Winni Volmert (70) schreibt Geschichte aus seiner Kindheit auf Weihnachten in der Altstadt

Warburg (WB). Gebannt hängen die Kinder des Kindergartens Mariä Heimsuchung an den Lippen von Winni Volmert. Die Kleinen sind die ersten, die eine von dem 70-Jährigen verfasste Weihnachtsgeschichte hören. Das Besondere daran: Sie spielt in der Warburger Altstadt.

Von Ulrich Schlottmann
Die Kinder des Altstädter Kindergartens Mariä Heimsuchung waren die ersten, denen Winni Volmert seine Weihnachtsgeschichte vorgelesen hat. Gebannt lauschen hier (von links): Dragana, Svea, Elia, Aleksej, Sophie, Tom, Amelie, Samantha und Luca.
Die Kinder des Altstädter Kindergartens Mariä Heimsuchung waren die ersten, denen Winni Volmert seine Weihnachtsgeschichte vorgelesen hat. Gebannt lauschen hier (von links): Dragana, Svea, Elia, Aleksej, Sophie, Tom, Amelie, Samantha und Luca. Foto: Christian Geschke.

»Diese Geschichte habe ich schon meinen heute erwachsenen Söhnen Eric und Felix erzählt. Jetzt habe ich sie mal aufgeschrieben«, berichtet Winni Volmert, der sein schriftstellerisches Talent schon als Schreiber von Kälkenfest-Bürgerspielen und als Autor der Urban-Ulkgeschichten unter Beweis gestellt hat.

Urheber der Geschichte um eine arme Altstädter Familie und einen geklauten Weihnachtsbaum, der dem Dieb beinahe zum Verhängnis wird, ist allerdings Volmerts Vater Anton. »Unser Vater hat uns diese Geschichte – mal so und mal so – jedes Jahr erzählt, während wir elf Kinder auf die Bescherung gewartet haben – auf das Christkind, wie wir überzeugt waren«, schmunzelt Winni Volmert.

»Heiligabend in der Altstadt«

Und das ist die Weihnachtsgeschichte »Heiligabend in der Altstadt« von Winni Volmert:

»Es war einmal vor vielen, langen Jahren, da lebte ein armer Mann in der Altstadt von Warburg. Mit seiner Familie bewohnte er ein kleines geducktes Häuschen an der alten Stadtmauer hinter dem Mühlengraben. Er hatte drei Kinder und eine herzensgute Frau, die sich trotz großer Armut rührend um die Kinder kümmerte. Die zwei Mädchen und ihr kleiner Bruder mussten in einer Kammer unter dem Dach schlafen. Unten zur Straße hin befanden sich der Flur hinter der klapprigen Haustüre und die Küche, die auch als Schlafstube für die Eltern diente. Ganz hinten an der Stadtmauer, im dunklen Teil des Hauses lagen der Ziegenstall und die kleine Vorratskammer.

Der Hebst mit seinen nassen und kalten Winden hatte die letzten Blätter von den Apfelbäumen in der Diemelaue gerissen und der frostige Winter stand vor der Tür.

Die Küche mit dem großen alten Herd, in dem ein Holzfeuer knisterte, war die einzige warme Stube und das Zentrum des windschiefen Hauses. Am Abend saß die ganze Familie dicht gedrängt vor der offenen Ofenklappe, die ein schwaches Licht spendete.

Das war für die Eltern eine schwere Zeit, denn der Vater hatte als Gerbergeselle seine Arbeit verloren und fand nun als Tagelöhner im Winter selten eine bezahlte Beschäftigung. Ab und an wurde er für Holzfällerarbeiten im adeligen Forst von Wettesingen angeheuert und musste dann den weiten Weg bei Wind und Wetter durch den Roten Graben, am Hasenberg und der Calenberger Feldwarte vorbei bis in den Wald zurücklegen.

