Hauptwachtmeister Reinhard Kleesiek (65) geht in den Ruhestand Das Gesicht der lippischen Justiz

Detmold (WB). Richter Michael Reineke hat ihn einmal »das Gesicht der lippischen Justiz« genannt: Wohl kein anderer Wachtmeister in Deutschland taucht so oft in Zeitungen und im Fernsehen auf wie Reinhard Kleesiek (65). Montag geht er in den Ruhestand.

Von Christian Althoff
Die Prozessberichte mit Fotos, die auch Hauptwachtmeister Reinhard Kleesiek zeigen, füllen zwei Kartons.
Die Prozessberichte mit Fotos, die auch Hauptwachtmeister Reinhard Kleesiek zeigen, füllen zwei Kartons. Foto: Christian Althoff

Sein Markenzeichen, den Schnurrbart, trägt er seit 46 Jahren. »Jeden Morgen zwirbel

Reinhard Kleesiek. Foto: Christian Althoff

ich ihn mit original bayrischer Bartwichse«, sagt der Justizhauptwachtmeister. Es war ein Zufall, der den Detmolder zur Justiz brachte. »Als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr musste ich an Wochenenden den stellvertretenden Bürgermeister fahren. Der sagte eines Tages, dass beim Landgericht ein Wachtmeister gesucht würde.« Reinhard Kleesiek gab nach 17 Jahren seine Anstellung als Großhandelskaufmann auf und machte eine Ausbildung zum Justizwachtmeister. »Das war 1984, und ich habe es keinen Tag bereut.«

Bericht der New York Times

Angeklagte aus der Gerichtszelle zu holen und im Saal für Sicherheit zu sorgen – das war 34 Jahre Kleesieks Alltagsgeschäft im kleinen Detmolder Landgericht. »Früher saßen meine Kollegen und ich im Saal neben der Tür. Dann meinte Richter Reineke, es wäre aus Sicherheitsgründen besser, wenn ich mich neben die Angeklagten setze. So kam ich auf Pressefotos und ins Fernsehen.« Kleesiek genoss die Prominenz und sorgte fortan dafür, dass er es war, der in spektakulären Fällen die Angeklagten in den Saal führte.

Die Zeitungsartikel mit seinem Foto, die er sammelte, füllen zwei Kartons. Auch ein Bericht der New York Times ist dabei, denn Kleesiek musste sich im Auschwitz-Prozess 2016 um den früheren SS-Wachmann Reinhold Hanning (94) kümmern, der wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. »Als ich in den 60ern zur Schule ging, war der Holocaust kein Thema«, sagt Reinhard Kleesiek. »Für mich war der Prozess Geschichtsunterricht, in dem ich viel gelernt habe.«

Nur einmal ist ihm ein Verurteilter entkommen

Viele Jahre lebte Reinhard Kleesiek mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in der Dachgeschosswohnung des Landgerichts, gleich gegenüber den acht Jugendarrestzellen, in denen verurteilte Jugendliche die Wochenenden verbringen müssen. »29 Jahre war ich für sie zuständig. Ich habe sie die Grünanlagen rund ums Gericht pflegen lassen. Dann waren sie abends so müde, dass sie nachts seltener klingelten«, sagt Kleesiek und lacht.

Seine freundliche, unaufdringliche Art hat ihn beliebt gemacht im Landgericht. Er duzt sich mit vielen Richtern, und selbst der frühere Landgerichtspräsident Peter Clemen bot ihm diese Anrede an. »Auch mit den Angeklagten bin ich immer gut klargekommen. Vielen habe ich erst Mal eine Zigarette ausgegeben. Dann wurden sie ruhiger.« Nur einmal sei ihm ein Verurteilter entkommen. »1987. Den habe ich dann aber in der Stadt gepackt.« In besonderer Erinnerung ist Kleesiek der Ehrenmordprozess um die getötete Arzu Özmen (18) geblieben. Und ein Fall, in dem ein Mann Babys missbraucht hatte. »Das hat mich ziemlich mitgenommen.«

Damit ist jetzt Schluss. Der Ruheständler plant Segelwochenenden auf dem Steinhuder Meer, und vielleicht bekommt er ja auch mal wieder eine Rolle am Landestheater Detmold. 2009 hatte Kleesiek seinen gesamten Jahresurlaub darauf verwendet, um mit dem Ensemble eine Saison auf Tournee zu gehen. Gegeben wurde eine moderne Inszenierung der Hermannsschlacht, und das Theater suchte einen Trommler. »Das konnte ich, weil ich früher im Spielmannszug war.« Erst sei er von den Schauspielern skeptisch beäugt worden, »aber nach acht Wochen waren wir ein eingeschworener Haufen«.

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