive Anregung durch eine heterogen strukturierte soziale Umgebung. Sie sind von den Gleichaltrigen, die die allgemeinen Schulen besuchen, isoliert.« Dem solle durch das Gemeinsame Lernen Abhilfe geschaffen werden. Doch auch für die Regelkinder erwarte er positive Effekte. Laut Klaus Keßler erwerben sie durch das Gemeinsame Lernen soziale Kompetenzen, die ihnen sonst verwehrt blieben.

Sonderpädagogin hilft

»Die fünf Kinder mit Förderschwerpunkt ›Lernen‹ die im nächsten Schuljahr zu uns kommen, werden wir gemeinsam in einer der fünf neuen fünften Klassen unterbringen«, erläuterte Klaus Keßler. In den Hauptfächern Mathematik, Deutsch und Englisch sei immer eine eigens eingestellte Sonderpädagogin präsent. Für andere Fächer gelte dies nach Bedarf. Die Sonderpädagogin stehe auch den anderen Lehrern, die in der Klasse unterrichten, beratend zur Seite. »Zum Beispiel, wenn es darum geht, Förderpläne zu schreiben«, erläuterte Klaus Keßler.

Etwa 20 der insgesamt etwa 100 Lehrer des Immanuel-Kant-Gymnasiums hätten bereits Fortbildungen absolviert. Auch Schulsozialarbeiter, Integrationshelfer und Psychologen kämen bei der Betreuung der Kinder mit Förderschwerpunkten hinzu.

Noch Fragen offen

Schulleiter Klaus Keßler geht davon aus, dass das IKG in den nächsten Jahren kontinuierlich Schüler mit verschiedenen Förderschwerpunkten aufnehmen wird. »Die räumlichen Voraussetzungen für die nächsten beiden Jahre haben wir geschaffen, doch irgendwann geht uns der Platz aus«, sagte Klaus Keßler.

Auch andere Fragen für den Unterricht mit Schülern aus dem Förderschwerpunkt am Immanuel-Kant-Gymnasium seien noch nicht geklärt: »Was passiert etwa, wenn für die Regelschüler das Erlernen der zweiten Fremdsprache ansteht?«, fragte der IKG-Leiter. Hier könne er sich beispielsweise eine praxisorientierte Alternative für Kinder mit Beeinträchtigungen vorstellen. Dafür fehlten aber am Immanuel-Kant-Gymnasium ebenfalls spezielle Räume wie aktuell beispielsweise eine Werkstatt. Klaus Keßler: »Wir haben deshalb einmal vorsondiert, ob wir die Küche der Realschule Süd gegebenenfalls mitnutzen dürfen.«

Bisher habe die Stadt Bad Oeynhausen das Immanuel-Kant-Gymnasium sehr gut bei den Vorbereitungen auf die bevorstehenden Veränderungen unterstützt. Nur wenn das so bleibe, sei es jedoch auch möglich, die im weiteren Verlauf des Gemeinsamen Lernens auftretenden Herausforderungen als Schule zu meistern, betonte Klaus Keßler.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.