Nach Jahren ist endlich Schluss mit Alkohol: Uwe Glahn dankt seinem »Weihnachtsengel« Nachbarin mit Herz rettet Höxteraner

Höxter (WB/am/rob). Es gibt ihn wirklich, den Weihnachtsengel. In diesem Fall rauscht er aber nicht mit goldenem Haar durchs Haus, sondern wirkt als stiller Helfer im Hintergrund. Ein 47-jähriger Höxteraner denkt Weihnachten besonders dankbar an seinen ganz persönlichen Himmelsboten. Mit Hilfe einer beherzten Nachbarin hat er es geschafft, sein Leben in den Griff zu bekommen.

Hier in der Rosenstraße in Höxter hat Uwe Glahn (auf dem Bild mit Nachbarin Elke Dörries) mit seiner Familie lange in diesem fast 500 Jahre alten Fachwerkhaus gelebt.
Hier in der Rosenstraße in Höxter hat Uwe Glahn (auf dem Bild mit Nachbarin Elke Dörries) mit seiner Familie lange in diesem fast 500 Jahre alten Fachwerkhaus gelebt. Foto: MPR-Micus/H.-G. Schruhl

Gesundheit, Verzicht auf Alkohol und eine neue Lebensperspektive, das empfindet Uwe Glahn als echtes Weihnachtsgeschenk. Die Geschichte des 47-Jährigen berührt: »Ich habe geholfen, weil es bitter nötig war«, sagt Elke Dörries (58) und legt ihrem Schützling freundschaftlich den Arm um die Schulter. Der kräftige Mann nickt. »Ohne sie würde es mich heute nicht mehr geben«, sagt der Höxteraner. »Sie hat mir die Chance auf ein neues Leben gegeben.«

Bis dahin hatte Uwe Glahn nie eine Chance. Er wird in eine Trinkerfamilie geboren. Sein Vater, seine Mutter, seine beiden Brüder, alle trinken sie reichlich. Bier und Schnaps gibt es schon zum Frühstück. Als die Brüder aus dem Fachwerkhaus in der Altstadt ausziehen und vor zehn Jahren der Vater stirbt, bleibt Uwe bei seiner Mutter Anna und trinkt sich weiter die Angst vor dem Leben weg. »Zwei Flaschen Schnaps täglich waren für mich normal«, erinnert er sich heute. Und dann steht plötzlich Nachbarin Elke Dörries vor ihm, klein, resolut, mit klaren Ansagen und plötzlich ist in seinem Leben nichts mehr wie es einmal war. Seit mehr als fünf Jahren rührt er keinen Tropfen Alkohol mehr an und Elke strahlt zufrieden: »Er ist ein guter Mensch!«

Rückblick: Oktober 2011. Die Reinigungsfachfrau Elke Dörries lebt mit Ehemann Meinhard und Mischlings-Hund Benni in einem hübschen Haus in Höxters Altstadt. Stundenweise betreut sie in der Nähe eine alte Dame. Vor dem Haus spricht sie plötzlich jemand an, Uwes älterer Bruder, fragt, ob sie sich auch um seine Mutter und seinen jüngeren Bruder kümmern könnte. Elke Dörries sagt zu, aber ahnt nicht, was auf sie zukommt.

»Als ich in das Haus kam, liefen mir Ratten über die Füße. Alles war voller Müll und es stank fürchterlich«, erzählt sie. Beide sind vom Alkohol gezeichnet und wohnen im Elend. »Sie hatten nicht einmal ein Bett«, erinnert sich die Höxteranerin. »Uwe schlief schon zehn Jahre auf dem Boden, Anna auf dem Sofa. Sie hatte nicht einmal eine Decke.«

Elke Dörries sieht Uwes Augen. Sie blicken leer, hoffnungslos. Und leise murmelt er: »Helfen Sie uns?« Viele Menschen wären jetzt einfach gegangen. Elke bleibt. »Ich war von dem Anblick der beiden so erschüttert, dass ich keinen Ton herausbekommen habe, aber dann wusste ich: hier werde ich wirklich gebraucht.« Elke Dörries erkennt, dass sie sofort handeln muss und sagt: »Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Wenn ich Euch helfen soll, hört Ihr auf zu trinken. Wenn nicht, gehe ich sofort.«

