»Volksbank-Aschermittwoch«: Prof. Stiegemann setzt Hightech in Corvey ein Welterbe: Mit Tablets zurück ins Mittelalter

Höxter (WB). Wenn Prof. Christoph Stiegemann über die virtuellen Raum- und Lichtinszenierungen für das Westwerk in Corvey spricht, dann gerät er mitreißend ins Schwärmen und zieht seine Zuhörer schon durch die bloßen Beschreibungen der neuen Mulitmedia-Entwürfe sichtbar mit: Stiegemann war Gast beim »Aschermittwoch der Volksbank« in Höxter.

Von Michael Robrecht
Die Kaiserkirche (Johanneschor) im Westwerk von Corvey könnte demnächst auf Besucher-Tablets so farbenfroh dargestellt werden. In diesen Räumen residierten im Mittelalter die Kaiser, wenn sie von Corvey aus Europa regierten.
Die Kaiserkirche (Johanneschor) im Westwerk von Corvey könnte demnächst auf Besucher-Tablets so farbenfroh dargestellt werden. In diesen Räumen residierten im Mittelalter die Kaiser, wenn sie von Corvey aus Europa regierten.

Mehr als 100 Gäste aus Wirtschaft, Politik und dem Volksbank-Höxter-Kundenkreis zeigten durch anhaltenden Applaus, dass das Thema »Welterbe Corvey« die Menschen durchaus weiter begeistern kann – wenn es konkrete Projekte für das alte Corvey gibt. Und die Kirche liefert jetzt: 2019 wird die mehrere hunderttausend Euro teure mediale Zeitreise in die mittelalterliche Geschichte der Reichsabtei eröffnet. Prof. Stiegemanns Motto: »Hightech trifft Historie«. 1200 Jahre Corvey-Gründung 2022, eine mögliche Landesgartenschau 2023: Der neu gestaltete Auftritt des mittelalterlichen Corvey passe genau in diese interessante Phase, so Stiegemann, der dieses Jahr erstmals außerhalb der kirchlichen und fachlichen Gremien vor Publikum im Saal der Volksbank Höxter aktuelle Corvey-Pläne vorstellte.

Für die Erdgeschosshalle der Kirche habe er die Idee, die noch viel zu dunkle Raumwirkung mit den Säulen und Kapitellen für die Besucher völlig anders erlebbar zu machen. Zurzeit dominiere in der Tiefe des Raumes die golden und hell ins Licht gesetzte Triumphal-Architektur der drei Altäre der barocken Saalkirche, die die Besucher über die »Via Triumphalis« magisch anziehe. Stiegemann will Besuchergruppen aber bereits im Eingangsbereich die dort viel bedeutendere Architektur und Bauplastik zeigen. Er habe lange nur mit 3d-Simulationen, Reality-Brillen und Videoanimationen oben in der Kaiserkirche geplant, jedoch würden etliche Besucher, die gehbehindert seien, dort ausgeschlossen, weil sie durch das Turmtreppenhaus nur schwer ins Obergeschoss kommen könnten.

Eine intelligente acht mal fünf Meter große gläserne Trennwand wird dieses Jahr von der Bielefelder Firma »Menke Glas« zwischen Westwerk und Kirchenraum eingebaut. Das Glas der Trennwand kann in seiner Durchsicht schnell verändert werden, wenn die siebeneinhalbminütige Projektion über das Mittelalter gelaufen sei,

»Es tut sich etwas im Westwerk und wird jene Dynamik entfalten, die wir uns so sehr seit 2014 für Corvey wünschen.« Dieses Projekt sei für ihn zum Herzensanliegen geworden, gestand Prof. Stiegemann. Der Leiter des Diözesanmuseums, Hochschullehrer und Vorsitzende der Kunstkommission des Erzbistums will mit 60 Tablets den Johanneschor in all seiner mittelalterlichen Farbenpracht und mit den Stuckfiguren sowie Gemälden vom Kampf des Odysseus gegen das Meeresungeheuer Skylla den Besuchern zeigen. Diese 500.000 Euro teure Digital-Technik – und das ist eine vom Bund genehmigte bisher nicht bekannte Umplanung des Gestaltungsantrages für die Kaiserkirche – soll die Leute in innovativer Weise in die mittelalterliche Corvey-Geschichte mit Ansgar oder den 100 Kaiser- und Königsbesuchen eintauchen lassen.

In Abstimmung mit der 200-Seelen-Gemeinde Corvey, den Fachwissenschaftlern und den Denkmalpflegern des LWL wird auf die Denkmalverträglichkeit der Ideen und Baumaßnahmen hohen Wert gelegt. Und da müsse man dann auch hinnehmen, dass die Denkmalpfleger statt sechs Projektoren für die Raum- und Lichtinszenierungen nur zwei zur Anbringung in den 1200 jahre alten karolingischen Gemäuern unten gestatteten, berichtete Prof. Stiegemann von gestalterischen Grenzen. Aus konservatorischer Sicht gelte auch der Johanneschor als hochsensibel, es müsse jedoch gelingen, den Besuchern dennoch das ursprüngliche Erscheinungsbild mit seiner reichen Farbigkeit und plastischen Gestaltung nahe zu bringen.

Prof. Stiegemann wies auch auf das Controlling der Unseco hin. Das ICOMOS Monitoring wolle sehen, was in Corvey geschehe. »Die Besucher kommen«, prognostizierte Stiegemann und sieht den Gästerückgang nur als Delle an.

Für die angedachte Landesgartenschau in Höxter 2023 schwebt Prof. Stiegemann vor, dass die Klostergebäude der Civitas als archäologische Fenster auf dem heutigen Schlossgelände sichtbar gemacht werden.

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