SPD-Gemeindeverband Kalletal lädt zum Informationsabend ein Zukunft der ärztlichen Versorgung

Kalletal (WB), Wie sieht die Zukunft der ärztlichen Versorgung des ländlichen Raums aus? Darauf erhofften sich die Teilnehmer einer Veranstaltung des Gemeindeverbandes der SPD jetzt in der »Rose im Kalletal« eine Antwort. Als Referenten hatten die Sozialdemokraten den medizinischen Geschäftsführer des Klinikums Lippe, Dr. Helmut Middeke, eingeladen.

Von Reiner Toppmöller
Georg Lätsch (SPD, links) begrüßte Dr. Helmut Middeke (Klinikum Lippe). Er referierte über die Zukunft der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum.
Georg Lätsch (SPD, links) begrüßte Dr. Helmut Middeke (Klinikum Lippe). Er referierte über die Zukunft der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum. Foto: Reiner Toppmöller

Der Referent wurde von Georg Lätsch in Vertretung des erkrankten Gemeindeverbandsvorsitzenden Manfred Rehse begrüßt. Der Ärztemangel, die Schließung von Praxen und der damit verbundene mögliche Mangel der medizinischen Grundversorgung sind Themen, die die Menschen auch im Kalletal beschäftigen. Dr. Helmut Middeke zeigte Wege in die Zukunft auf.

»Noch nicht Fünf vor Zwölf«

Mit vier hausärztlichen Praxen sei es in der Gemeinde ja noch nicht »Fünf vor Zwölf«, sagte er. Zudem fordere die Landesregierung ab dem Jahr 2018/2019 eine Hausarztquote der Studienabgänger und fördere deren Entschluss auch finanziell, wenn sie in den ländlichen Raum gingen.

Große Hoffnung hat der Klinikum-Geschäftsführer auch in die neu entstehende medizinische Fakultät an der Uni Bielefeld. Dort sollen ab dem Jahr 2021 etwa 300 Medizin-Studenten ausgebildet werden. »Das bringt Studenten in die umliegenden Krankenhäuser und Praxen. Wir hoffen darauf, dass etwa 30 bis 40 Prozent der Studenten dann Allgemeinmediziner werden«, sagt Dr. Middeke.

Bedarf an Hausärzten

In fünf bis zehn Jahren braucht die Region nach seinen Aussagen 70 neue Hausärzte. Wenn dies nicht durch Übernahmen von Praxen durch junge Ärzte geleistet werden kann, müssten die Kliniken die frei werdenden Stellen durch ihr Personal decken, meint der Fachmann. Seiner Meinung nach werde die Zukunft der medizinischen  Versorgung durch folgende Faktoren beeinflusst: die regionale Versorgung durch die Kliniken, durch neu entstehende Gesundheitszentren, in denen Ärzte im Team oder temporär tätig sind, durch ein medizinisches Case-Management sowie von den Perspektiven, die sich aus dem Aufbau der neuen medizinischen Fakultät ergeben würden.

Fachärzte werde es zukünftig nur noch in den Zentren geben, schloss Dr. Middeke damit die Ansiedlung eines Facharztes im Kalletal aus.

Lokale Gesundheitszentren

Das sektorübergreifende Case-Management soll dabei helfen, die durchgehende Versorgungskette zwischen Hausarzt, Facharzt und Krankenhaus zu gewährleisten. Lokale Gesundheitszentren könnten, wie im Modell des Medicums in Lemgo, als Facharztzentrum wirken.

Dr. Middeke sieht in der Forcierung der Gesundheitszentren – als ein solches bezeichnete er auch das Ärztehaus in Varenholz – nicht die Aufgabe einer Gemeinde oder Kommune. Die, so der Referent, könne möglicherweise aber als Moderator zur Gründung eines solchen Zentrums tätig werden.

Kliniken sind in der Verantwortung

Middeke sieht in allen zukünftigen Bereichen die Kliniken in der Hauptverantwortung. »Alle Ärzte müssen zuerst hier ihre Ausbildung machen. Sind keine Hausärzte vor Ort, kann die Klinik durch die Übernahme von Stellen der Kassenärztlichen Vereinigung diese übernehmen und junge Ärzte sozusagen im Rahmen ihrer Ausbildung delegieren«, sagte Dr. Middeke. Auch beim Case-Management, also der Beratung und Begleitung der Patienten von Fachpersonal, um Termine und Behandlungen zu bekommen, sieht er die Kliniken in der Verantwortung. Das Klinikum Lippe habe bereits ein Case-Management mit Fachkräften aufgebaut, das das lippische Ärztenetz mit dem Klinikum Lippe verbinde. Auch wenn von den etwa 202 Hausärzten in Lippe fast 140 Ärzte älter als sechzig oder sogar siebzig Jahre sind, sei Lippe mit einem Versorgungsgrad von derzeit etwa 80 Prozent immer noch ganz gut dran, so der medizinische Geschäftsführer des Klinikums.

Am Ende der regen Diskussion bilanzierte Dr. Middeke: »Medizinische Studienplätze sind sehr teuer. Aber die Reduzierung der Studienplätze auf Grund der Ärzteschwemme der neunziger Jahre war meiner Meinung nach ein Fehler.«

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