Rentner wollen 192 Kilometer in sechs Tagen schaffen - Montag Stopp in Höxter Mit dem Floß auf der Weser nach Minden

Reinhardshagen/Höxter (dpa). Die Fichtenstämme sehen harmlos aus. Doch wenn sie in Bewegung geraten, sind sie geradezu unberechenbar. »Die Stämme sind alle nicht gerade, wenn die eine Böschung runterrollen, schlagen die richtiggehend aus«, erklärt Hermann-Josef Rapp.

Weserflößer Heinz Christian befestigt in Reinhardshagen (Hessen) die Fichtenstämme auf der Weser. Am Sonntag beginnt die abenteuerliche Fahrt.
Weserflößer Heinz Christian befestigt in Reinhardshagen (Hessen) die Fichtenstämme auf der Weser. Am Sonntag beginnt die abenteuerliche Fahrt. Foto: dpa

Rapp und 17 Mitstreiter – fast alle Rentner – wissen, wovon sie reden. Sie bauen zum dritten Mal ein Holzfloß nach historischem Vorbild. Von Sonntag an wollen sie damit in Etappen auf der Weser fahren: vom nordhessischen Reinhardshagen über Höxter (Ankunft am Montag) durch Niedersachsen entlang der Route Höxter, Holzminden, Bodenwerder, Hameln und Rinteln bis nach Minden (Ankunft am Freitag). Am Sonntagmorgen ist das Floß in Reinhardshagen ohne Probleme gestartet. Nachthalt ist in Bodenfelde. Das Floß  passiert am Montag Beverungen und Wehrden am Nachmittag und wird gegen 18 Uhr in Höxter erwartet. Dort ist eine Übernachtung eingeplant.

Bis in die 1950er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein wurde Holz mit Flößen transportiert. »Die Alten, die am Ufer stehen, erinnern sich noch gerne an die Zeiten«, sagt Rapp. Der Ausbau der Flüsse und Schleusen senkte dann die Fließgeschwindigkeit des Wassers, die Flößerei wurde unrentabel. Zudem eröffneten Eisenbahn und größere Lastwagen neue Möglichkeiten.

Immaterielles Kulturerbe

2014 wurde die Flößerei in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Unesco aufgenommen. Hermann-Josef Rapp und seine Freunde begannen 2008, das alte Handwerk wiederzubeleben – mit Erfolg. Tausende säumten damals den Fluss und bestaunten das Floß. Nun gehen die Männer des Vereins »Weserflößer« wieder auf Tour. 192 Flusskilometer wollen sie in sechs Tagen überwinden. 40 Meter lang wird das fertige Floß sein, 100 Tonnen schwer.

»Das ist eine ernsthafte Sache«, sagt Rapp. Zum Glück habe es bei den Vorbereitungen bislang bis auf ein paar Blasen keine ernsthaften Verletzungen gegeben. Die Blasen kommen vom Schälen der 66 Stämme aus dem Solling und dem Reinhardshäger Wald. Die Flößer haben sie eigenhändig von der Rinde befreit.

Steuern darf nicht jeder

Der ehemalige Schlosser Heinz Christian, der bei den Touren 2008 und 2009 auch schon dabei war, sagt: »Ein halbes Jahr Vorbereitung ist fast zu wenig.« Der hölzerne 100-Tonnen-Koloss müsse nicht nur gebaut, sondern auch versichert sein. »Wenn damit ein anderes Schiff gerammt wird, nicht auszudenken«, betont Christian. Steuern darf nicht jeder, nötig ist ein sogenanntes Weser-Patent. Einer aus den Reihen des Flößer-Vereins hat es.

Auch bei der Abnahme durch einen Sachverständigen wird nichts auf die leichte Schulter genommen. »Die geforderte Reling widerspricht zwar den historischen Vorbildern, sorgt aber für Sicherheit«, erläutert Christian. Die Kosten für die sechstägige Fahrt beziffern die Männer auf bis zu 30.000 Euro. Sponsoren helfen bei der Finanzierung. »Die Abnahme, die Versicherung, das Holz«, zählt Christian die Kostenfaktoren auf.

Das Projekt steht unter dem Motto »Regional ist nicht egal«. Es gehe darum, das örtliche Handwerk zu fördern, auf überschaubare Lieferketten zu achten und unnötigen Energieeinsatz zu vermeiden, erklärt Rapp. Das Fichtenholz wird nach der Tour in Minden in ein Sägewerk vor Ort gebracht. Denn statt Nägel ins Holz zu schlagen, werden die Stämme zusammengebunden. Die Fahrt auf der Weser steigere sogar die Holzqualität. Rapp: »In Minden kommt kein Wurm mehr im Holz an.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.