Hoffmann-Nachfolger: »Fallersleben würde sich im Grabe umdrehen« Hymnenstreit: Kopfschütteln in Corvey

Höxter-Corvey (WB). Einen Hoffmann-Text umschreiben? Der Corveyer Museumsleiter Dr. Günter Tiggesbäumker ist über die bundesweite Debatte um den »nicht gendergerechten Text« der Nationalhymne entsetzt und sagt: »Das geht nicht!« Die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums, Kristin Rose-Möhring, hat eine Änderung der Nationalhymne in geschlechtsneutrale Sprache gefordert.

Von Michael Robrecht
Der heutige Schlossbibliothekar und Museumsleiter des Herzogs von Ratibor und Fürsten von Corvey, Dr. Günter Tiggesbäumker, steht mit einem Hoffmann-von-Fallersleben-Portrait im Arbeitszimmer des Deutschlandlied-Dichters in Schloss Corvey.
Der heutige Schlossbibliothekar und Museumsleiter des Herzogs von Ratibor und Fürsten von Corvey, Dr. Günter Tiggesbäumker, steht mit einem Hoffmann-von-Fallersleben-Portrait im Arbeitszimmer des Deutschlandlied-Dichters in Schloss Corvey. Foto: Michael Robrecht

Tiggesbäumker ist der »Nachfolger« auf Hoffmann von Fallerslebens Stuhl als Bibliothekar und Museumsleiter in Schloss Corvey. Der Textdichter des Deutschlandsliedes ist seit 1874 auf dem Friedhof neben der Corveyer Abteikirche beerdigt. »Hoffmann würde sich im Grabe umdrehen, wenn er diese absurde Debatte noch miterleben müsste«, kommentierte Dr. Tiggesbäumker die seit Tagen laufende Diskussion. Historische Texte wegen des Zeitgeistes umzuschreiben, das gehe gar nicht. »Ein Text, der vor 176 Jahren gedichtet wurde, darf nicht einfach verfälscht werden. Ich bewerte es wie Kanzlerin Merkel, die keinen Bedarf für eine solche Änderung sieht«, sagte der Corveyer Bibliothekar gestern gegenüber dem WESTFALEN-BLATT.

Wie berichtet, hatte die oberste Gleichstellungsbeauftragte der Berliner Bundesbehörden in einem Beitrag zum Weltfrauentag am 8. März Vorschläge unterbreitet, wie die 3. Strophe des Deutschlandliedes endlich genderneutral neu und ohne jeden Männer-Bezug formuliert werden müsse. Ein Sturm der Empörung war die Folge, auch in Höxter und Corvey. Aus »Vaterland« soll »Heimatland« werden, aus »brüderlich mit Herz und Hand« »couragiert mit Herz und Hand«. Sie forderte: »Warum gendern wir nicht unsere Nationalhymne, das Deutschlandlied? Täte gar nicht weh.«

Dem Corveyer Hoffmann-Nachfolger tut das weh. Immer wieder habe es Debatten um den Text der Hymne gegeben, vorzugsweise zu Fußball-WM- oder EM-Zeiten und im Sommerloch. Er könne grundsätzlich verstehen, wenn man sich bei neuen Texten über eine geschlechtsneutralere Sprache Gedanken mache, aber doch nicht bei der Nationalhymne. Das sei eine überflüssige und absurde Diskussion. In Corvey sei das Deutschlandlied bei Führungen und Besuchen am Hoffmann-Grab immer ein sachliches Thema, und auch bei der Fallersleben-Rede an jedem 1. Mai widme man sich dem Hoffmann-Werk – auch den Kinderliedern, wo es inhaltlich, wie bei Grimms Märchen, immer einiges zu interpretieren gebe. Man müsse Hoffmanns Dichtung in die Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts mit der deutschen Nationalstaatsdebatte einordnen, um die Aussagen richtig verstehen zu können.

Der heimische CDU-Bundestagsabgeordnete Christian Haase erklärte zur Diskussion dies: »Die Debatte geht am Thema vorbei. Eine Hymne ist für mich auch immer ein dichterisches Werk, bei dem man die Sprache zur Entstehungszeit mit betrachten muss. Also Hymne bleibt Hymne, ohne wenn und aber. Die Alternative wäre eine komplett neue Hymne. Das halte ich für falsch. Wir sollten unsere Energie lieber dafür verwenden, allen Frauen in der Welt die Grundrechte zuzusichern und in Deutschland für Lohngleichheit zu sorgen.«

Heimische Gleichstellungsbeauftragte hielten sich gestern bedeckt, was eine Kommentierung der Forderung der Berliner Kollegin anging. Teilnehmerinnen der laufenden Frauenwoche in Höxter, die namentlich nicht genannt werden möchten, sehen in dem Vorstoß kein Gewinnerthema. Die meisten zeigen wenig Verständnis für den Berliner Vorschlag. Eine Facebook-Nutzerin aus Höxter schreibt: »Wir brauchen echte Gleichberechtigung, in den Köpfen der Gesellschaft. Mit solch sinnlosen Forderungen kann man den ganzen Feminismus lächerlich machen.« Ein Leser mailt: »Ich glaube, Deutschland hat nach einem halben Jahr ohne Regierung Wichtigeres zu erledigen!«

Kommentare

Hymnenstreit: Kopfschütteln in Corvey.

Zum Glück gibt es anscheinend noch klar denkende Menschen. Ansonsten würde ich den Vorschlag machen, aus dem Wort Muttersprache Heimatsprache zu machen.

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