Die drei Kinder aber liebten diese dunkle Jahreszeit. So konnten sie doch abends am warmen Herd sitzen und den spannenden Geschichten des Vaters lauschen. Ein Buch, aus dem er hätte vorlesen können, gab es nicht im Haus. Ein Gesangbuch, das Sursum Corda war das einzige Büchlein, welches die Familie besaß. Die Geschichten des Vaters aber fesselten die Kinder immer wieder und mit ihnen lebten sie in ihren Phantasien in einer schöneren Welt ohne Armut und Hunger.

Die Adventszeit, wenn am Sonntag, wenn zum Abend die Glocken läuteten, die Kerzen auf dem grünen Tannenkranz angezündet und gemeinsam die schönen alten Lieder gesungen wurden, war eine ganz besondere und spannende Zeit für drei Kinder.

Für die Eltern waren diese Wochen jedoch noch sorgenreicher, als die übrigen Monate des Jahres, mussten sie doch neben den täglichen Mühen für die Versorgung der Familie versuchen, den Kindern ein schönes und heimeliges Weihnachtsfest vorzubereiten. Gerade in dieser Zeit aber war das Geld besonders knapp und reichte so eben für die einfachen täglichen Mahlzeiten.

Als nun endlich der 4. Advent gekommen war und der Heilige Abend vor der Türe stand, waren die Kinder von Tag zu Tag mehr voller Erwartung auf den schönsten Abend des Jahres.

Das Christkind hatte es in all den Jahren doch nie versäumt, auch in ihr kleines Haus hinter der alten Stadtmauer, die Geschenke, die sich die Kinder auf ihren Wunschzettel geschrieben und ans Fenster gelegt hatten, pünktlich vorbeizubringen. Die Geschenke erfreuten die Kleinen sehr, doch am meisten liebten sie den Christbaum und die kleine Krippe mit den einfachen, selbst gebastelten Figuren: Maria und Joseph, das kleine Jesuskind, Ochs und Esel und die drei zerlumpten Hirten mit ihren weißen Schafen.

Der Christbaum stand immer am Fenster, so dass seine weißen Kerzen ein schwaches Licht auf die Straße und in die dunkle Stube werfen konnten. In der Adventszeit, wenn die Kinder nach der Gute-Nacht-Geschichte in ihren Betten schliefen, hatten die Eltern wie immer die Geschenke gebastelt. Dieses Jahr waren das Puppenhäuschen für die beiden Mädchen und ein kleiner Pferdewagen für den Jungen gerade noch rechtzeitig fertig geworden. Mit ihren geschickten Händen war vor allem die Mutter in all den Jahren die beste Hilfe für das Christkind.

Den Vater aber sorgte, je näher der Heilige Abend heranrückte, der Christbaum, fehlte ihm doch selbst dafür das wenige Geld. Trotz seiner Armut war er stets ein ehrlicher und gottesfürchtiger Mann und Niemandem etwas schuldig geblieben. Schon seit Tagen quälte ihn der Gedanke, wie er für die Familie einen Weihnachtsbaum besorgen könnte, doch bis zum Heiligen Abend hatte er noch immer kein Tannenbäumchen organisieren können. In der Nacht zuvor hatte er sich das Gehirn zermartert und kaum ein Auge zugemacht. Am nächsten Morgen dann zog er sich seine klobigen Filzstiefel und warme Hosen an, warf den schweren Lodenmantel über die Schulter, nahm den Hut vom Haken und das kleine Küchenbeil unter seinen Schal und ging hinaus über die Brücken Richtung Wettesingen. Es war ein eiskalter Morgen, ein schneidender Ostwind fegte durchs Diemeltal und erste Schneeflocken taumelten leise zu Boden. Bald hatte er die Calenberger Höhe erreicht und sein Weg führte ihn weiter durch den Roten Graben vorbei am Hasenberg und der alten Calenberger Warte bis hinauf zu den Hängen hinter Wettesingen. Er kannte sich gut aus, hatte er doch oft genug in den adeligen Forsten für die Herrschaften Holz geschlagen. Ihn plagte sein Gewissen und das Herz schlug ihm bis zum Hals, denn das erste Mal in seinem Leben würde er unehrlich handeln. Er hielt inne, schaute zurück nach Norden zur Stadt Warburg und dachte an seine Kinder. Heiligabend ohne Christbaum würde ihnen das Herz brechen. Er wusste, dass an diesem Weihnachtsabend niemand im Wald arbeitete, selbst der alte Förster, ein strenger, misslauniger Mann, würde heute zuhause am warmen Ofen sitzen. Er schaute sich um. Am Rande des Forstes standen die alten Eichen als Markierung und er musste tiefer in den Wald hinein gehen, um eine kleine Fichte zu finden. Mittag war längst vorbei und die frühe Winterdämmerung zog schon herauf, als er endlich ein hübsches, kleines Bäumchen erspäht hatte. Mit wenigen Axtschlägen legte er die niedliche Fichte um, klemmte sie sich unter den Arm und trat den Heimweg an.

