Tausende Männer brannten Ziegel – ein neues Buch erzählt ihr Leben Aus Lippe in die Fremde

Detmold (WB). Was heute die Spargelstecher aus Osteuropa sind, waren früher die lippischen Ziegler. Vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert zogen im März bis zu 40 Prozent der Männer des Fürstentums Lippe nach Holland, Dänemark, ins Baltikum oder nach Norddeutschland, um Ziegel aus Ton zu brennen, Torf zu stechen oder Heringe zu fangen.

Von Dietmar Kemper
Bier und Akkordeon nahmen die lippischen Ziegler zu ihren Arbeitsorten im Ausland mit (Foto von 1903).
Bier und Akkordeon nahmen die lippischen Ziegler zu ihren Arbeitsorten im Ausland mit (Foto von 1903). Foto: Landesarchiv NRW Detmold

Wenn der erste Frost kam, kehrten die lippischen Ziegler im Oktober oder November heim. Sie sind ein Beispiel für »saisonale Arbeitsmigration in der Geschichte«. So heißt auch der Sammelband, den jetzt die Abteilung OWL des Landesarchivs NRW veröffentlicht hat. Er entstand zusammen mit dem Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam und beschäftigt sich mit dem Leben und den Spuren, die die Menschen, die auf »Ziegelei« gingen, bei uns und im Ausland hinterließen.

»Jeder alteingesessene Lipper hat einen Ziegler in seiner Familie«, sagte die Herausgeberin Bettina Joergens bei der Vorstellung des Buches in Detmold. Zieglervereine halten die Erinnerung wach, das Ziegeleimuseum in Lage informiert über die Wanderarbeiter und Ziegler prägten angeblich auch den Charakter der Menschen eines ganzen Landstrichs.

Namen der Wanderarbeiter akkurat verzeichnet

»Die lippische Sparsamkeit hat hier ihre Wurzeln«, erläuterte Heinrich Stiewe vom Freilichtmuseum in Detmold: »Die Ziegler bauten mit dem im Ausland verdienten Geld ihr Haus in Lippe, und jeden Groschen drehten sie dreimal um.« Stiewe schrieb für das Buch einen Artikel über den regen Hausbau im 19. und frühen 20. Jahrhundert – ein sichtbares Erbe der Ziegler.

Jan Lucassen und Bettina Joergens. Foto: Deitmar Kemper

Armut und die Tatsache, dass die Landwirtschaft nicht genügend Arbeitsmöglichkeiten bot, trieb Männer aus Lippe nach Holland. »Das war damals das reichste Land der Welt, aber es brauchte für alles Mögliche Arbeitskräfte aus dem Ausland«, weiß der niederländische Historiker Jan Lucassen. Er befasst sich seit 40 Jahren mit dem Phänomen der lippischen Ziegler und schwärmt von der ausgezeichneten Quellenlage. Die lippische Obrigkeit habe Zahl und Namen der Wanderarbeiter akkurat verzeichnet.

Die nahmen ihren eigenen Koch mit, Erbsen, Speck und Bier. Die vergleichsweise hohen Löhne in Holland zogen sie an. Ausbeuten ließen sich die Männer offenbar nicht. Lucassen: »Die lippischen Ziegler waren organisiert, verteidigten ihre Interessen und nahmen die Arbeit nur nach ihren Regeln an. Wenn der im Winter abgesprochene Preis nicht geboten wurde, kamen sie nicht.«

Angst vor einem moralischen Verfall

Die Wanderarbeiter lebten in Unterkünften bei den Ziegeleien, die von Siedlungen oft weit entfernt waren, arbeiteten von früh bis spät und wurden nach der Zahl der gebrannten Ziegel bezahlt. Mit der Bevölkerung kamen sie nicht in Berührung – die Angst der Geistlichen und Behörden in Lippe vor einem moralischen Verfall ihrer Landeskinder und vor Krankheiten, die sie einschleppen könnten, war unbegründet.

Das Buch

Bettina Joergens und Jan Lucassen (Hg.): Saisonale Arbeitsmigration in der Geschichte: Die lippischen Ziegler und ihre Herkunftsgesellschaft, Klartext-Verlag Essen, 228 Seiten, ISBN: 9783837518825, 23.95 Euro

Während im 19. und 20. Jahrhundert mehr als 300.000 Menschen Westfalen verließen, um nach Amerika auszuwandern, fanden die lippischen Ziegler dazu eine Alternative. »Sie hatten die Chance, auswärts zu arbeiten und trotzdem zuhause leben zu können«, betonte Stiewe, und Jürgen Scheffler vom Städtischen Museum Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo machte klar, wie wichtig das für die Herkunftsgesellschaft war: »Indem die Ziegler zurückkamen, konnten sich die Dörfer in Lippe erhalten. Viele von den Zieglern getragene Vereine brauchten zum Beispiel Gaststätten.«

Allerdings sei die weit verbreitete Vorstellung, wonach die Menschen damals in festen Dorfgemeinschaften gelebt hätten, in denen jeder jeden kannte, falsch, betonte Lucassen vom Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam. Auch damals sei die Gesellschaft mobil gewesen, »es gab viel Migration«.

Damals wie heute möchten Wanderarbeiter – egal ob Ziegler, Spargelstecher oder Pflegekräfte aus Osteuropa – ihre Lebensbedingungen verbessern, den Wohlstand vermehren. Deshalb rät Joergens, das Thema Migration »unaufgeregt zu betrachten«. So seien die Ziegler mit einem weiteren Horizont aus dem Ausland zurückgekehrt, was die Gesellschaft daheim weiterentwickelt habe.

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