Vor 75 Jahren leitete ein Detmolder die Niederschlagung des Ghetto-Aufstandes »Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!«

Detmold (WB). Er war ein gründlicher Mensch: »Ich entschloss mich deshalb, nunmehr die totale Vernichtung des jüdischen Wohnbezirks vorzunehmen.« Der Detmolder Jürgen Stroop kommandierte vor 75 Jahren die Niederschlagung des Ghetto-Aufstandes in Warschau. Eine Ausstellung erinnert daran.

Von Bernd Bexte
14. Mai 1943, zwei Tage vor der endgültigen Niederschlagung des Aufstandes: SS-General Maximilian von Herff (vorne) inspiziert die von SS-Gruppenführer Jürgen Stroop (Dritter von rechts) kommandierte Aktion im Warschauer Ghetto. Später wird der Detmolder befördert.
14. Mai 1943, zwei Tage vor der endgültigen Niederschlagung des Aufstandes: SS-General Maximilian von Herff (vorne) inspiziert die von SS-Gruppenführer Jürgen Stroop (Dritter von rechts) kommandierte Aktion im Warschauer Ghetto. Später wird der Detmolder befördert.

Akribisch beschreibt der SS-Gruppenführer in einem zwölfseitigen Bericht für den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, noch am Tag der endgültigen Niederschlagung des Aufstandes (16. Mai 1943), wie seine SS-Männer »mit Schneid, Mut und Einsatzfreudigkeit« zu Werke gegangen seien.

Der zuvor im Zivilleben als Katasteramtsgehilfe bei der Detmolder Stadtverwaltung die Genauigkeit liebende Stroop bilanziert zufrieden: »Nur durch den ununterbrochenen und unermüdlichen Einsatz sämtlicher Kräfte ist es gelungen, insgesamt 56.065 Juden zu erfassen bzw. nachweislich zu vernichten.«

Das Deckblatt ziert in schönster Frakturschrift der Titel »Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!«

Katasteramtsgehilfe weckt Aufmerksamkeit

Wer war dieser Jürgen Stroop, der 1941 aus »weltanschaulichen Gründen« seinen Geburtsnamen Josef – da hebräischen Ursprungs – ablegte und sich fortan Jürgen nannte? Der 1895 geborene Sohn eines Detmolder Polizeioberwachtmeisters fristet nach dem Volksschulbesuch als Katasteramtsgehilfe zunächst ein bescheidenes Dasein.

Dann kommt der 1. Weltkrieg. Stropp wird als Kriegsfreiwilliger Unteroffizier. Anschließend kehrt er in die Detmolder Amtsstube zurück. 1923 heiratet er, drei Kinder gehen aus der Ehe hervor. Im Juli 1932 tritt Stroop der SS, im September 1932 der NSDAP bei.

Im selben Jahr sollen Hitler, Himmler und Göring im Wahlkampf auf Stroop aufmerksam geworden sein.

Chef der Hilfspolizei, SS-Hauptsturmführer, Befehlshaber

Der Amtsgehilfe macht Karriere, verlässt kurze Zeit später endgültig das Katasterbüro: Nach der Machtübernahme machen ihn die Nazis im März 1933 zum Chef der Hilfspolizei des damals noch selbstständigen Landes Lippe.

Jürgen Stroop 1945 in US- Gefangenschaft.

Im März 1934 wird er zum SS-Hauptsturmführer befördert, es folgen Stationen in der SS-Verwaltung in Münster und Hamburg. Nach dem Angriff auf Polen am 1. September 1939 leistet Stroop als Mitglied der SS-Division Totenkopf zunächst Dienst in der Etappe.

Im Frühjahr 1943 schlägt dann seine große Stunde: Heinrich Himmler persönlich macht ihn zum Befehlshaber der SS-, Polizei- und Wehrmachteinheiten für die Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto.

Himmler ernennt Stroop zum Höheren SS- und Polizeiführer

Vom 19. April an leisten dort 600 mit wenigen Pistolen, Gewehren und Molotowcocktails bewaffnete Juden den 2000 von Panzern und Artillerie unterstützten Einheiten der Deutschen fast vier Wochen lang Widerstand.

Unter Stroops Befehl machen die Truppen das Ghetto, in dem vor Beginn der Deportationen in die Vernichtungslager (1941) bis zu 450.000 Menschen lebten, letztlich dem Erdboden gleich. »Die Großaktion wurde am 16. 5. 1943 mit der Sprengung der Warschauer Synagoge um 20.15 Uhr beendet«, schreibt Stroop lapidar in seinem Bericht.

Himmler dankt es ihm und ernennt Stroop zum Höheren SS- und Polizeiführer für Warschau. Am Tag des Kriegsendes (8. Mai 1945) nehmen US-Soldaten Stroop fest. Er wird zum Tode verurteilt, später aber an Polen ausgeliefert, wo er – abermals verurteilt – am Abend des 6. März 1952 erhängt wird.

Vorlage für Roman Polanskis »Der Pianist«

Sein Bericht, der auch Hitler vorgelegt worden sein soll, gilt in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen von 1945/46 als wichtiges Beweismittel. Und er wirkt nach: 2001 nutzt Roman Polanski ihn als Vorlage für Einstellungen in seinem Film »Der Pianist«.

Anlässlich des Jahrestages zeichnet das NRW-Landesarchiv in Detmold (Willi-Hoffmann-Straße 2) vom 16. Januar bis zum 27. April in einer eigens konzipierten Ausstellung die Niederschlagung des Ghetto-Aufstandes nach und zeigt, welche Rolle Stroop dabei spielte.

Der Eintritt ist frei. Am 16. April (19.30 Uhr) hält Bärbel Sunderbrink vom Stadtarchiv Detmold einen Vortrag über Jürgen Stroop. Titel: »Ein Mörder aus Detmold«

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