Niemand war zu sehen, er war allein im Wald. Es dunkelte schon und die Schneeflocken fielen dichter und schwerer zu Boden. Schon bald war die Landschaft von weichem Schnee bedeckt und die Wege verweht. Er wusste, wie er zurück zu laufen hatte; immer nach Norden, wieder vorbei an der Feldwarte und hinunter bis zur Stadt.

Inzwischen war es völlig dunkel geworden, das Schneetreiben hatte weiter zugenommen und schon bald konnte man kaum noch die Hand vor den Augen sehen.

Heiligabend – schoss es ihm durch den Kopf. Hatte er sich verirrt? Er kannte die Calenberger Feldflur doch seit seiner Kindheit wie seine Westentasche. Er stolperte, hielt für einen Moment inne und versuchte sich zu orientieren. Oh Gott; er hatte sich verlaufen und wusste nicht mehr wo er war. Sollte das schon die Strafe für seine kleine Freveltat sein? Erfrieren in der Kälte am Heiligen Abend? Er blieb stehen und einige Tränen gefroren auf seinen kalten Wangen als er an seine Frau und seine drei Kinder dachte. Wie sehnsüchtig würden sie zuhause auf ihn warten. Und als er so traurig in sich hineinhorchte, vernahm er plötzlich von fern ganz leise ein Glockengeläut. Er wusste nicht wie spät es war. Eine Uhr hatte er nie besessen. Angestrengt lauschte er in die Dunkelheit und plötzlich erkannte er das Geläute. Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn und murmelte: die Altstädter Glocken. Sechs Uhr abends musste es sein. Seit seiner Kindheit kannte er das Geläut von Sankt Marien. Früh um sieben hatte es ihn geweckt und am Abend um sechs nach Haus gerufen. Gebannt lauschte er dem schwankenden Ton der Glocken, der vom Wind und dem Schneetreiben mal lauter mal leiser zu ihm durchdrang. Seinen Augen konnte er in der Finsternis nicht mehr trauen und so folgte er ab jetzt seinen Ohren, die sich an seinen geliebten Altstädter Glocken orientierten.

Schnurstracks, querfeldein lief er nun, den kleinen Baum im Arm, geradewegs der Stadt zu, durchstapfte die Schneeverwehungen im Roten Graben und hatte bald das Flusstal erreicht. Geschafft!! Geschwind überquerte er Diemel- und Mühlengrabenbrücke und betrat die alte Stadt. Es war ruhig in den Gassen und hinter den Fenstern der Häuser brannten die ersten Kerzenlichter. Die Familie hatte seit Stunden ängstlich auf seine Rückkehr gewartet. Wie war die Freude groß, als der Vater mit einem wunderschönen Tannenbäumchen die Stube betrat.

Der kleine Baum wurde wie immer nah am Fenster aufgestellt, mit Strohsternen und Lametta geschmückt und mit den weißen Kerzen erleuchtet. Unten am Boden bauten die Mutter und die Kinder die Krippe auf und stellten die kleinen Figuren an ihren Platz. Alle standen an dem erleuchteten Christbaum und sangen die schönen Weihnachtslieder mit einer Inbrunst wie nie zuvor. Nun war alles gut! Es war Heiligabend!«

Alle Rechte bei Winni Volmert.

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