Sternstunde zum Abschluss der Warburger Theatersaison: »Der kaukasische Kreidekreis« begeistert Ein versoffener Lump in Richterrobe

Warburg (WB). Ausgerechnet ein Lump in Richterrobe, ein versoffener, korrupter und schlitzohriger Überlebenskünstler in blutiger Zeit, sorgt in Bertolt Brechts Schauspiel »Der kaukasische Kreidekreis« schließlich für Gerechtigkeit.

Von Ralf Benner
Der ehemalige Dorfschreiber Azdak (Peter Bause), ein Lump in Richterrobe, muss in Bertolt Brechts Schauspiel »Der kaukasische Kreidekreis« entscheiden, wem das Kind Michel zugesprochen wird, der leiblichen Mutter oder der Ziehmutter.
Der ehemalige Dorfschreiber Azdak (Peter Bause), ein Lump in Richterrobe, muss in Bertolt Brechts Schauspiel »Der kaukasische Kreidekreis« entscheiden, wem das Kind Michel zugesprochen wird, der leiblichen Mutter oder der Ziehmutter. Foto: Bernd Böhner

Mit einer weitestgehend werkgetreuen, anspruchsvollen Inszenierung durch Peter Bause, der auch die Rollen des Erzählers und des Richters Azdak übernommen hat, sorgte das Euro-Studio Landgraf zum Abschluss der Warburger Theatersaison am Dienstagabend für eine Sternstunde im Pädagogischen Zentrum.

In den Irrungen und Wirrungen des Bürgerkrieges, von Brecht in der Sowjetunion angesiedelt, wird der Großfürst gestürzt, sein Gouverneur hingerichtet. Die verwöhnte Gouverneursfrau kann mit ihren Kleidern entfliehen, lässt aber ihr Kind zurück, das gleich von den neuen Machthabern gesucht wird.

Die Magd Grusche nimmt es auf und bringt es durch alle Gefahren unter vielen Opfern in Sicherheit. Wobei sie es liebgewinnt wie ein eigenes.

Vernunft und Menschenverstand

Nach dem Ende des Krieges, die alten Verhältnisse sind wieder hergestellt, die (kommunistische?) Utopie ist gescheitert, lässt die Gouverneursfrau ihr Kind suchen – des reichen Erbes wegen.

Im Streit zwischen leiblicher Mutter und Ziehmutter kommt es zum Prozess vor dem ehemaligen Dorfschreiber Azdak, der in den politischen Wirren auf den Richterstuhl gekommen ist und als Armeleuterichter gilt. Er entscheidet den Fall salomonisch mit Hilfe eines Kreidekreises, in den das Kind gestellt wird: »Die richtige Mutter wird die Kraft haben, das Kind aus dem Kreis zu sich zu ziehen.«

Die Magd Grusche lässt los, weil sie dem Kind nicht wehtun will. Daran erkennt der Azdak die wirklich Mütterliche und spricht ihr – jenseits von geltendem Recht – das Kind zu. Vernunft und Menschenverstand führen im Stück zum gerechten Urteil, nicht aber das Gesetzbuch, das dem Azdak nur als »Gesäßkissen« dient.

Zwölf Schauspieler spielen 70 Rollen

Die teils sarkastischen, teils rührenden und humorvollen Szenen, dargestellt von einem brillanten Ensemble (zwölf Schauspieler spielen die über 70 Rollen!), begeisterten das Publikum. Die Darsteller agierten rhetorisch und pantomimisch hervorragend, allen voran Peter Bause (Azdak) und Marianne Thies (Grusche).

Das Publikum spendete lange Applaus für die großartigen Darsteller. Bertolt Brechts Lehre vom epischen Theater, zu dem auch Verfremdungseffekte gehören, damit sich der Zuschauer nicht wie beim Betrachten von Hollywood-Filmen mit den Schauspielern identifiziert, sondern eine kritische Distanz wahrt, wurde bestens umgesetzt.

Das spartanische Bühnenbild, ein Erzähler, der durch die Handlung führt, sowie Darsteller, die Masken trugen, machten deutlich, dass es sich bloß um ein Lehrstück handelt.

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