Frau lässt sich zur Verhütung Spirale einsetzen und wird trotzdem schwanger Frauenarzt übersieht zweite Vagina

Bad Oeynhausen/Hamm (WB). Eine Frau aus Bad Oeynhausen, die sich 2005 zur Verhütung eine Spirale hat einsetzen lassen, ist zwei Jahre später trotzdem schwanger geworden.

Von Christian Althoff
Verhüten mit Spirale: Die Hormonspirale (l.) besteht aus einem drei Zentimeter langen Kunststoffkörper, der in der Gebärmutter ein Hormon abgibt. Unter anderem macht es Schleim am Gebärmutterhals undurchlässiger für Spermien. Die Kupferspirale (r.) ist aus Draht. Die genaue Wirkung ist nicht geklärt, möglicherweise ist Kupfer für Spermien giftig.
Verhüten mit Spirale: Die Hormonspirale (l.) besteht aus einem drei Zentimeter langen Kunststoffkörper, der in der Gebärmutter ein Hormon abgibt. Unter anderem macht es Schleim am Gebärmutterhals undurchlässiger für Spermien. Die Kupferspirale (r.) ist aus Draht. Die genaue Wirkung ist nicht geklärt, möglicherweise ist Kupfer für Spermien giftig.

Als sie und ihr Mann den Gynäkologen auf Kindesunterhalt verklagten, kam heraus, dass die Frau, ohne es zu ahnen, zwei Vaginen und zwei Gebärmütter hatte – und die Verhütung natürlich nur in einer Vagina funktionierte.

Nach einem sechs Jahre dauernden Rechtsstreit entschied das Oberlandesgericht Hamm jetzt, dass der Bad Oeynhausener Gynäkologe und die Tagesklinik, in der die Spirale eingesetzt worden war, nicht für das heute sieben Jahre alte Mädchen aufkommen müssen.
Zwei Vaginen und zwei Uteri – wie muss man sich das vorstellen?

Prof. Dr. Wolfgang Friedmann, Chefarzt der Frauenklinik im Klinikum Bremerhaven, war Gutachter in dem Prozess und kann sich deshalb zum konkreten Fall nicht äußern. Generell erklärt er: »Wenn sich ein weiblicher Embryo entwickelt, verschmelzen die beiden sogenannten Müller-Gänge zu einem Uterus und einer Vagina.

In seltenen Fällen findet diese Verschmelzung aber nicht statt, und bei der Frau wird beides zweifach angelegt.« Allerdings sei die zweite Vagina anatomisch oft anders und unauffälliger. »Es kann sein, dass eine Frau zwischen den Schamlippen neben der Scheide noch eine zweite, viel kleinere Öffnung hat, die aber an den Rand gedrückt wird und manchmal sogar verschlossen ist.«

Setze man nun zur Empfängnisverhütung eine Spirale in eine Vagina ein, sei die andere naturgemäß nicht geschützt. Gelange Samen in die zweite Öffnung, sei eine Schwangerschaft möglich. Eine Spirale sei bei solchen Frauen deshalb zur Verhütung ungeeignet, weil beide Systeme unabhängig voneinander funktionierten. So müsse man bei Frauen mit einer solchen Fehlbildung auch zwei Muttermundabstriche machen, wenn sie zur Krebsvorsorge kämen.

Im Bad Oeynhausener Fall hatten die Eltern den Gynäkologen verklagt, weil sie ihm vorwarfen, die doppelte Anlage von Vagina und Uterus nicht erkannt zu haben. Die Mutter forderte 5000 Euro Schmerzensgeld, 28.000 Euro Verdienstausfall und Unterhalts- und Betreuungskosten bis zum 18. Geburtstag der Tochter.

In erster Instanz hatte das Landgericht Bielefeld den Eltern noch Recht gegeben. Unter dem Aktenzeichen 4O135/09 entschieden die Richter, bei sorgfältiger Untersuchung hätte die zweite Vagina erkannt werden müssen.

Der Frauenarzt ging in Berufung zum Oberlandesgericht in Hamm, und dieses hob das Bielefelder Urteil jetzt auf. Nach Anhörung des Sachverständigen kamen die Richter zu dem Schluss, dem Arzt könne nicht vorgeworfen werden, dass er die Fehlbildung nicht erkannt habe.

Eine zweite Vagina sei ex­trem selten und wegen der in der Regel eng an der Seitenwand anliegenden trennenden Membran bei einer Spiegelung häufig nicht zu erkennen. Für die Anomalie hätten keine Hinweise bestanden. Hinzu komme, dass die Frau seit vielen Jahren in frauenärztlicher Behandlung gewesen sei, ohne dass frühere Ultraschalluntersuchungen Anhaltspunkte für die Fehlbildung ergeben hätten.

So sei die doppelte Vagina auch erst von dem gerichtlichen Sachverständigen nach einer intensiven Untersuchung entdeckt worden, wobei der ja bereits geahnte habe, wonach er habe suchen müssen.

Weil der Gynäkologe nach Auffassung der Richter alle Untersuchungen vorgenommen hatte, die nach dem medizinischen Standard im Zusammenhang mit dem Einsetzen einer Spirale nötig waren, wurde die Klage der Eltern abgewiesen.

Az.: 26U2/13

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