Jugendtheatergruppe »Flutlichter« feiert Premiere mit selbstgeschriebenem Stück Ein Zeichen gegen Mobbing

Ottbergen (WB). Ein Bahnhof erzählt eine Geschichte. Ganze 45 Minuten lang. Mehr Kulisse braucht es nicht. Die Mobbingattacken, die dort stattfinden, sprechen für sich. Am Samstagabend begeisterte die Jugendtheatergruppe »Flutlichter« mit dem gesellschaftskritischen Stück »Selbst Schuld!...?« 100 Zuschauer im Ottberger KuStall.

Von Laura Dunkel
Markus (Joss Spieker Siebrecht) versteht die Welt nicht mehr. Jeder kann auf dem Video im Netz sehen, wie er am Bahnhof gemobbt wird. Auch Katharina, Beatrice, Jessica, Gwendolyn (Emilia Schäfers) und Jeremy Pascal (von links) schauen es sich an.
Markus (Joss Spieker Siebrecht) versteht die Welt nicht mehr. Jeder kann auf dem Video im Netz sehen, wie er am Bahnhof gemobbt wird. Auch Katharina, Beatrice, Jessica, Gwendolyn (Emilia Schäfers) und Jeremy Pascal (von links) schauen es sich an. Foto: Laura Dunkel

15 Jugendliche waren die Stars des Abends. Schauplatz des Stückes: ein Bahnhof, an dem Jugendliche morgens auf den Zug warten. Sehr unterschiedliche Charaktere verwickeln sich dort in verschiedene Mobbingattacken, die die Komplexität des Themas und die Differenziertheit der Protagonisten verdeutlichen.

Ein Opfer ist Katharina (Anna-Lena von Wolff-Metternich). Die Neue an der Schule will dazugehören und hofft in Beatrice (Delia Riedel) und Marie (Mary-Lu Menne) Freundinnen zu finden. Die beiden Mädchen nutzen sie jedoch nur aus und drängen sie dazu, Alkohol zu klauen. Katharina fühlt sich nicht wohl, ihr Ziel treibt sie an. »Ich würde für Beatrice und Marie ins Feuer springen, damit sie mich als Freundin akzeptieren«, sagt sie zu sich selbst. Es sind diese Monologe, die sich durch das Stück ziehen und die Beweggründe für das Handeln der Protagonisten offenbaren. Auch der etwas dickere Jeremy Pascal (Michel Braun) leidet unter Mobbing. Die beliebten Jungs Nathaniel (Sören Peter) und Maurice (Paul Spiegelberg) machen sich über sein Gewicht lustig, entreißen ihm den Rucksack mit Süßigkeiten und zwingen die anderen, sie zu essen. Aus Angst, selbst ins Visier zu geraten, gehorchen sie.

Der bedeutendste Protagonist im Stück ist Markus (Joss Spieker-Siebrecht). »Ich bin anders als alle. Ich bin schüchtern, religiös und werde verachtet«, stellt er sich vor. Das Warten am Gleis ist die Hölle für ihn. Wenn er »Glück« hat, muss er nur für Nathaniel und Maurice Platz auf der Bank machen. Läuft es schlecht, bedrängen sie ihn verbal und körperlich. Eine andere Ebene erreicht das Mobbing, als Jessica (Pia Wittmann) ein Video ins Netz stellt, das zeigt, wie die Schüler Markus erniedrigen. Jeder wird Zuschauer seiner Demütigung. Als Markus es sieht, bricht seine Welt zusammen.

Die stärkste Szene ist der Schluss. Markus ist verzweifelt, fühlt sich allein und erdrückt von Problemen. Er geht früh zum Bahnhof, sieht keinen Ausweg und tritt an die Bahnsteigkante. Er fängt an zu kippeln. »Mit einem Mal kann ich alle Probleme löschen«, sagt er. Doch Katharina ist auch da. Sie erkennt, was Markus vorhat, und versucht ihn abzuhalten. Die anderen Darsteller haben die Bühne verlassen und stehen im Zuschauerbereich. »Ich wünschte, ich hätte Jessica abgehalten, das Video zu posten«, »Ich wünschte, ich hätte Katharina nicht gedrängt, Alkohol zu klauen«, »Ich wünschte, ich hätte Jeremys Bonbons nicht gegessen«: Viele Darsteller erheben die Stimme, fühlen sich schuldig. Es ist als würde Markus diejenigen verkörpern, die im Stück zum Opfer wurden. »Vielleicht hast du Recht, wir sollten nach Hause gehen«, sagt er plötzlich zu Katharina. Das Stück endet, der Applaus beginnt.

Auch wenn die Zuschauer stellenweise lachen konnten, war das Stück von Ernsthaftigkeit geprägt. »Es ist von Jugendlichen für Jugendliche. Wir bieten keine Lösung für Mobbing, sondern wollen anregen, über ein gesellschaftlich wichtiges Thema nachzudenken«, erklärte Gruppenleiterin Melanie Peter und forderte zu einem sensiblen Umgang mit seinen Mitmenschen auf. Dazu möglichen Mobbingopfern Unterstützung anzubieten und ihnen zu vermitteln: »Du bist nicht allein.« Als »unheimlich kreativ« beschrieb sie den Arbeitsprozess der Gruppe. Themenfindung, Biografieentwicklung oder Szenenerarbeitung – die Jugendlichen gestalteten das Stück selbstständig. Was sich außerhalb des Bahnhofs ereignete, wie nächtliche Albträume, stellten sie in Filmsequenzen dar.

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