Altenpflegerin wird Opfer von Polizei und Justiz Falsche Frau vor Gericht

Oerlinghausen (WB). Pannen bei Polizei und Justiz haben eine unschuldige Frau aus Oerlinghausen vor Gericht gebracht. Nun wurde sie freigesprochen.

Von Christian Althoff
Anwalt Dirk Davidsohn aus Bielefeld mit der unschuldigen Altenpflegerin Angela Hilker.
Anwalt Dirk Davidsohn aus Bielefeld mit der unschuldigen Altenpflegerin Angela Hilker. Foto: Althoff

Wie war es dazu gekommen? Am 4. Juni 2017 rief ein gesuchter Täter gegen 8.45 Uhr bei der Polizei an und sagte, er wolle sich stellen. Man könne ihn in Oerlinghausen abholen, wo er sich bei seiner Lebensgefährtin aufhalte. Deren Namen gab er mit Hilker an.

Weil der Mann als gewalttätig galt, rückten drei Streifenwagen aus. Als die Polizisten eintrafen, verabschiedete sich der Gesuchte vor dem Acht-Familien-Haus innig von seiner Freundin. Als das Küssen kein Ende nahm, setzten Polizisten ihn in einen Streifenwagen und schlossen die Autotür.

Frau beschimpft Polizisten und nennt falschen Namen

Nach Angaben zweier Beamter soll die Lebensgefährtin daraufhin aggressiv geworden sein. Sie soll ihnen den Mittelfinger gezeigt und sie zweimal als Hornochsen bezeichnet haben. Ihren Namen gab die Frau fälschlicherweise mit Hilker an, den Ausweis ließen sich die Polizisten aber nicht zeigen.

Altenpflegerin Angela Hilker (42) wohnt in dem Acht-Familien-haus, kannte das Paar aber nicht. Sie arbeitete an jenem Tag von 7 bis 19 Uhr für einen Herforder Intensivpflegedienst. Als sie einen Anhörungsbogen von der Kripo in Lage bekam, weil sie zwei Polizisten beleidigt haben sollte, ging sie von einem leicht zu klärenden Irrtum aus. »Die anderen Hausbewohner hatten die Festnahme mitbekommen und mir davon erzählt. Ich wusste also, welche Frau gemeint gewesen sein konnte.«

Strafbefehl beantragt

Angela Hilker rief den sachbearbeitenden Kriminalhauptkommissar in Lage an und schilderte die Verwechslung. »Er versprach, sich zu kümmern.« Das tat er aber offenbar nicht, denn die Staatsanwaltschaft beantragte beim Amtsgericht Detmold einen Strafbefehl, den das Gericht dann auch erließ und der Frau zuschickte. »Ich sollte 600 Euro zahlen. Das hat mich richtig mitgenommen!«

Angela Hilker schrieb dem Amtsgericht, dass eine Verwechslung vorliege – vergeblich. Weil sie die Strafe nicht zahlte, bekam sie eine Ladung zum Prozess. Sie nahm sich einen Anwalt, der die Sache noch vor der Verhandlung aufklärte, aber die Maschinerie war nicht mehr zu stoppen.

Polizist entschuldigt sich

Am Freitag stand die Altenpflegerin wegen Beleidigung vor dem Amtsgericht Detmold. Ein Polizeibeamter (38) sagte als Zeuge, die Angeklagte habe die Beleidigung nicht begangen. Der Polizist entschuldigte sich bei Angela Hilker und sagte, man habe sich damals von der Täterin den Ausweis nicht zeigen lassen, weil die Frau einen aggressiven Eindruck gemacht habe.

Die Richterin, die auch den Strafbefehl erlassen hatte, sagte, sie habe sich »echt geärgert«, weil die Angeklagte in der Akte fälschlicherweise als »polizeibekannt« bezeichnet worden sei und sie deshalb keine Zweifel an den Angaben der Beamten gehabt habe. Der Polizist versprach, man werde es beim nächsten Mal »anders machen«.

Beleidigung ist verjährt

Die Richterin sprach Angela Hilker frei und bat sie um Entschuldigung. »Man muss von der Polizei gewissenhafte Arbeit erwarten dürfen. Sie hatten den ganzen Ärger und müssen jetzt auch noch beantragen, dass ihr Name aus dem Polizeicomputer gelöscht wird. Ich entschuldige mich für die Pannen.«

Rechtsanwalt Dirk Davidsohn aus Bielefeld: »Ein Fehler kann passieren, aber er darf sich dann nicht weiter durchs Verfahren ziehen, bis ein offensichtlich Unschuldiger vor Gericht gestellt wird. Polizei und Justiz hätten schließlich jederzeit die Angaben meiner Mandantin überprüfen können.«

Die wahre Täterin muss übrigens keine Strafe mehr fürchten: Die Beleidigung ist verjährt.

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