TV-Auslandskorrespondentin gibt Einblick in ihre Berichterstattung aus Nahost Antonia Rados: »Ich lasse mich nicht beeindrucken«

Bad Oeynhausen (WB). »Welche Auswirkungen hat der Zusammenbruch der arabischen Welt für Deutschland und Europa?« Mit dieser aktuellen Fragestellung hat sich die TV-Auslandskorrespondentin und Nahostexpertin Antonia Rados am Donnerstagabend vor etwa 500 aufmerksamen Zuhörern im Theater im Park befasst. Zu der Vortragsveranstaltung hatte die Stadtsparkasse Bad Oeynhausen eingeladen.

Von Malte Samtenschnieder
Mit anschaulichen Erläuterungen hat die TV-Krisenreporterin Antonia Rados etwa 500 Zuhörern im Theater im Park den Zusammenbruch der arabischen Welt näher gebracht.
Mit anschaulichen Erläuterungen hat die TV-Krisenreporterin Antonia Rados etwa 500 Zuhörern im Theater im Park den Zusammenbruch der arabischen Welt näher gebracht. Foto: Malte Samtenschnieder

Nicht nur während des einstündigen Vortrags mit anschließender Fragerunde überzeugte Antonia Rados mit ihrer fundierten Fachkenntnis. In einem Gespräch mit dieser Zeitung gewährte die Chefreporterin Ausland der Mediengruppe RTL Deutschland ebenfalls differenzierte Einblicke in ihren Berufsalltag. So berichtete die 62-Jährige beispielsweise, dass sie ihre letzte Dienstreise in den Osten der Türkei geführt habe. »Ich war an der Grenze zu Syrien, als die russische Luftwaffe dort begonnen hat, zu bombardieren«, sagte Antonia Rados. Das Leid der syrischen Flüchtlinge, die sie in der Grenzregion angetroffen habe, sei unfassbar. Die vorwiegend jungen Menschen machten sich gruppenweise auf den Weg nach Europa. »Die meisten navigieren mit Hilfe ihrer Handys.«

Bei der Planung ihrer nächsten Reise verfahre sie – wie üblich – mehrgleisig. »Ich habe verschiedene Visa-Anfragen laufen«, sagte Antonia Rados. Ein mögliches Ziel sei die syrische Stadt Aleppo. Sie habe Gerüchte gehört, dass sich von dort neue Flüchtlingsströme auf den Weg nach Europa machten. Ein Kontaktmann vor Ort habe ihr dies bestätigt. »Er hat aber abgelehnt, meinen Aufenthalt zu organisieren, weil die Sicherheitslage das momentan nicht zulässt«, sagte die erfahrene Reporterin.

Dass sie sich für ihre Berichterstattung aus dem Nahen Osten regelmäßig in Lebensgefahr begebe, sei ihr durchaus bewusst. »Wenn ich etwas über die Konflikte verstehen und an die Zuschauer weitergeben will, muss ich nah dran sein. Das funktioniert nicht vom Hotelzimmer aus«, betonte Antonia Rados. Natürlich bekomme sie dabei auch extrem Schlimmes und Belastendes zu sehen. Beruflich könne sie das aber gut ausblenden. »Tränen und Emotionen haben in meinen Berichten nichts zu suchen«, sagte die 62-Jährige. Sie könne aber natürlich niemals ganz ausschalten, dass sie ein Mensch sei.  Dass sie in den Krisengebieten häufig auf Menschen treffe, die »keine Wahl, kein eigenes Leben und keine Zukunft haben«, lasse sie die eigene Freiheit hoch  schätzen. »Das ist gut für meinen Kompass«, sagte Antonia Rados.

Dass die Flüchtlingsströme, die derzeit nach Europa kommen, insbesondere für Deutschland eine Belastung darstellen, erkennt die Nahost-Expertin an. »Wir dürfen aber bei allen Klagen nicht vergessen, dass die Flüchtlinge die Armen sind und nicht wir«, stellte sie fest.

Auf die Frage, welcher Interviewpartner sie in ihrem fast 40-jährigen Berufsleben besonders beeindruckt habe, reagierte Antonia Rados erstaunt. »Beeindrucken lasse ich mich nicht, dann gebe ich ja die Regie aus der Hand«, sagte die Journalistin, die unter anderem mit Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi sprach. »Bei Gesprächspartnern wie al-Gaddafi ist gute Vorbereitung wichtig, denn auch sie kennen sich aus«, sagte Antonia Rados. Nach außen habe der Diktator gerne den  Anschein eines arabischen Hippies vermittelt. Er habe aber ganz genau gewusst, was in seinem Land vor sich gegangen sei.

Während des Vortrags verfolgte Antonia Rados einen breiteren Ansatz. Zunächst ordnete sie die Entwicklungen im Nahen Osten in den historischen Kontext ein. Viele aktuelle Konflikte hätten ihren Ursprung in kolonialen Umverteilungen nach dem Ersten Weltkrieg. Aus den Reformbewegungen des »arabischen Frühlings« sei mittlerweile ein »arabischer Winter« geworden. Viele Aufständische sähen in ihrer Heimat keine Perspektive. Da das Durchschnittsalter der Bevölkerung  in vielen arabischen Ländern bei etwa 30 Jahren  liege, seien die meisten Flüchtlinge  sehr jung. Maßgeblich für das Ausmaß des Exodus seien Satellitenfernsehen und Mobiltelefone. Antonia Rados: »Durch sie bekommen die Menschen Informationen in  einem zuvor ungekannten Ausmaß.«

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