Zweiter Prozess um »Ehrenmord« an 18-jähriger Jesidin aus Detmold Vater warnte Arzus Bruder: »Die Bullen sind vor dem Haus«

Detmold (WB). Der Vater der erschossenen Arzu Özmen (18) bestreitet erwartungsgemäß, seine fünf erwachsenen Kinder zum »Ehrenmord« an seiner Tochter angestiftet zu haben. Zwar schwieg Fendi Özmen (53) Montag beim Prozessauftakt, doch sein Verteidiger Torsten Giesecke las eine entsprechende Erklärung vor.

Von Chrsitian Althoff
Fendi Özmen mit seinem Verteidiger Torsten Giesecke (rechts) und einem Dolmetscher.
Fendi Özmen mit seinem Verteidiger Torsten Giesecke (rechts) und einem Dolmetscher. Foto: Oliver Schwabe

Arzu Özmen.

15 Monate ist es her, dass Arzu Özmen mit zwei Schüssen in den Kopf hingerichtet wurde. Dafür wurden fünf Geschwister im Mai zu Haftstrafen verurteilt, nun steht das Familienoberhaupt vor Gericht. Ohne sichtbare Regung saß Fendi Özmen auf der Anklagebank und blickte zumeist den Vorsitzenden Richter Michael Reineke an. Der Angeklagte war kontrolliert und gefasst und ließ sich von keiner noch so scharfen Äußerung der Anklage provozieren.

Oberstaatsanwalt Christopher Imig wirft Fendi Özmen gefährliche Körperverletzung und Anstiftung zum Mord vor. Özmen war 1984 mit seiner Frau und der ältesten Tochter Sirin aus der Osttürkei nach Deutschland geflohen und im Lauf der Jahre Vater von neun weiteren Kindern geworden. Er und die älteren Kinder waren berufstätig, die Familie galt als vorbildlich integriert.

Mit einem Stock grün und blau geschlagen

Arzu fiel 2011 in Ungnade, weil sie ein Verhältnis zu einem Nichtjesiden hatte. Als sie von ihrem Vater und ihrem Bruder Osman (22) mit einem Stock grün und blau geschlagen wurde, floh sie und zeigte beide an. »Sie war völlig verschüchtert und wollte auf keinen Fall zurück zu ihrer Familie«, sagte am Montag der Beamte der Kripo Detmold, der Arzu damals in ein Frauenhaus vermittelte.

Acht Wochen suchte die Familie nach der untergetauchten Tochter, bis die älteste Schwester Sirin (27) sie am 31. Oktober 2011 spätabends in der Wohnung ihres Freundes in Detmold aufspürte. Oberstaatsanwalt Imig: »Der Vater beschloss, sie umzubringen, weil er den Gesichtsverlust in der jesidischen Öffentlichkeit wettmachen wollte. Die Familie hielt ihn davon ab, weil er ihr Oberhaupt war. Da sagte er zu den Kindern, dann müssten sie es eben tun.«

Diesen Vorwurf stützte Imig auf die frühere Aussage eines Häftlings. Er hatte eine Woche mit dem jüngsten Sohn Elvis Özmen (20) eine Zelle geteilt und bei der Polizei angegeben, Elvis habe ihm das Geschehen so erzählt. Gestern widerrief der Jeside, der wegen Autodiebstählen in Haft sitzt, seine Aussage. »Ich habe mir das alles nur ausgedacht.«

Verschleppt und hingerichtet

Am 1. November 2011 wurde Arzu gegen 1.15 Uhr von den Geschwistern aus der Wohnung ihres Freundes verschleppt, bevor sie Stunden später hingerichtet wurde. Was wusste Fendi Özmen von diesen Geschehnissen? Ein Kriminalbeamter sagte im Zeugenstand, in jener Nacht habe es etwa 40 Telefongespräche der Familie gegeben. Oft hätten die Geschwister untereinander gesprochen, aber es habe auch zehn Verbindungen zwischen Sirins i-Phone und ihrem Elternhaus gegeben.

Oberstaatsanwalt Imig hält es für ausgeschlossen, »dass die Geiselnahme und die Ermordung nicht dem Willen des Familienoberhaupts entsprochen haben«. Zum Beispiel schickte der Vater laut Ermittlungen der Kripo um 5.38 Uhr eine SMS an seinen Sohn Kirer (25): »Die Bullen sind vor dem Haus.«

Arzus Freund hatte damals nach der Entführung die Polizei alarmiert. Ein Kriminalbeamter: »Wir sind sofort zu Arzus Elternhaus gefahren, um nach dem Mädchen zu suchen. Weil die Zimmer von drei erwachsenen Kindern abgeschlossen waren, mussten wir die Türen eintreten. Darüber hat sich der Vater mehr aufgeregt als über die Entführung seiner Tochter.«

Zu Beginn der Verhandlung las der Verteidiger Torsten Giesecke eine Erklärung vor. In der schildert der Angeklagte, dass es gegen die Werte und die Religion der Jesiden verstoße, ein Verhältnis mit einem Nichtjesiden zu haben. »Arzu wollte nicht hören. Ich konnte diese Respektlosigkeit nicht verstehen.« Er habe sie verprügelt, um die PIN ihres Handys und das Passwort ihres E-Mail-Kontos zu erfahren. Weiter heißt es in dem Schreiben: »Mit der Tötung habe ich aber nichts zu tun. Arzu war aus der Familie ausgeschlossen worden. Damit war die Sache für mich erledigt.«

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