44 Reliquiensäckchen aus Domschatz bald wieder in Corvey – Pfarrer »entführt« Heilige Rückkehr nach 105-jähriger Odyssee

Höxter/Corvey (WB). Kloster Corvey ist immer für eine nicht alltägliche Geschichte gut. Nach 105 Jahren kehren jetzt 44 Säckchen mit Corveyer Heiligenreliquien in die Abteikirche zurück. Die Odyssee der 70 sterblichen Überreste bedeutender Heiliger beginnt damit, dass sie ein Geistlicher 1913 in Folge seiner Strafversetzung eigenmächtig nach Eslohe/Sauerland mitgehen lässt.

Von Michael Robrecht
Eines der schönsten Stücke als Silberarbeit: Corveyer Kopf­reliquiar für den Heiligen Ansgar, Corveyer Mönch und erster Erzbischof von Hamburg (Namenstag ist der 3. Februar). Die Reliquien aus dem Paderborner Domschatz werden bei der Ansgar-Vesper am 11. Februar in Corvey zurückgegeben.
Eines der schönsten Stücke als Silberarbeit: Corveyer Kopf­reliquiar für den Heiligen Ansgar, Corveyer Mönch und erster Erzbischof von Hamburg (Namenstag ist der 3. Februar). Die Reliquien aus dem Paderborner Domschatz werden bei der Ansgar-Vesper am 11. Februar in Corvey zurückgegeben. Foto: Michael Robrecht

»Die gehören nach Corvey!«

Ein Pfarrer »entführt« Heilige? In der Schatzkammer des Paderborner Domes haben die bedeutenden Reliquien aus der Welterbestätte an der Weser unbeachtet seit 1962 gelegen. Monsignore und Domkapitular Andreas Kurte, dessen Herz durch seine Zeit als Pfarrer von Corvey und Pfarrdechant in Höxter immer noch sehr für Corvey schlägt, bekam durch eine Mitarbeiterin des Diözesanmuseums Wind von den vielen Corvey-Reliquien. Nach einer Analyse stand schnell fest: »Die gehören eindeutig nach Corvey!«

Monsignore Andreas Kurte. Foto: M. Robrecht

Dorthin will sie Kurte am Sonntag, 11. Februar, feierlich zurückbringen. In der St.-Ansgar-Vesper um 17 Uhr werden sie an den heutigen Pfarrdechanten und Corvey-Pfarrer Dr. Hans-Bernd Krismanek übergeben. Translatio 2018 – die aber hat eine Vorgeschichte.

Zwangsversetzung mit Reliquien im Gepäck

Um die Rückübertragung möglich zu machen, musste Monsignore Kurte erst das Metropolitankapitel überzeugen, den »Corveyer Schatz« aus der Paderborner Domschatzkammer herauszugeben. »Sie sollten dorthin zurückkehren, wohin sie gehören«, sagt Kurte dem WESTFALEN-BLATT. Seit 1962 hätten sie schon in der Kammer gelegen, ergaben Kurtes Recherchen. Er stellt auch fest, dass der 1909 bis 1913 für Corvey zuständige Pfarrer Dr. Philipp Hille nach »nicht unerheblichen Schwierigkeiten« im Sommer 1913 unfreiwillig nach Eslohe versetzt worden sei, wo er 1915 verstarb. Die Reliquien habe Hille im Gepäck gehabt, als er ins Sauerland übersiedelte. Nach seinem Tod seien sie dort bis 1962 geblieben, dann in Paderborn gestrandet.

Die Namensliste der Corveyer Reliquien und ihrer früheren Kirchen im Domschatz ist beeindruckend: Vitus, Bonifatius, Liutrudis, Stephanus, Papst Gregor, Barbara, Maria Magdalena, Hubertus, Vater Benedikt, Bernhard, Catharina – und noch mehr bekannte Namen. Aus Rom, Halberstadt oder Hameln kamen Knochenstücke.

44 durchnummerierte Säckchen gefunden

»Im Bestand der Domschatzkammer haben sich 44 durchnummerierte Reliquiensäckchen befunden«, schildert Andreas Kurte. Alle aus Corvey! Freundlicherweise habe Archivleiter Dr. Arnold Otto ihm eine Handakte »Corvey Reliquien, Büronachlass Sander« zukommen lassen, in der auf diesen Reliquienbestand eingegangen werde. Die Liste von Reliquien stimme mit den Reliquien in der Domschatzkammer überein. Was für ein Fund: Monsignore Kurte entdeckt auch, dass mit Schreiben vom 23. Juli 1962 sich der damalige Archivar Dr. Cohausz an Generalvikar und Dompropst wandte. Er wisse zu berichten, dass Stadtbaurat Michels einen größeren Pappkarton vom Vater Ochsenfarth erhalten habe. »Darin befand sich der Inhalt eines Reliquienschreines. Dieser Schrein aus der Zeit des 30-jährigen Krieges war vom Pfarrer in Eslohe dem Künstler zur Restaurierung gegeben worden. In diesem Schrein hat sich eine Sammlung von Reliquien befunden, die aus ihren Fassungen genommen und teilweise wieder in Beutel gesteckt waren, andere befanden sich in älteren Seidenbeuteln«, berichtet Andreas Kurte.

Freude über Rückkehr

Eine Untersuchung habe die Gewissheit gegeben, dass es sich um einen geschlossenen Bestand aus der Corveyer Kirche handele. Cohausz erhielt den Auftrag, den Schatz zu bewahren. »Dem Schriftverkehr ist zu entnehmen, dass mehrfach Vorschläge zur Lagerung der Reliquien – auch in Corvey – gemacht wurden, die nie umgesetzt wurden«, so Kurte, der 2005 als Pfarrdechant in Höxter den weiteren Bestand aller Reliquien in Corvey gesichtet und in den vorhandenen Reliquienschrank eingeordnet hatte. Der Corveyer Kirchenvorstand freut sich über die Reliquienrückgabe. Und Monsignore Kurte, der kürzlich ein Buch über alle Corveyer Äbte und Bischöfe veröffentlicht hat, ist eben so stolz darauf.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.