Uwe Glahn mit Nachbarin Elke Dörries bei einem Gespräch. Foto: H.-G.Schruhl

Was dann geschieht, bezeichnet Elke Dörries heute als eine »Riesenüberraschung«. Uwe Glahn steht auf, nimmt die Flaschen vom Tisch und schüttet den Schnaps statt wie bisher in die Kehle dieses Mal ins Waschbecken. Dann setzt er sich zur Mutter, streichelt ihre Hand und meint: »Bitte bleib bei uns.«

Dieser Satz ist der Beginn einer wunderbaren Verbindung. Denn beide halten, was sie sich versprochen haben. Elke Dörries kauft von ihrem Geld eine Decke für Anna und schafft etwas Ordnung in der Wohnung. Dann geht sie direkt zum Gericht und beantragt die Vormundschaft für die beiden.

Die nächsten Tage klappert sie alle Ämter in Höxter ab, besorgt eine hübsche Zweizimmer-Wohnung und kauft von ihren Ersparnissen Möbel. Doch damit ist es nicht getan. Uwe und Anna müssen lernen, wieder ein normales Leben zu führen. Ohne Alkohol! Und Elke ist für sie da. Geld einteilen, Einkaufen, Kochen, den Haushalt in Schuss halten. Elke Dörries begleitet beide. »Ich bin jeden Tag nach der Arbeit zu ihnen gegangen, habe alles mit ihnen geübt.«

Geld bekommt sie dafür nicht, nur ein jährliche Aufwandsentschädigung von knapp 400 Euro. »Aber Uwes strahlende Augen zu sehen, ist Lohn genug« sagt sie und erinnert sich noch gut daran, wie sehr er sich gefreut hat, als er endlich ein eigenes Bett bekam. Und besonders bewundert sie ihn dafür, dass Uwe Glahn trotz aller Schwierigkeiten nicht mehr zur Flasche greift. Selbst als 2013 Anna stirbt, wird Uwe nicht rückfällig. »Ich trinke nicht mehr, das habe ich dir doch versprochen«, sagt er tapfer, als er am Totenbett seiner geliebten Mutter sitzt.

Heute lebt der 47-Jährige in einer eigenen Zwei-Zimmer-Wohnung in Höxter. »Alles ist tipptopp, das macht er allein«, sagt Elke Dörries stolz. Auch seinen Tagesablauf hat sie strukturiert. »Jeden Tag kommt er morgens zu uns, trinkt seinen Kaffee und geht dann mit Benni spazieren.« Die frische Luft tut ihm gut, über den Hund lernt er andere Menschen kennen. Dabei erzählt er, wem er sein neues Leben verdankt.

Uwe Glahn hat einen Wunsch. Er fühlt sich stark genug, endlich zu arbeiten, träumt von einer Stelle als Gärtner oder als Hausmeister. Er liebt Tiere und Natur. »Doch niemand gibt ihm eine Chance. Er ist für alle nur der Trinker«, schildert Elke Dörries. »Ich habe nur getan, was alle tun sollten«, sagt die Frau. »Ich möchte, dass man Uwe eine Arbeit gibt. Er hat so viel geleistet und verdient, dass man an ihn glaubt.« Ein Job wäre ein tolles Weihnachtsgeschenk für Uwe Glahn. Und für uns alle hat Elke Dörries eine einfache Botschaft parat: »Wenn wir alle hinsehen, können wir in einer besseren Welt leben!«

Kommentar

Elke Dörries hat gezeigt, was gelebtes Ehrenamt und echte Hilfsbereitschaft ausmachen. Sie war da, als sie gebraucht wurde, redete nicht groß darüber und freut sich jedes Mal, wenn sie ihren Schützling trifft. Viele Höxteraner kennen Uwe Glahn aus dem Stadtbild und wundern sich, dass es möglich war, ihn nachhaltig aus dem Elend zu holen. Respekt. Eigentlich müsste man für Elke Dörries – und auch für andere Vorbilder – einen Preis als »Stille Heldin des Alltags« stiften.MichaelRobrecht

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