Feuerwehr und Polizei zeigen »Gafferbox« zum ersten Mal in OWL Wie sich Opfer eines Verkehrsunfalls fühlen

Bad Salzuflen (WB). »Wenn man rausgeht, sollte man verstanden haben«, sagt Klaus Wegener vom Lippischen Feuerwehrverband. »Die Box macht Eindruck«, ist auch Christian Weicht von der Polizei Detmold überzeugt.

Von Dietmar Kemper
Wer die »Gafferbox« betritt, steht unfreiwillig im Mittelpunkt und wird von allen Seiten angestarrt. So wie die Verletzten bei einem Verkehrsunfall, deren Leid auch noch fotografiert und gefilmt wird. Die Box soll für Respekt gegenüber den Opfern werben.
Wer die »Gafferbox« betritt, steht unfreiwillig im Mittelpunkt und wird von allen Seiten angestarrt. So wie die Verletzten bei einem Verkehrsunfall, deren Leid auch noch fotografiert und gefilmt wird. Die Box soll für Respekt gegenüber den Opfern werben. Foto: dpa

Mit der »Gafferbox« wollen Feuerwehr und Polizei Menschen davon abhalten, bei Unfällen Verletzte oder gar Tote zu fotografieren und zu filmen. Das von der Feuerwehr Mainz entwickelte Objekt wird an diesem Wochenende zum ersten Mal in Ostwestfalen-Lippe gezeigt.

Bei der Messe »Haus-Garten-Touristik-Hochzeit« im Messezentrum Bad Salzuflen, die von heute bis Sonntag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet ist, steht sie in Halle 20 gleich links neben dem Haupteingang.

Wie ist das, wenn ich selbst Opfer eines Unfalls geworden bin?

Bei der »Gafferbox« handelt es sich um eine drei mal drei Meter große Stellwand. Wer hineingeht, wird von allen Seiten von Menschen angestarrt, die zum Beispiel ihr Handy gezückt haben. Wie ist das, wenn ich selbst Opfer eines Unfalls geworden bin? Diese Situation wird in der Box, für die die Mainzer Feuerwehr den Verkehrssicherheitspreis des Landes Rheinland-Pfalz erhielt, simuliert.

Darüber hinaus sind Geräusche von Rettungseinsätzen zu hören: das Jammern des Opfers, der Ton des Martinshorns, Anweisungen von Rettungskräften (»Machen Sie den Weg frei!«) und Kommentare der Gaffer wie »Der blutet ja – ekelhaft«. In die Box dürfen keine Kinder – die Fotos, die im Inneren zu sehen sind, wenn man eine Klappe anhebt, schockieren. Es sind echte Gafferfotos aus dem Internet, die Tote zeigen.

»Wir wollen deutlich machen, wie es ist, als Opfer angestarrt zu werden«, sagte gestern Kriminalhauptkommissar Christian Weicht vom Kommissariat Kriminalprävention und Opferschutz der lippischen Polizei. Das Gaffergesicht werde er nicht mehr los, sagte ihm ein Opfer eines Verkehrsunfalls einmal.

Das Gafferunwesen habe zugenommen , sagte Weicht: »Anweisungen empfinden die inzwischen als Störung der Privatsphäre.« Fotos vom Unfallort seien manchmal schneller im Internet als die Einsatzkräfte vor Ort. Und wenn Rettungssanitäter oder Feuerwehrmänner sensationslüsterne Beobachter wegscheuchten, reagierten die pampig: »Ich will auch noch ein Foto machen.« Zusammen mit der Feuerwehr hat die lippische Polizei gerade erst Sichtschutzwände angeschafft.

Haftstrafen von bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe drohen

Auf die »Gafferbox« stieß Christian Weicht im vergangenen Jahr beim Tag der Deutschen Einheit in Mainz, wo sie in der »Blaulichtmeile« gezeigt wurde. Er machte die lippische Feuerwehr darauf aufmerksam und stieß beim Geschäftsführer des Lippischen Feuerwehrverbandes und Leiter der Feuerwehr Lemgo, Klaus Wegener, auf offene Ohren.

Der fuhr am vergangenen Dienstag nach Mainz, ließ sich in die »Gafferbox« einweisen, transportierte sie in den Kreis Lippe und baute sie im Messenzentrum in Bad Salzuflen auf. »Wir wollen mit ihr dafür Aufmerksamkeit schaffen, dass bei Unfällen nicht gefilmt werden soll, dass Rettungsgassen gebildet werden und mit Menschen respektvoll umgegangen wird«, erklärte Wegener am Donnerstag.

In Bad Salzuflen legt die Feuerwehr die Broschüre ihrer Mainzer Kollegen »Gaffen??? Dann aber bitte richtig!« aus, die über Regeln für Schaulustige, ihre Pflichten bei einem Verkehrsunfall und über die Rechtslage informiert.

Wohl die wenigsten Gaffer wissen, dass bei unterlassener Hilfeleistung (Paragraf 323c StGB) oder bei unbefugtem Anfertigen von Foto- und Videomaterial (Paragraf 201a StGB) Haftstrafen von bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe drohen.

Wer mit voller Absicht Menschen in Not fotografiert, verletzt deren Persönlichkeitsrecht. Entsprechend musste ein 51-jähriger Mann aus Herford mehrere hundert Euro zahlen, nachdem er im Oktober 2016 einen Sterbenden fotografiert hatte . Ein 54-jähriger Bielefelder hatte auf der Bundesstraße 239 in Herford einen Herzinfarkt bekommen.

Gaffen gilt juristisch als Ordnungswidrigkeit, und wer Rettungskräfte durch sein Verhalten behindert, macht sich einer Straftat schuldig.

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