Pflegefamilien gesucht: Familie Müller berichtet über ihre Erfahrungen Kindern ein Zuhause schenken

Warburg (WB). Nicht jedes Kind hat das Glück, in einer intakten Familie aufzuwachsen. Stehen Vernachlässigung und Misshandlung auf der Tagesordnung, müssen Kinder vor ihren eigenen Eltern geschützt werden. Ein neues Zuhause in einer liebevollen Pflegefamilie ist dann oft ihre letzte Rettung. Auch im Kreis Höxter werden dringend Pflegefamilien gesucht.

Von Michaela Weiße
Treffen im Warburger Büro »Netzwerk Pflegefamilien« (von links): Familienberaterin Simone Finkskes, Kevin (15), Gerd Müller, Familienberaterin Angelika Vennes, Petra Müller und Denise Kahle (18) mit Hund »Mozart«.
Treffen im Warburger Büro »Netzwerk Pflegefamilien« (von links): Familienberaterin Simone Finkskes, Kevin (15), Gerd Müller, Familienberaterin Angelika Vennes, Petra Müller und Denise Kahle (18) mit Hund »Mozart«. Foto: Michaela Weiße

Familie Müller aus Stukenbrok-Senne ist eine glückliche Patchworkfamilie: Vater Gerd (61) brachte ebenso wie seine Frau Petra (57) zwei Kinder mit in die Ehe. Ihr gemeinsames Kind vergrößerte das Glück, aber erst die beiden Pflegekinder machten es schließlich komplett.

Denise (18) kam als Dreijährige und Kevin (15) mit fünf Jahren zu den Müllers. Zuvor lebten sie in einem Kinderheim. Schauen die Jugendlichen heute auf ihre Kindheit zurück, dann wissen sie: »Die Pflegefamilie ist das beste, was uns passieren konnte.« Jetzt war die Familie bei Diplom-Heilpädagogin Simone Finkskes im Büro »Netzwerk Pflegefamilien« in Warburg zu Gast, um von ihren Erfahrungen zu berichten.

Langsam Vertrauen aufbauen

»Wir möchten andere Menschen ermutigen, in Erwägung zu ziehen, ein Pflegekind aufzunehmen«, sagt Gerd Müller. Er und seine Frau können sich ein Leben ohne ihre Pflegekinder, für die sie wie leibliche Kinder empfinden, nicht mehr vorstellen.

Petra Müller erinnert sich noch sehr gut an den Tag, als sie durch eine verspiegelte Scheibe »ihre Tochter« im Kinderheim zum ersten Mal sah und ihr beim Spielen zuschaute. Das »Netzwerk Pflegefamilie« hatte die Müllers als passende Familie für Denise ausgesucht.

»Das erste Kennenlernen sollte ganz behutsam ablaufen«, erinnert sich das Ehepaar Müller. Langsam – über mehrere Wochen – sollte das Mädchen Vertrauen zu ihren künftigen Pflegeeltern aufbauen. »Wir besuchten Denise regelmäßig und freuten uns als wir sie dann schließlich mit zu uns nach Hause nehmen durften«, erzählt Gerd Müller.

Pflegeeltern werden intensiv vorbereitet

Dort erwartete das Mädchen ein richtiges Familienleben – etwas, dass die Dreijährige zuvor nicht kannte. »Meine leibliche Mutter war noch sehr jung als sie mich bekommen hat. Sie war mit der Situation überfordert«, weiß Denise von Erzählungen.

Der Kontakt zu ihrer leiblichen Familie sei jedoch nie ganz abgebrochen. »Ich habe Denise dann zu den Treffen mit ihrer Mutter begleitet«, berichtet Angelika Vennes, ebenfalls Mitarbeiterin von »Netzwerk Pflegefamilien«. Sie hat die Familie Müller von Anfang an begleitet und steht ihnen bis heute mit Rat und Tat zur Seite. »Man wird mit der Situation nicht allein gelassen. Wir haben uns immer sehr gut aufgehoben gefühlt«, berichtet der Pflegevater.

»Pflegeeltern werden auf die Inpflegenahme des Kindes intensiv vorbereitet«, sagt Simone Finkskes, die ihren Bürositz in der Hauptstraße 38 hat. Etwa ein Dreivierteljahr besuchen die Pflegefamilien Workshops, um sich auf den Familienzuwachs vorzubereiten. Sie beschäftigen sich auch mit Themen wie Bindungsstörungen und Traumata.

Bedarf an Pflegefamilien ist groß

»Viele Menschen denken, dass man als Pflegeeltern das Kind irgendwann wieder abgeben muss«, weiß Gerd Müller aus eigenen Erfahrungen. Das stimmt jedoch nicht: Anders als bei Bereitschaftspflegefamilien, die Kinder in akuten Notsituationen aufnehmen, bleibt das Kind in einer Pflegefamilie jedoch dauerhaft wohnen.

»Eine Pflegefamilie muss auch nicht dem klassischen Familienbild mit Vater, Mutter und Kind entsprechen. Auch Alleinstehende oder gleichgeschlechtliche Paare können ein Kind aufnehmen«, erklärt Simone Finkskes.

Genau wie Denise und Kevin damals, warten auch heute viele Kinder auf eine Pflegefamilie, die ihnen eine Zukunft schenkt. »Der Bedarf ist groß«, weiß die Familienberaterin aus Warburg und ruft daher Interessierte, die mehr über das Thema erfahren möchten, auf, mit ihr unter Telefon 05641/7472980 oder per E-Mail an s.finkskes@vse-nrw.de Kontakt aufzunehmen. Weitere Informationen gibt es auch im Internet unter www.netzwerk-pflegefamilien.de.

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